Südafrika ist zurück auf der WM-Bühne, 16 Jahre nach dem Weltturnier im eigenen Land und einer langen Durststrecke. Doch die „Bafana Bafana“ reist mal wieder als krasser Außenseiter an. Starcomedian Trevor Noah, der aus Südafrika stammt, hat über „seine“ Nationalmannschaft und ihre Fans einmal gesagt: „Das Gute daran, Südafrikaner zu sein, ist: Unsere Herzen sind von vornherein gebrochen. Wir haben ohnehin keine Hoffnung“. Was der ehemalige Moderator der „Daily Show“ meint: So sehr die Fans vom Kap der Guten Hoffnung auch mit ihrer Nationalelf mitfiebern, sie sind ein schwaches Abschneiden gewohnt. In den Straßen von Johannesburg hängen Fahnen aus den Fenstern, in den Radios laufen alte WM-Songs. Nach 16 Jahren Abstinenz steht Südafrika wieder auf der größten Bühne des Fußballs. Die Euphorie ist spürbar, doch die Realität bleibt: Das Team ist Außenseiter. Und das weiß es auch. So hat sich Südafrika für die Weltmeisterschaft qualifiziert Der Weg nach Nordamerika war ein Ritt auf der Rasierklinge. Südafrika gewann die Quali-Gruppe C – und das trotz eines handfesten Skandals. Teboho Mokoena, eigentlich gesperrt, lief gegen Lesotho auf. Die FIFA wertete das Spiel als 0:3, zog drei Punkte ab und belegte den Verband mit einer Geldstrafe. Plötzlich war Nigeria wieder im Rennen. Doch „Bafana Bafana“ hielt stand, schlug Ruanda 3:0 und sicherte sich das Ticket. Die Entscheidung fiel erst am letzten Spieltag, weil Hauptkonkurrent Benin gegen Nigeria patzte. Die Mannschaft musste sich nicht nur auf dem Platz beweisen, sondern auch gegen die eigenen Funktionäre. Visa-Probleme vor der Abreise, interne Schuldzuweisungen, öffentliche Kritik – Südafrika qualifizierte sich trotzdem. Das sind Südafrikas Vorrunden-Gegner in der WM-Gruppe A Südafrika spielt in der Gruppe A gegen Mexiko, Tschechien und Republik Korea. Mexiko – Mexiko-Stadt, 11. Juni, 21 Uhr (MESZ): Der Auftakt im Aztekenstadion ist ein Déjà-vu. Auch 2010 eröffnete Südafrika als Gastgeber gegen Mexiko, jetzt kehrt das Team zurück – als Außenseiter. Die Mexikaner sind zu Hause eine Macht, das Publikum wird zum zwölften Mann werden. Nationaltrainer Broos weiß: „Wir müssen mental bereit sein.“ Die Höhe, die Hitze, die Kulisse – das ist ein Härtetest. Tschechien – Atlanta, 18. Juni, 18 Uhr (MESZ): Tschechien bringt europäische Organisation und robuste Zweikampfführung mit. Weite Teile des Kaders spielen regelmäßig bei guten Vereinen in Europas Topligen. Die Defensive steht tief, das Umschaltspiel ist schnell. Für Südafrika heißt das: Geduld, Kompaktheit, auf Fehler warten. Die Chance liegt in der eigenen Fitness und im schnellen Umschalten. Südkorea – Monterrey, 25. Juni, 3 Uhr (MESZ): Die Koreaner sind laufstark, technisch stark, im Angriff variabel. Das Team von Heung-min Son (ehemals beim HSV und Tottenham Hotspur) sucht das Eins-gegen-Eins, attackiert schnell über die Flügel. Für Südafrika wird es darauf ankommen, die Räume eng zu halten und Umschaltmomente zu nutzen. Die Reiseroute – Mexiko-Stadt, Atlanta, Monterrey – verlangt dem Kader alles ab: Klimawechsel, Flugstress, Höhenunterschiede, wenig Regeneration. Das sind Südafrikas wichtigste Spieler Ronwen Williams (Mamelodi Sundowns, Marktwert ca. 800.000 Euro): Williams ist der Rückhalt und Kapitän der südafrikanischen Nationalmannschaft . Vier gehaltene Elfmeter im Halbfinale des Afrika-Cups sprechen eine deutliche Sprache, er ist ein Vorbild für viele junge Südafrikaner. Williams wuchs in schwierigen Verhältnissen auf, wurde bei SuperSport United groß und ist heute der Mann, der im Tor die Nerven behält, wenn es zählt. Im Spielaufbau unter Druck nicht immer souverän, aber als Elfmeterkiller und Führungspersönlichkeit ganz wichtig. Teboho Mokoena (Mamelodi Sundowns, Marktwert ca. 2,8 Millionen Euro): Mokoena ist das Herz des Mittelfelds. Im Aufbau als zentraler Mann spielt er gezielt Diagonalbälle hinter die Abwehr, ist der Taktgeber im Ballbesitzspiel. In der Qualifikation stand er im Zentrum eines Skandals, als er trotz Sperre auflief. Die Kritik war heftig, auch privat. Auf dem Platz bleibt er trotzdem einer der wichtigsten Spieler. Lyle Foster (Burnley, Marktwert ca. 8 Millionen Euro): Foster ist der Zielspieler, der Mann für die Tore. In der Premier League hat er sich durchgebissen, bei „Bafana Bafana“ ist er gesetzt. Nach einer mental schwierigen Phase 2023 sprach er offen über Depressionen und Angst: „Es ist wichtig, Menschen zu haben, denen man sich anvertrauen kann.“ Auf dem Platz ist er wieder da, trifft, legt auf, zieht die Abwehr auseinander. Ohne Foster fehlt dem Angriff die Wucht. Seine Durchbrüche und Läufe in die Tiefe sind für das System unverzichtbar. Relebohile Mofokeng (Orlando Pirates, Marktwert ca. 3 Millionen Euro): Mofokeng ist das Versprechen auf die Zukunft. In der heimischen Liga ist er Top-Torschütze und bester Vorlagengeber, seine Pässe hinter die Abwehr und seine eigenen Läufe in die Tiefe sind ein Schlüssel dafür. Technisch stark, spielintelligent, ausgebildet im wichtigsten Fußball-Internet des Landes. Trainer Broos sieht ihn als mitspielenden Neuner: „Seine Qualität ist das Passspiel, nicht das Dribbling am Flügel.“ Gegen schwächere Gegner kann er aber auch außen spielen. Die Bühne der WM soll sein Sprungbrett nach Europa werden. Mbekezeli Mbokazi (Chicago Fire, Marktwert ca. 3,5 Millionen Euro): Der 20-Jährige ist robust, linksfüßig und kompromisslos. Hat sich in der Viererkette festgespielt, besticht durch Ruhe und Sicherheit und könnte mit dem Hannoveraner Ime Okon (22 Jahre) das jüngste Innenverteidiger-Duo der WM stellen. Sein Wechsel in die MLS sorgte für Ärger mit Broos, der lieber einen Transfer nach Europa gesehen hätte. Disziplinprobleme gab es auch: kam zu spät ins Trainingslager und kassierte eine öffentliche Rüge vom Coach. Das ist der Trainer: Hugo Broos WM – das kann Hugo Broos. Als eisenharter Innenverteidiger gehörte er 1986 in Mexiko zu jener grandiosen belgischen Mannschaft, die erst im Halbfinale Maradonas Argentiniern unterlag. Broos, zweimal Europapokalsieger mit dem RSC Anderlecht, Afrika-Cup-Sieger mit Kamerun und seit bald 40 Jahren Trainer-Weltenbummler, ist heute 74 Jahre alt, aber immer noch drahtig wie einst und feurig wie immer. Seit 2021 trainiert er nun Südafrika und führte das Land zur ersten WM-Qualifikation seit der Heim-WM 2010. Öffentlich scheut er keinen Konflikt – weder mit Spielern noch mit dem Verband. Nach dem Sommer, das hat Broos schon verkündet, soll dann aber Schluss sein mit dem Dasein als Coach. Spielsystem und Taktik Südafrika agiert im 4-2-3-1. Die Defensive steht tief, die Außenverteidiger sichern ab, im Zentrum räumt Mokoena auf. Umschalten ist das Zauberwort: Nach Ballgewinn geht es schnell über Mofokeng oder Foster nach vorn. Die Mannschaft lebt von Fitness und Teamgeist, Standards sind eine Waffe – oder besser: könnten es sein, denn offensiv fehlt es an Präzision bei Hereingaben, defensiv ist das Team nach hohen Flanken und beim zweiten Ball anfällig. Im Aufbau sucht Südafrika das flache Spiel, die Innenverteidiger und die Doppelsechs bilden Dreiecke, Mokoena ist der Dreh- und Angelpunkt. Die Offensivspieler kommen dem Ball entgegen, attackieren aber auch die Tiefe. Das Passspiel dient immer dazu, Räume im zweiten und letzten Drittel zu öffnen. Die Schwachstellen liegen in der Restverteidigung: Bei schnellen Angriffen und nach Standards fehlt oft die Ordnung. Im Afrika-Cup-Achtelfinale stellte Broos auf eine Fünferkette um – ohne durchschlagenden Erfolg. Die Mannschaft ist jung, forsch, manchmal naiv – und genau das macht sie unberechenbar. So hat Südafrika bei früheren Weltmeisterschaften abgeschnitten Drei Teilnahmen, dreimal Vorrundenaus. 1998 das Debüt, 2002 das Aus gegen Paraguay und Spanien, 2010 als Gastgeber der große Moment – und doch das frühe Ende. Immerhin: Der Sieg gegen Frankreich bleibt unvergessen. Nur zwei WM-Siege stehen insgesamt zu Buche, der letzte gegen Frankreich 2010. Als erster Gastgeber schied Südafrika damals in der Vorrunde aus. Warum eigentlich „Bafana Bafana“? Der Spitzname stammt aus dem isiZulu und heißt „die Jungs, die Jungs“. Entstanden ist er Anfang der 1990er, als Südafrika nach der Apartheid wieder international spielen durfte. Fans und Medien griffen den Namen auf, er wurde zum Symbol für den Neuanfang. Heute steht „Bafana Bafana“ für Stolz, Identität und die Hoffnung, dass die nächste Generation es besser macht.