1860 München erlebt den zweiten Kollaps binnen weniger Jahre. Dabei sind die Träume an der Grünwalder Straße doch riesig. In diesen Tagen überschlagen sich die Ereignisse beim TSV 1860 München. Am Donnerstagabend gaben die krisengeplagten „Löwen“ das Ende einer turbulenten Ära bekannt: Der Kooperationsvertrag mit dem umstrittenen Investor Hasan Ismaik wurde aufgekündigt. Dies teilte der Klub in einer Erklärung mit. Schon am Mittwochnachmittag aber war die Zeit des TSV 1860 München abgelaufen. Bis 17 Uhr musste der Traditionsklub im Kampf um die Lizenz für die 3. Liga eine Finanzlücke in Höhe von 2,7 Millionen Euro schließen. Das Unterfangen scheiterte – weil sich der Verein mit Ismaik nicht einigen konnte. Die Konsequenz ist der Zwangsabstieg. Der Klub, in der Außendarstellung über Jahre von großen Visionen und Ansprüchen geprägt, muss in die Regionalliga Bayern. Schon wieder. Denn bereits 2017 wich der Traum von der Bundesliga , von der Champions League und von Titeln dem Albtraum Amateurfußball . Damals stürzte der Klub aus der 2. Bundesliga in die Regionalliga. Die Leidenszeit der „Löwen“ begann aber schon früher. 1860 spielte vor über 20 Jahren letztmals in der Bundesliga Bereits 1982 verwehrte der DFB dem damaligen Zweitligisten wegen finanzieller Probleme die Lizenz, der Klub stürzte in die Bayernliga. 1860 erlebte in der Folge zwar noch einmal ein sportliches Hoch mit zehn Jahren Bundesliga sowie der Teilnahme am Uefa-Cup und an der Champions-League-Qualifikation. Nach dem Bundesliga-Abstieg 2004 wurde die finanzielle Lage aber wieder zunehmend zum Problem. 2011 drohte den Münchnern die historisch erste Insolvenz im deutschen Profifußball. Knapp zehn Millionen Euro fehlten seinerzeit, die Art und Weise der Rettung dürften rückblickend nicht wenige Fans verfluchen. Denn mit Hasan Ismaik unterzeichnete der Verein am Abend des 30. Mai einen Kooperationsvertrag. Der Jordanier kaufte 49 Prozent der Klubanteile, die er später auf 60 Prozent aufstocken sollte. Vermittelt wurde der Deal auch durch Uli Hoeneß , der den Ismaik-Vertrauten Hamada Iraki an den damaligen 1860-Präsidenten Dieter Schneider verwies. „Da gibt es einen, der will euch Geld zukommen lassen. Macht das mal“, habe der Bayern-Patron seinem Lokalrivalen gesagt. Ismaik kam als Retter des am Abgrund stehenden Traditionsvereins. Er kam aber auch als Visionär, der mit den „Löwen“ eine große Zukunft anpeilte. „Ich würde mir wünschen, dass wir in zehn Jahren auf einer Stufe mit dem FC Barcelona und dem FC Bayern stehen. Aber um das zu schaffen, müsste alles perfekt laufen“, sagte Ismaik auf seiner ersten Pressekonferenz. Für die Rückkehr ins Oberhaus kalkulierte er mit Investitionen in Höhe von 10 bis 20 Millionen Euro binnen drei Jahren. Wirklich tief in die Tasche griff der Verein in der Saison 2016/17, als Stefan Aigner, Ribamar und Christian Gytkjær für insgesamt fast acht Millionen Euro kamen. Eine zu damaliger Zeit äußerst hohe Summe. Dazu kassierte etwa Stürmerstar Ivica Olić ein stolzes Gehalt. Am Ende der Spielzeit stand aber nicht die erhoffte Bundesliga-Rückkehr, sondern der sportliche Absturz in die 3. Liga. In der Relegation unterlagen die Münchner unter skandalösen Umständen Jahn Regensburg . Fans warfen Stangen, Sitzschalen und andere Gegenstände auf das Spielfeld, die Partie wurde für eine Viertelstunde unterbrochen. Heiko Herrlich , damaliger Jahn-Trainer, nannte das Verhalten „hochgefährlich“ und forderte: „Man sollte auch in der Niederlage die Haltung bewahren.“ 1860-Kapitän Kai Bülow äußerte noch andere Bedenken. „Viele Spieler wissen nicht, wie es jetzt weitergeht“, sagte er. Mit einem gewaltigen Umbruch ging es nicht etwa in der 3. Liga, sondern in der Regionalliga weiter. Denn Ismaik überwies die notwendigen Millionen für die Drittligalizenz nicht. Verkauf der Ismaik-Anteile scheiterte auf den letzten Metern Zu dem Zeitpunkt wurde der Jordanier in München schon längst nicht mehr als Retter betrachtet. Ein anhaltender Machtkampf mit der Vereinsspitze, protzige Auftritte, leere Versprechen und sein Kampf gegen die 50+1-Regelung – der Investor brachte den Großteil der Fangemeinschaft gegen sich auf. Ismaik blieb trotzdem und der Verein packte im ersten Anlauf den Aufstieg in die 3. Liga. Das Verhältnis zwischen dem Traditionsklub und seinem Geldgeber besserte sich in den folgenden Jahren aber nicht. „Seit 14 Jahren leide ich unter diesen Leuten. Es gibt keine Wertschätzung, keinen Respekt. Nichts“, haderte der Geschäftsmann im April 2025. „Ich gebe mir die Schuld, dass ich, bevor ich gekauft habe, 1860 nicht richtig verstanden habe – die Kultur, die Geschichte des Klubs, die 50+1-Regel.“ Wenige Wochen später verkündete der Verein, dass Ismaik seine Anteile an eine Schweizer Familienholding verkaufen werde. Der Jubel unter der Anhängerschaft war riesig. Der scheidende Investor sagte selbst, den Klub schuldenfrei zu hinterlassen. Er sprach von einer „wunderbaren Erfolgsgeschichte“. Tatsächlich aber endete die gemeinsame Zeit nicht, denn der Deal platzte. „Ein Rückzug meinerseits würde dem TSV 1860 München nicht helfen – im Gegenteil“, erklärte Ismaik. Ein möglicher Verkauf an Matthias Thoma, unter dessen Kontrolle die Schweizer Gesellschaft stand, löste auch bei ihm Bedenken aus. Zudem floss das Geld nicht rechtzeitig, von 25 Millionen Euro war die Rede. Trotz des ausbleibenden Investorenwechsels waren die Ambitionen in München erneut groß. „Gemeinsam werden wir jetzt unser großes Ziel 2. Liga angehen“, teilte das Präsidium mit. Das deckte sich auch mit den Sommertransfers: Kevin Volland und Florian Niederlechner kehrten zu ihrem Jugendklub zurück, auch Max Christiansen, Thomas Dähne und Manuel Pfeifer kamen aus höherklassigen Ligen. Den eigenen Ansprüchen aber jagten die „Löwen“ in der Folge einmal mehr hinterher. Nach einem ordentlichen Saisonstart fiel 1860 ins Tabellenmittelfeld zurück, eine Niederlagenserie kostete Trainer Patrick Glöckner seinen Posten. Markus Kauczinski stabilisierte die Mannschaft, als Achter griffen die Münchner am Ende aber nicht mehr ins Aufstiegsrennen ein. 1860 München kämpft nun ums Überleben Statt einer weiteren Drittligasaison geht es für den Traditionsverein nun aber im Amateurfußball weiter. Vor einer Woche hatte Ismaik mit seiner Unternehmensgruppe HAM ohne Vorwarnung und Vorverhandlung angekündigt, Darlehen in Höhe von 2,7 Millionen Euro nicht bereitzustellen. Es folgten chaotische Tage, in denen die Vereinsführung und Vertreter des Investors über eine neue Vereinbarung verhandelten. In den letzten Stunden vor Ablauf der Frist spitzte sich die Lage zu. Per Whatsapp-Nachricht deutete Ismaik selbst zunächst eine Übereinkunft an, gegen Mittag soll sein Bruder Abdelrahman dann mitgeteilt haben, dass es keinen Deal gebe. Die Seite des Jordaniers habe zu dem Zeitpunkt fragwürdige Bedingungen gestellt. Vereinsvertreter sollen eine Vertragsversion ausgearbeitet haben, in der sie Ismaiks Forderungen akzeptieren – sofern sie verbandsrechtlich zulässig seien. Dieser Zusatz war offenbar nicht tragbar für HAM, obwohl verbandswidriges Verhalten gewiss auch zu einem Lizenzentzug geführt hätte. „Wir haben verhandelt, aber irgendwo gibt es Grenzen, wo wir nicht Ja sagen konnten“, sagte Präsident Gernot Mang am Mittwoch nach dem Verstreichen der Frist. Ismaik wiederum schilderte auf der Plattform X seine Sicht der Dinge: „Die erforderlichen finanziellen Mittel standen für eine sofortige Umsetzung bereit. Leider ist es uns am Ende nicht gelungen, den notwendigen Konsens zwischen allen beteiligten Parteien zu erreichen.“ Auf den großen Knall vom Mittwoch folgte die Erklärung des Hauptsponsors, von einem Sonderkündigungsrecht Gebrauch zu machen. Wenige Stunden später kündigte der Klub den vor 15 Jahren geschlossenen Kooperationsvertrag mit Ismaik. Der Jordanier kündigte eine rechtliche Prüfung an. Umso mehr dürfte 1860 nun auf eine Geldzufuhr von anderen Partnern angewiesen sein, damit der ohnehin schon katastrophale Sommer nicht gar in der Insolvenz endet. Die Geschäftsführung arbeitet bereits mit Beratern aus dem Bereich Insolvenzrecht zusammen. „Wir sind daran, Lösungen zu finden, wie es hier weitergehen kann“, sagte Mang. Die Lage ist düster, einzig die Historie vermag den Fans etwas Mut zu machen: Schließlich hat kaum ein deutscher Verein so viel Krisenerfahrung wie 1860 München.