Die Formel-1-Saison startet in die entscheidende Phase. Norbert Haug gibt seine Einschätzungen zum Saisonendspurt. Die Formel1 ist wieder da: Nach der Sommerpause startet die „Königsklasse des Motorsports“ mit dem Rennen im niederländischen Zandvoort in die entscheidende Phase. An der Spitze scheint alles klar: McLaren wird sich die Konstrukteursweltmeisterschaft sichern, den Fahrer-Titel machen die beiden Piloten des britischen Rennstalls, Lando Norris und Oscar Piastri unter sich aus. Für Max Verstappen wird es dagegen wohl nichts werden mit der Titelverteidigung. Für seinen Red-Bull-Rennstall läuft es genauso schlecht wie für Ferrari . Wo liegen die Probleme und wie geht es weiter für die Krisenrennställe? Ex-Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug war selbst jahrelang in leitender Funktion in der Formel 1 aktiv und verantwortete mehrere WM-Titel. Bei t-online beantwortet er zehn wichtige Fragen zum Saisonendspurt. t-online: Herr Haug, die WM läuft auf einen Zweikampf zwischen den McLaren-Piloten Lando Norris und Oscar Piastri hinaus. Wem trauen Sie den Titel letztlich zu – und warum? Norbert Haug: In der Tat wird der Formel 1-Weltmeistertitel 2025 zwischen den beiden McLaren Mercedes-Fahrern Norris und Piastri ausgefahren werden. Piastri wird von den Experten als Favorit gehandelt und ist deshalb in aller Munde. Aber Norris hat in den letzten acht Rennen mehr Punkte gemacht. Also: Abwarten und Tee trinken. Norris und Piastri liefern sich immer wieder durchaus riskante Duelle – was halten Sie davon? Braucht es eine endgültige Ansage von Teamchef Zak Brown? Ich halte extrem viel von den Duellen Piastri /Norris und umgekehrt. Wie beide fahren, ist mein Verständnis von hartem und fairem Motorsport und genauso wurde dies zu meinen Zeiten in Verantwortung praktiziert. Eine Teamorder, wie mittlerweile von den meisten der Teams eingesetzt, wäre hier übel und würde die aktuelle Formel 1 ihrer Spannung berauben. Sie sollen den Titel mit gleichem Material unter sich ausfahren und sich dabei nicht von der Strecke rempeln. Dies und nichts anderes ist Motorsport und Sport überhaupt in Reinkultur. Max Verstappen wird seinen Titel wohl nicht verteidigen können. Zeitweise war ein Wechsel zu Mercedes im Gespräch. Jetzt bleibt er bei Red Bull. Die richtige Entscheidung? Der Flirt mit Verstappen hatte natürlich auch den Grund der Verunsicherung von Red Bull Racing. Aber aus welchem Grund hätte Max Verstappen jetzt zu Mercedes wechseln sollen? Weil anzunehmen ist, dass Mercedes wie beim letzten Reglementswechsel 2014 die mit Abstand beste Antriebseinheit baut, gegen die alle Gegner auf Jahre hinaus vollkommen chancenlos sind? Das ist keineswegs garantiert, und derzeit schlägt McLaren Mercedes das Silberpfeil-Werksteam in aller Deutlichkeit und holte in bisher 14 Rennen mehr als doppelt so viele WM-Zähler als das drittplatzierte Silberpfeil-Werksteam. Christian Horner ist als Teamchef von Red Bull Geschichte. War die Entlassung gerechtfertigt – oder kam sie ein halbes Jahr vor Einführung der neuen Regeln zur Unzeit? Ich kenne die Interna in diesem Thema nicht, habe Christian Horner fachlich aber stets als überaus kompetent geschätzt. Die großen Erfolge von Red Bull Racing mit acht WM-Titeln von Sebastian Vettel und Verstappen haben sehr viel mit Horners Arbeit und auch seiner Managementkultur zu tun. Was hinter den Kulissen vorgefallen ist, weiß ich nicht. Seine fachlichen Qualifikationen können aus meiner Sicht nicht der Grund für die Trennung gewesen sein. Können Sie sich ein Formel-1-Comeback von Horner vorstellen? Zunächst dürfte für ihn dank langlaufendem Vertrag vermutlich eine Abfindung im oberen zweistelligen Millionenbereich fällig werden. Sollte er weiter Lust darauf haben, wird er sicher auch eine adäquate Anstellung in der Formel 1 finden. Ein Problem war bisher auch das Cockpit neben Verstappen. Ist dieser Platz der undankbarste der gesamten Formel 1? Formel 1 ist Leistungssport, und keiner seiner bisherigen Teamkollegen konnte Max Verstappen das Wasser reichen. Hätte einer der Fahrer Fähigkeiten wie Verstappen besessen, hätte er Formel-1-Weltmeister werden können. So und nicht anders sieht die harte Realität dieses Sports aus. Bei Ferrari herrscht ebenfalls Unruhe. Lewis Hamilton kommt noch auf keinen grünen Zweig, hadert mit seiner Situation. Welchen Ausweg sehen Sie – oder ist seine Zeit vorbei? Sein Auto muss besser werden, auch Charles Leclerc reißt im Ferrari keine Bäume aus. Wie alle Wettbewerber verlor Ferrari zuletzt beispielsweise in Spa auf einem repräsentativen Streckenabschnitt von etwa 2,5 km Länge auf McLaren Mercedes über eine halbe Sekunde. Das ist nicht gut genug, um Rennen zu gewinnen. Außer McLaren macht keines der Teams aktuell einen Topjob. Bei der „Scuderia“ läuft es auch insgesamt nicht rund. Im Vergleich zum Vorjahr hat man einen Schritt zurück gemacht. Woran hakt es? Ferrari hat den letzten WM-Titel 2007 mit Kimi Räikkönen gewonnen. In aller Selbstkritik haben wir bei McLaren Mercedes dabei damals kräftig mitgeholfen und mit unseren Fahrern Fernando Alonso und Lewis Hamilton in der Endabrechnung jeweils einen Punkt Rückstand auf Kimi aufgewiesen. Aber: The winner takes it all, und dieser Ferrari-Titelgewinn geht deshalb voll und ganz in Ordnung. Danach fuhren dann die ehemaligen Mehrfach-Weltmeister Vettel und Fernando Alonso bei Ferrari. Titelgewinne gab es deshalb in den letzten 18 Jahren allerdings trotzdem nicht, was die Ferrari-Situation in den letzten Jahrzehnten beschreibt. Die jungen Fahrer waren bislang durchaus überzeugend. Wie schätzen Sie die Nachwuchs-Talente ein? Ich denke, dass Gabriel Bortoleto, Isack Hadjar, Kimi Antonelli und auch Oliver Bearman ganz gute Perspektiven haben könnten, wenn sie intensiv und selbstkritisch arbeiten und zu fortlaufendem Lernen bereit sind. Nico Hülkenberg schlägt sich im Sauber so achtbar wie möglich, holte in diesem Jahr das erste Podium seiner Karriere. Im kommenden Jahr sitzt er dann im Audi – was erwarten Sie dort? Nico ist klasse, im richtigen Auto hätte er aus meiner Sicht nach unzähligen Rennen nicht nur podiumsfähig sein können, sondern vielmehr weltmeisterschaftsfähig. Das wird jetzt hoffentlich Audi entsprechend regeln und die Voraussetzungen dazu schaffen. Was Mercedes mehrfach ganz beeindruckend als Dauersieger geschafft hat, muss Audi auch gelingen, wenn sie Eindruck in der Formel 1 und der an ihr interessierten Welt machen wollen.