SC Freiburg im Europa-League-Finale: Auf sie kommt es gegen Aston Villa an

Vor dem Europa-League-Finale sind die Rollen klar verteilt: Der Favorit heißt Aston Villa, der SC Freiburg ist Außenseiter. Doch je näher das Endspiel rückt, desto größer werden die Sorgenfalten in Birmingham. Denn der Underdog hat seine Waffen. Auf den letzten Metern in Richtung Europa-League-Endspiel, quasi vor den Toren des Besiktas-Parks in Istanbul, scheint der britischen Presse langsam klar zu werden, worauf sich Aston Villa im Finale gegen den SC Freiburg einstellen muss. Tatsächlich schauten Experten und Analysten auf der Insel bis zuletzt eher verwirrt auf ihren deutschen Gegner. Kopfschüttelnd tauschen sich Blogger darüber aus, dass niemand diesen Verein vom Rande des Schwarzwaldes „hasse“ (was britischen Fußballanhängern ein Rätsel sein muss), bezeichneten den Club als „somewhat wholesome“, also „irgendwie“ gesund, freundlich, geradezu lieb oder achtsam. Die Beobachtung ist richtig und irreführend zugleich. Denn obwohl der SC Freiburg tatsächlich das Image des „etwas anderen“, „besseren“ Fußballclubs hegt und pflegt, so verfügen die Breisgauer doch über eine ganze Reihe von geheimen und weniger geheimen Waffen in ihrem Kader, die auch dem großen Favoriten Aston Villa gehörig auf die Füße treten können. Dieser Tatsache kommen inzwischen auch die britischen Medien auf die Spur. Gemeint sind Spieler wie diese: Der Fels: Matthias Ginter Der Routinier hat bis dato die beste Saison seiner Karriere gespielt und sich selbst wieder auf den Schirm von Bundestrainer Julian Nagelsmann . Auf den Rängen des Europa-Park-Stadions sorgen sich die SC-Fans regelmäßig um die Gesundheit des blondierten Innenverteidigers und schließen obszöne Wett-Summen auf seine nächste Kopfwunde ab, so tollkühn und aufopferungsvoll hechtet das Freiburger Eigengewächs in jeden hohen Ball. Seine Luftduelle verliert Ginter dabei fast nie. 14 Profijahre haben ihn mit allen Wassern gewaschen. Nicht zu vergessen: Der Mann ist Fußball-Weltmeister, stand im Kader, der 2014 den Titel holte. Im Herbst seiner Karriere ist aus dem Fels in der Brandung zudem ein sicherer Aufbauspieler geworden und bei Standardsituationen ein torgefährlicher Turm im Getümmel vor dem gegnerischen Tor. Jeder gewonnene Zweikampf, jeder gelungene Pass und erst recht jedes Tor in Istanbul wären ein weiteres Bewerbungsschreiben an die Adresse des Bundestrainers. Denn: Matthias Ginter will unbedingt noch auf den WM-Zug aufspringen. Aston Villas Erfolgscoach Unai Emery täte gut daran, seine Spieler vor ihm zu warnen. Der Motor: Maximilian Eggestein Kein Bundesligaspieler ist in der abgelaufenen Saison weitere Wege gelaufen als Freiburgs Mittelfeldmotor: 406,9 Kilometer in 34 Spielen. Der frühere Bremer läuft dabei nicht nur viel, sondern auch schlau. Er antizipiert Spielsituationen, verengt Räume, stopft Löcher und doppelt, wo es nötig ist. Dass Freiburgs Defensive fast nie Lücken aufweist und schon manchen Gegner zur Verzweiflung getrieben hat, hat viel mit Eggesteins Pferdelunge und seinem guten Auge zu tun. Ex-Trainer Christian Streich lobte ihn einst nach seinem ersten Training im Breisgau: „Der spielt, als sei er schon immer bei uns“. Dabei verpasste Eggestein in dieser Bundesliga-Saison keine einzige Spielminute, war nie verletzt, nie gesperrt und wurde nie ausgewechselt. Legendär: 2022 ließ er sich im Spiel gegen Stuttgart eine gebrochene Hand mit Tapeverbänden schienen und spielte weiter, während die Knochen aufeinander rieben. Eggestein läuft und läuft und läuft… Das Schweizer Taschenmesser: Johan Manzambi Mit sogenannten Heatmaps messen Fußball-Nerds, welcher Spieler wie oft in welchen Bereichen des Fußballfeldes aufgetaucht ist. Gelbe, orange und rote Flächen weisen die Lieblingszonen der Akteure aus. Bei Johan Manzambi sieht die Heatmap traditionell aus wie ein LSD-Trip. Der Schweizer Mittelfeldspieler, ausgebildet zu einem formidablen Techniker in der Freiburger Fußballschule, spielt überall und nirgendwo zugleich. Nominell wird Schuster ihn voraussichtlich als klassischen „Zehner“ hinter Sturmtank Matanovic aufstellen, aber Manzambi macht alles, kann alles, darf alles. Er kennt den Strafraum von allen Seiten, kommt unberechenbar mal über links, mal über rechts, zieht vom Flügel in die Mitte, stößt in die Spitze und rutscht bei gegnerischem Ballbesitz auch zurück in die Deckung. Dabei ist er ebenso zweikampfstark wie trickreich und torgefährlich und würde womöglich sogar einen passablen Torhüter abgeben. Längst ist der 20-jährige Allrounder Nationalspieler der Schweiz geworden und glaubt man den Gerüchten, haben die Späher von Madrid über Manchester bis München schon die Fühler ausgestreckt. In Freiburg würde man die Ablösesumme im Zweifel gerne nehmen: 35 bis 50 Millionen Euro sind viel Geld im Breisgau. Der Zauberer: Vincenzo Grifo Wenn Vincenzo Grifo zum Kopfballduell hochsteigt, fängt der Freiburger Fußballfan mit Hamsterkäufen für das Armageddon an. Denn: Das tut ein Vincenzo Grifo niemals. Ein Vincenzo Grifo hat auch nicht die Puste für mehr als 70 Minuten, und durch tapfere Blutgrätschen ist der Italo-Pforzheimer auch noch nie aufgefallen. Im auf Bienenfleiß ausgerichteten Freiburger Fußballsystem gönnt man sich Grifo trotzdem seit vielen Jahren. Kein Wunder: Denn Grifo kann zaubern. Sein rechter Fuß, Schuhgröße 40, ist seine Daseinsberechtigung. Mit ihm schlenzt und streichelt der 33-jährige Ecken so zielgenau auf Breisgauer Köpfe, dass der SC Freiburg seit Jahr und Tag alle Bundesliga-Statistiken über Standardsituationen anführt. Freistöße aus 16 bis 20 Metern Entfernung sind in Grifos Selbstwahrnehmung fast Elfmeter, so gut ist seine Torquote aus diesen Lagen. Und vom Elfmeterpunkt ist eigentlich nur Bayerns Harry Kane sicherer als er. Inzwischen ist er Rekordtorschütze der Freiburger Fußballgeschichte. Jedes Foul eines Spielers von Aston Villa, das einen Freistoß nach sich zieht, wird für Grifo eine Gelegenheit, diesen Rekord auszubauen. Der Bestrafer: Igor Matanovič In Freiburger Fankreisen kursiert ein TikTok-Video, auf dem zwei offensichtlich mindestens vom Fußball berauschte SC-Anhänger ihrem Mittelstürmer Igor Matanovič den Kampfnamen „Igor, der Bestrafer“ geben. Die Begründung fällt eben so dünn wie prägnant aus, sinngemäß: „Igor bestraft unsere Gegner, die sich immer für die Krassesten halten. Igor bestraft sie.“ 15 Saisontore über alle Wettbewerbe hinweg beweisen: Matanovičs Bestrafer-Rolle ist wie geschaffen für das Finale gegen Aston Villa. Die Engländer sind klarer Favorit, der Marktwert ihres Kaders beträgt stolze 547 Millionen Euro. Mit etwa 191 Millionen Euro ist das Team aus dem Breisgau geradezu ein Schnäppchen dagegen. Kein Wunder, wenn der Titel in und um Birmingham herum bereits fest eingeplant ist. Das schreit geradezu nach Strafe: Auftritt Matanovič. Seine 90 Kilogramm verteilen sich auf 1,94 Meter Größe. Er geht keinem Zweikampf aus dem Weg, und auf eines können sich Aston Villas Verteidiger schon jetzt einstellen: Jeder Kontakt mit ihm tut weh. Die Geheimwaffe: Lukas Kübler Unai Emerys Späher müssen bei der Vorbereitung auf das Finale schon recht tief in den Kader des SC Freiburg hineindringen, um dort auf Lukas Kübler zu stoßen. Der Rechtsverteidiger ist kein Star, kein Spieler für die Highlight-Reels. Küblers Spiel ist erdig, kampfbetont, vielleicht englischer als das der meisten Spieler von Aston Villa. Kübler spielt nicht Fußball, er „will“ Fußball, er ackert und schuftet ihn. Seine muskulösen Arme zieren martialische Tattoos mit Löwen und Greifvögelmotiven. Optischer Ersteindruck: Man möchte den Mann ungern zum Gegner haben. Doch Kübler ist tückischerweise bei Weitem kein schlichter Zerstörer. Kübler ist ein Torjäger. Im Europa League-Halbfinale gegen Braga waren es seine beiden Treffer, die die Weichen in Richtung Istanbul stellten. Typisch sein Tor zum zwischenzeitlichen 1:0: Nach einer zu kurz abgewehrten Grifo-Flanke stürmte Kübler wie ein Bulldozer zwischen die staunenden Portugiesen, gewann den Ball zurück, trieb ihn förmlich Richtung Torlinie und wurde schließlich aus Versehen angeschossen. Von seinem Körper trudelte das Leder ins Tor. „Reingewollt“, nennen das die Fußballer. Sollte sich die Villa-Abwehr an all den Grifos, Manzambis und Ginters abgearbeitet haben, könnte Kübler kommen. Und einfach „wollen“. Der Elfmeterkiller: Noah Atubolu Freiburgs größter Trumpf sticht erst dann, wenn der SC Aston Villa über 120 Minuten ins Elfmeterschießen zwingt. Dann allerdings sind die Südbadener plötzlich der klare Favorit. Denn: Zwischen den Pfosten steht Deutschlands mit Abstand bester Elfmeterkiller: Noah Atubolu. Der 23-Jährige hat in seiner Bundesliga-Karriere fünf von acht Strafstößen pariert. Selbst Deutschlands WM-Hoffnung Florian Wirtz biss sich an ihm bereits die Zähne aus. Auch im laufenden Europa-League-Wettbewerb hat Atubolu eine 50-Prozent-Quote, wenn die Gegner vom Punkt gegen ihn antreten. Aston Villa hingegen hat in der laufenden Saison bereits ein Elfmeterschießen verloren. In der dritten Runde des englischen League Cups verloren die Birminghamer gegen Brentford und scheiterten dabei zweimal vom Punkt. In Europa-League-Spielen versuchten sich die Villa-Profis an fünf Elfmetern, verwandelten aber nur zwei. Fazit: Im Elfmeterschießen hätte Atubolu sie genau da, wo er sie haben will.