WM-Debütant Curaçao: Fußballzwerg setzt die WM-Vorfreude in den Sand

Die Karibikinsel Curaçao fährt erstmals zu einer WM. Das könnte der kleinste Teilnehmer der Turniergeschichte eigentlich entspannt genießen. Stattdessen ist ein heilloser Streit ausgebrochen. Der Fußballzwerg Curaçao reist als krasser Außenseiter zur WM 2026 – aber Vorsicht. Die Nationalspieler des karibischen Inselstaates kommen nicht direkt von der Bar eines Touristenresorts zur Weltmeisterschaft in Nordamerika. Sie sind waschechte und erfahrene Profifußballer – die meisten verdienen in den Niederlanden ihr Geld. Curaçao war lange eine Kolonie des Königreichs. Auch auf der Trainerbank wird holländisch gesprochen. Sogar unabhängig davon, wer da wirklich sitzt. Das Qualifikationswunder schaffte der alte Trainerfuchs Dick Advocaat, der in den 2000ern schon einmal Borussia Mönchengladbach betreut hat. Als der sich aus familiären Gründen zurückzog – seine Tochter war schwer erkrankt – sollte sein sein Landsmann Fred Rutten, ebenfalls ein guter alter Bekannter aus der Bundesliga , das Team zur WM führen. Soweit der Plan. Rutten brauchte aber nur weniger Wochen, um sich heillos mit der halben Mannschaft zu zerstreiten. Zwei Testspiele gingen krachend verloren. In einem Videocall sollen die um den halben Globus zerstreuten Spieler vom Verband klipp und klar verlangt haben, Advocaat zurückzuholen. Ruttens Arbeitsweise und spielerische Vorstellungen waren bei den Nationalkickern augenscheinlich auf wenig Gegenliebe gestoßen. Advocaat sagte zu – seiner Tochter soll es inzwischen besser gehen – und Rutten warf die Brocken hin. Alles also wieder in Butter im karibischen Paradies? Kaum. Die Vorgeschichte zum karibischen Märchen haben die Inselkicker ordentlich in den Sand gesetzt. So hat sich Curaçao für die Weltmeisterschaft qualifiziert Curaçaos Weg zur WM 2026 verlief ohne Niederlage, aber nicht ohne Druckphasen. Am Ende standen drei Siege und drei Unentschieden auf dem Konto. Der Big Point gelang im direkten Duell gegen den Karibik-Konkurrenten Jamaika. In der jamaikanischen Hauptstadt Kingston holte Curaçao ein 0:0, was den Gruppensieg und die Qualifikation bedeutete. Bemerkenswert: Trainer Dick Advocaat fehlte bei diesem entscheidenden Spiel aus familiären Gründen. Die Mannschaft hielt trotzdem an seinem Plan fest. Der Niederländer installierte ein effizientes System: defensive Stabilität, schnelles Umschaltspiel und Erfahrung aus europäischen Ligen. Das sind Curaçaos Vorrunden-Gegner in der WM-Gruppe E Curaçao spielt in der Gruppe E gegen Deutschland, Ecuador und die Elfenbeinküste. Deutschland – 14. Juni, Houston, 19 Uhr deutscher Zeit: Der Auftakt ist fußballerisch der härteste Test, doch was haben die Karibikkicker zu verlieren? Ihre Spielanlage dürfte dem Favoriten nicht gut schmecken: Gegen tief stehende Gegner, die effektiv kontern können, hat sich die Truppe von Bundestrainer Julian Nagelsmann oft schwergetan. Alles andere als eine hohe Niederlage wäre ein Achtungserfolg für Curaçao. Schon ein Unentschieden wäre der größte Erfolg in der Fußballgeschichte des kleinen Landes. Ecuador – 21. Juni, Kansas City, 2 Uhr deutscher Zeit: Ecuador ist für jeden Gegner unangenehm, auch für Curaçao. Gegen die defensiv stabilen, eisenharten Südamerikaner wird es schwer, offensive Nagelstiche zu setzen. Auch die internationale Erfahrung spricht für Ecuador. Doch auch hier gilt: Es gibt mehr zu gewinnen als zu verlieren. Elfenbeinküste – 25. Juni, Philadelphia, 22 Uhr deutscher Zeit: Im dritten Gruppenspiel wird es für Curaçao möglicherweise um nichts mehr gehen, für die „Elefanten“ aus Westafrika aber vielleicht um alles. Sind kommende Superstars wie Yan Diamondé zu stark für die Mannschaft aus der Karibik? Oder hält das Bollwerk, das sie ihnen entgegensetzen? Die Reiseroute ist anspruchsvoll: Houston, Kansas City, Philadelphia. Für einen Debütanten ohne WM-Erfahrung zählt deshalb auch, wie gut das Trainerteam die Regeneration zwischen den langen Flügen steuern können. Das sind die wichtigsten Spieler von Curaçao Tahith Chong (Sheffield United, Marktwert rund 4,5 Millionen Euro): Der Offensivspieler ist Curaçaos auffälligster Einzelspieler, nicht nur wegen seiner auffälligen Haarpracht. Chong wurde in Willemstad geboren, der Hauptstadt Curaçaos, kam über Feyenoord Rotterdam in den englischen Profifußball zu Manchester United. Vor einigen Jahren spielte er in der Bundesliga für Werder Bremen. Er kommt über den offensiven rechten Flügel oder im Zehnerraum. Armando Obispo (PSV Eindhoven, rund 4 Millionen Euro): Der Innenverteidiger hat mehrere niederländische Jugendnationalmannschaften durchlaufen, bevor er sich für die von Curaçao entschied. Der Linksfuß ist zweikampfstark, sicher und schnörkellos in der Spieleröffnung. Seine Form wird bei der WM mitentscheidend sein. Sontje Hansen (FC Middlesbrough, Marktwert rund 4 Millionen Euro): Hansen kam im Sommer 2025 von NEC Nijmegen nach England. Seine erste Saison in Middlesbrough verlief enttäuschend (nur ein Tor in 17 Spielen). Für Curaçao ist er trotzdem wichtig. Der Flügelspieler ist schnell und stark im Eins-gegen-Eins: genau das, was ein Außenseiter nach Ballgewinnen braucht. Leandro Bacuna (Igdir FK, Marktwert rund 250.000 Euro): Der Kapitän des Teams geht mit Erfahrung voran, hat mit seinen 34 Jahren mehr als 600 Pflichtspiele auf dem Buckel. Ob in der Premier League , der Eredivisie oder in der Türkei: Bacuna hat den Fußball von mehreren Seiten kennengelernt. Bei Curaçao ist er der Anker im defensiven Mittelfeld, organisiert das Spiel des Fußballzwergs. Eloy Room (Miami FC, Marktwert rund 200.000 Euro): Room ist Curaçaos Rückhalt und Führungsfigur. Von seinen Stationen bei Vitesse, PSV, Columbus Crew, Cercle Brügge und Miami FC bringt er eine große Menge an Erfahrung mit. Für Curaçao ist er mehr als nur ein Torwart. Der alte und neue Trainer: Dick Advocaat Advocaat ist ein Coach der alten Schule: Klare Ansagen, definierte Rollen auf dem Platz so wie daneben. Für Curaçao passte das immer: Die Spieler kicken in aller Herren Länder und brauchen in der Nationalmannschaft eine schnelle Ordnung, weil kaum Trainingszeit bleibt. Advocaat gab ihnen genau das – Hierarchie, Klarheit, keine taktische Überfrachtung. Rutten wirkte dagegen wie ein Fremdkörper. Er selbst sprach sinngemäß von einem Umfeld, in dem professionelles Arbeiten kaum noch möglich gewesen sei. Warum Advocaat besser passt: Er hat das Wunder der Qualifikation mit der Karibikinsel geschafft und besitzt schon allein dadurch Autorität, die nicht mehr erklärt werden muss. Die Kabine kennt seine Abläufe, seine Sprache, seine Grenzen. Für einen Außenseiter vor einer WM ist das entscheidend. Curaçao braucht keinen Trainer, der jetzt eine neue Idee verkauft. Es braucht einen, dem die Spieler folgen, wenn sie gegen Deutschland 90 Minuten mit dem Rücken zur Wand verteidigen. Spielsystem und Taktik Curaçao wird bei der WM nicht versuchen, Gegner wie Deutschland oder Ecuador über Ballbesitz zu kontrollieren. Das Grundsystem dürfte ein 4-2-3-1 oder ein 4-3-3 sein. Die erste Pressinglinie lenkt den Aufbau nach außen. Dahinter schließen die Mittelfeldspieler die Halbräume. Curaçao wird versuchen, die gefährlichen Räume zu verdichten, um den Gegnern das Leben schwer zu machen. Bei eigenem Ballbesitz sucht die Auswahl keine langen Passfolgen. Der erste Blick geht nach vorn. Die Brüder Juninho und Leandro Bacuna sollen nach Ballgewinn den ersten Kontakt sichern. Dann folgen Pässe in die Tiefe oder auf die Flügel. Tahith Chong und Sontje Hansen sind dafür wichtig: Sie können nach Balleroberungen Tempo aufnehmen, Gegenspieler binden und versuchen, im Eins-gegen-Eins an ihnen vorbeizukommen. Problematisch wird es, wenn das misslingt. Wenn Curaçao zweite Bälle nicht gewinnt, wird die Abwehr dauerhaft nach hinten gedrückt. Gegen Deutschland kann das gefährlich werden, weil dann Abschlüsse aus dem Rückraum und aus Standardsituationen folgen. Offensiv können Standards wichtig werden. Curaçao hat körperlich robuste Spieler und mehrere Profis, die in europäischen Ligen mit hoher Intensität gespielt haben. Freistöße aus dem Halbfeld, Einwürfe in Strafraumnähe und zweite Bälle nach Ecken sind realistische Wege zu Chancen. Aus dem geordneten Spiel heraus wird es gegen die Gruppengegner deutlich schwerer. So hat Curaçao bei früheren WMs abgeschnitten Curaçao spielt die erste Fußball-WM in der Geschichte des Landes. Warum eigentlich „The Blue Wave“? „Blue Wave“ ist mehr als ein Spitzname für Curaçaos Nationalmannschaft . Der Begriff steht für eine Fankultur, die rund um die WM-Qualifikation sichtbar wurde: Trommeln, Fahnen, blau bemalte Gesichter. Der Name entstand aus dem früheren Fanklub „De 12de Man“. Blau steht dabei nicht nur für die Trikots, sondern auch für das Meer rund um die Insel – und für ein Schutzritual aus der Kindheit, bei dem Kindern blaues Pulver auf die Haut gerieben wird. Der Satz, der diese Bewegung am besten fasst, stammt aus der Fanszene: „Nos ta un isla chikí ku un soño grandi“ – wir sind eine kleine Insel mit einem großen Traum. Genau diesen Traum nimmt Curaçao nun mit zur WM.