Der kleine SC Freiburg steht im Finale der Europa League. Das Fußball-Märchen aus dem Breisgau erzählt eine große Geschichte: Wunder sind möglich. Auch ohne großes Geld. Der große Fußball wohnt woanders. Auch, nachdem der SC Freiburg ins Finale der Europa League eingezogen ist. Seine schillernden Klingelschilder finden sich in Paris, in Madrid, in London, Liverpool oder Manchester. Dort, wo mit dem größten Sport der Welt Geld gedruckt wird. Daran ändert das Märchen nichts, das am späten Donnerstagabend im beschaulichen Freiburg geschrieben worden ist. Aber gelegentlich, in ganz bestimmten Konstellationen, gastiert der große Fußball an Orten, an denen er normalerweise nicht zu Hause ist. Und dann zeigt sich: Alles ist möglich. Geld mag Tore schießen. Und normalerweise gewinnt es auch Titel. Und dennoch: Solide Arbeit und Opferbereitschaft können Märchen erzählen. Im beschaulichen Freiburg regiert nicht das Kapital. Der Badener spekuliert nicht wild an der Börse, er baut ein Häuschen. Das Fußball-Wunder im Südwesten beruht auf Vernunft, Bescheidenheit, Demut, Vertrauen und Stetigkeit. Der Esprit von Trainerlegende Christian Streich und die solide Kaufmannskunst der Vereinsführung machten aus einem Fahrstuhlklub, der zwischen Bundesliga und Liga zwei hin und her pendelte, ein solides Mitglied des Fußball-Oberhauses in Deutschland. In Freiburg baut man Strukturen und Stars Junge Spieler kamen, wurden ausgebildet und veredelt und für gutes Geld weiterverkauft. Mit den Einnahmen baute der Verein eine funktionierende Infrastruktur: ein schmuckes Stadion, eine Fußballschule als Kaderschmiede, einen Sparstrumpf für notwendige Anschaffungen. Freiburg etablierte sich in der Bundesliga, Schritt für Schritt. Und sagte immer regelmäßiger auf der europäischen Fußballbühne „Hallo“. Als der Guru Streich sich aufs fußballphilosophische Altenteil zurückzog, verpflichtete man im Breisgau keinen externen Startrainer, sondern gab einem Streich-Schüler aus dem eigenen Unterbau die Schlüssel zum Häuschen in die Hand. Julian Schuster , ein Nobody außerhalb der Stadtgrenzen, aber eine Integrationsfigur innerhalb des Vereins, schlüpfte scheinbar mühelos in die großen Fußstapfen des großen Christian. Kein moderner Laptop-Trainer, sondern ein Moderator mit Stallgeruch, ein akribischer Arbeiter, „einer von ihnen“, wie sie in Freiburg sagen. Er setzte fort, was unter Streich erfolgreich geworden war: solides Teambuilding. „Wir wissen, wer wir sind“, seufzte der Newcomer nach dem Finaleinzug glückselig in die Mikrofone. Unter seiner Führung wuchs der junge Schweizer Johan Manzambi, den noch vor zwei Jahren kaum jemand kannte, zu einem Juwel des europäischen Fußballs. Torhüter Noah Atubolu, aufgewachsen im Freiburger Problembezirk Weingarten, entpuppte sich als eines der größten deutschen Torwarttalente. In Dänemark fanden die Freiburger den wuseligen Japaner Yuito Suzuki, aus Frankfurt holten sie den dort gescheiterten kroatischen Torjäger Igor Matanovič, aus Bremen die Mittelfeld-Arbeitsbiene Maximilian Eggestein. Diese Rohdiamanten puzzelten Schuster und sein Team zusammen mit dem 2014er-Weltmeister Matthias Ginter , der aus Dortmund zurückkehrte in seine Heimatstadt. Mit dem unermüdlichen Eigengewächs Christian Günter, der fast so herrlich Dialekt spricht wie Streich selbst und nie woanders gespielt hat als in Freiburg. Mit dem Zauberfuß Vincenzo Grifo , der in Hoffenheim und Gladbach nicht glücklich geworden war, aber in Freiburg immer funktionierte. Juwelen, Rückkehrer und Gescheiterte Aus hausgemachten Talenten, anderswo gescheiterten Hochbegabten und Rückkehrern entstand eine vergleichsweise preiswerte, aber hochqualifizierte Fußballtruppe, die vor allem eines verbindet: Sie alle sind glücklich in Freiburg, diesem sonnigen, freundlichen und gemütlichen Ort im Dreiländereck zwischen Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Dieses Glück, ein Zuhause-Gefühl, beharrliche Arbeit und ein funktionierendes Konzept sind das Erfolgsgeheimnis des Freiburger Fußball-Wunders. So wurde möglich, was sich 2015 noch niemand im Breisgau auch nur hätte vorstellen können. Der Verein war mit Christian Streich in die Zweite Liga abgestiegen und Lichtjahre entfernt von der Europa League, in deren Finale sie nun stehen. Streich, seinerzeit ebenso verzweifelt wie die gesamte Region, wurde trotz des Abstieges nicht gefeuert, sondern durfte seinen Weg fortsetzen. Von vorn anfangen, eine neue Mannschaft aufbauen, wieder aufsteigen. Auch das war typisch Freiburg und wäre auf Schalke, in Hamburg oder bei der Berliner Hertha undenkbar gewesen. Dieser Weg der Konstanz hat sich spätestens jetzt bezahlt gemacht. Der SC Freiburg steht im Finale der Europa League. Das alleine ist schon ein Wunder. Gegner ist der englische Premier League-Vertreter Aston Villa . Der Kader des Klubs aus Birmingham ist etwa dreimal so teuer wie der der Freiburger. Auch im Endspiel in Istanbul ist der SC Freiburg der „Kleine“, der Außenseiter. Aber was heißt das schon: Wenn sie im Breisgau eines können, dann das: Märchen wahr werden lassen.