Wenn heute Abend die Schotten im zweiten WM-Spiel gegen Marokko ran müssen, werden die Fans wieder für Gänsehautstimmung sorgen. Dabei geht es um ein Ritual. Wer die schottische Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft oder einem großen Länderspiel verfolgt, kennt den besonderen Moment: Tausende Fans singen die inoffizielle Nationalhymne „Flower of Scotland“ begleitet von Dudelsäcken. Doch mitten im Lied verstummen die Instrumente plötzlich. Die zweite Strophe wird dann allein von den Anhängern im Stadion getragen – laut, emotional und ohne musikalische Begleitung. Viele halten das für eine bewusst geplante Tradition. Tatsächlich geht der Brauch auf ein Missverständnis bei einem Rugby-Länderspiel gegen Frankreich im Jahr 2008 zurück. Fans sind sauer: Rod Stewart sagt Konzert ab – und fliegt zur Fußball-WM England-Trainer: Tuchel hat ein Hymnenproblem „Mein Herz ist in die Hose gerutscht“ Damals arbeitete Julie Beels als 21 Jahre alte freie Veranstaltungsproduzentin im Murrayfield-Stadion in Edinburgh. Bei einem Soundcheck vor dem Spiel fragte die Dudelsackkapelle, ob sie „Flower of Scotland“ einmal oder zweimal spielen solle. Beels antwortete, einmal reiche aus. Die junge Frau war davon ausgegangen, dass sich die Frage lediglich auf die Probe bezog, erzählte sie viele Jahre später der BBC. „Es ist lustig, heute darauf zurückzublicken. Damals dachte ich, ich würde meinen Job verlieren“, erinnert sie sich. Kurz vor Spielbeginn kam es dann zum Missverständnis. Die Dudelsackspieler hörten nach der ersten Strophe auf, zu spielen. „Mein Herz ist in die Hose gerutscht“, sagte Beels. „Ich stand vor 67.000 Menschen und dachte: Das war’s. Jetzt bin ich erledigt.“ Doch statt irritiert zu reagieren, sang das Publikum einfach weiter. Und zwar immer lauter. Wenn die Dudelsäcke schweigen, übernehmen die Fans Die spontane Reaktion der Zuschauer wurde schnell zu einer festen Tradition. Inzwischen gehört das Verstummen der Dudelsäcke bei schottischen Sportveranstaltungen fest zum Ritual. Auch bei Fußball-Länderspielen und großen Turnieren wie Europa- oder Weltmeisterschaften warten viele Fans auf den Moment, wenn die Bagpipes (englisch für Dudelsäcke) verstummen und sie übernehmen können. Ein Folksong aus den Sechzigerjahren Dabei ist „Flower of Scotland“ selbst deutlich jünger, als viele Menschen vermuten. Obwohl die Melodie wie ein jahrhundertealtes Volkslied klingt, wurde das Lied erst in den 1960er-Jahren geschrieben. Autor war Roy Williamson von der schottischen Folk-Band „The Corries“. Er stellte das Stück 1967 erstmals in einer BBC-Sendung vor. Williamson komponierte die Melodie bewusst so, dass sie auch auf traditionellen schottischen Instrumenten wie dem Dudelsack gespielt werden kann. Seit 1990 singen Rugby-Anhänger den Folksong, die Fußballfans übernahmen das Lied drei Jahre später. Inhaltlich blickt das Lied weit in die schottische Geschichte zurück. Der Text erinnert an die Schlacht von Bannockburn im Jahr 1314, einen der wichtigsten Siege Schottlands in den Unabhängigkeitskriegen gegen England. Mit der „Blume Schottlands“ sind die schottischen Kämpfer gemeint, die damals für die Unabhängigkeit des Landes kämpften und ihr Leben verloren. Vielleicht erklärt genau das die besondere Wirkung der Hymne: Wenn die Dudelsäcke verstummen, bleibt für einen Moment nur die Stimme der Fans und die Erinnerung an ein zentrales Kapitel der schottischen Geschichte.