Das überraschend frühzeitige WM-Aus legt gnadenlos offen, was dem deutschen Fußball fehlt. Der Ex-DFB-Akademiechef verweist auf große Versäumnisse. Die deutsche Nationalmannschaft ist am Montagabend im Sechzehntelfinale gegen Paraguay überraschend ausgeschieden. Damit kam die DFB-Elf zwar eine Runde weiter als bei den vergangenen beiden Turnieren, dennoch ist das Team von Julian Nagelsmann weit von den eigenen Ansprüchen entfernt. Unmittelbar nach der WM-Blamage flammten die Debatten um die personelle Aufstellung des Deutschen Fußball-Bundes auf. „Könnten es rassistisch nennen“: WM-Coach kritisiert Schweinsteiger „Holt ihn von da hinten weg“: Matthäus kritisiert Kimmich und Nagelsmann scharf Aber auch an der Qualität einzelner Spieler wurde von Experten Kritik geübt. Es scheint gehörig zu Knirschen beim DFB . Das hat auch Tobias Haupt beobachtet. Von 2018 bis 2023 arbeitete er noch als Leiter der Akademie des Deutschen Fußball-Bundes. Mittlerweile ist er Gründer und Geschäftsführer der KI-Firma Gamecode.Ai. Im Interview mit t-online analysiert er die Entwicklungen, die sich bei der WM abzeichnen. Dabei übt er auch grundlegende Kritik am DFB und verweist auf große Versäumnisse des Verbands. t-online: Herr Haupt, Lionel Messi , Kylian Mbappé , Cristiano Ronaldo , Harry Kane, Erling Haaland haben die WM 2026 bislang geprägt und zum Turnier der Superstars gemacht. Wie ist dieses Phänomen zu erklären? Tobias Haupt: Die WM zeigt sehr klar: Der Fußball lebt von besonderen Spielern, die in nur einem Moment etwas Besonderes machen können, das andere nicht können. Aber diese Superstars brauchen Räume, Abläufe, und vor allem ihre Mitspieler. Der Einzelne entscheidet den Moment. Die Mannschaft ermöglicht ihn oft erst. Mit sechs Turniertoren ist Lionel Messi der bislang überragende Spieler der WM – und das mit 39 Jahren. Wie ist das möglich? Bei Messi würde ich nie sagen, dass so etwas zu erwarten war. Dafür ist das, was er geschafft hat, zu außergewöhnlich. Dennoch ist es erklärbar. Wie? Er spielt heute anders als früher. Messi muss nicht mehr überall sein, nicht mehr jede Aktion beschleunigen. Aber er erkennt immer noch extrem früh, wann eben dieser angesprochene Moment entsteht, wann er einen gefährlichen Raum attackieren kann. Und dann ist seine Qualität weiterhin einzigartig, Weltklasse. Es geht bei ihm nicht mehr über permanente Aktionen, sondern über Timing, Wahrnehmung, Erfahrung und Präzision. Argentinien hat verstanden, wie man diese Phase seiner Karriere optimal begleitet. Und zwar? Diese Mannschaft gibt alles für ihn. Sie läuft, sichert, verschiebt, schützt Räume und gibt ihm die Freiheit, genau dort aufzutauchen, wo er den Unterschied machen kann. Jeder Einzelne im Team akzeptiert, quasi mit einem Mann weniger zu verteidigen – in dem Bewusstsein, dass sie, sobald sie den Ball erobert haben, gefühlt mit einem Mann mehr auf dem Platz stehen. Das Team hat eine klare Identität, Emotion, Intensität, Erfahrung, eine klare Rollenverteilung und eine gemeinsame Vision. Sie kämpfen nicht nur für den zweiten WM-Titel in Folge, sondern besonders auch für ihren Jahrhundertspieler. Bei der deutschen Mannschaft vermisst man einen Superstar dieser absoluten Topkategorie seit vielen Jahren – zumindest, was die Feldspieler und nicht mit Manuel Neuer die Torhüterposition betrifft. Haben Sie dafür eine Erklärung? Deutschland hatte immer viele sehr gute Spieler. Aber diese absolute Ausnahme-Kategorie ist noch einmal etwas anderes. Messi, Ronaldo, Mbappé oder Haaland verändern nicht nur Spiele, sondern über Jahre die Wahrnehmung einer Mannschaft. Und sie stammen alle nicht durch Zufall aus Systemen, in denen Talententwicklung noch einmal auf einem ganz anderen Level betrieben wird als bei uns. Im deutschen Fußball haben wir traditionell sehr viel Wert auf Kollektiv, taktisches Verhalten, Verlässlichkeit und Mentalität gelegt. Heute reicht das aber nicht mehr. Wir müssen uns bereits heute damit befassen, wie wir die Nationalspieler, die bei der übernächsten WM für unser Land auf dem Platz stehen werden, bestmöglich ausbilden. Wie genau? Wir müssen dringend davon wegkommen, dass wir junge Spieler zu früh in ein Raster drängen. Wir dürfen im deutschen Fußball nicht nur Spieler suchen, die möglichst früh möglichst wenig falsch machen. Außergewöhnliche Spieler entstehen auch dadurch, dass sie Dinge ausprobieren dürfen, die nicht sofort perfekt aussehen. Und wir müssen im deutschen Fußball schnellstmöglich auch die modernsten Technologien und insbesondere auch KI für die Talententwicklung nutzen. Eins ist klar: Der nächste deutsche Unterschiedsspieler entsteht nicht, indem wir den nächsten Messi suchen. Er entsteht, wenn Talententwicklung ganzheitlich und Spieler-zentriert gedacht wird, damit ein Spieler auf seine eigene Art außergewöhnlich werden kann und auch darf. Auch Florian Wirtz oder Jamal Musiala gehören noch nicht zu dieser absoluten Topkategorie. Trauen Sie den beiden zu, diesen Schritt noch zu schaffen? Wirtz und Musiala sind außergewöhnliche Spieler. Bei beiden darf man aber nicht vergessen, dass sie schon sehr schwere Verletzungen zu verkraften hatten und aktuell noch nicht wieder auf ihrem Leistungszenit sind. Trotzdem ist die Kategorie Messi oder Mbappé natürlich noch einmal eine andere, weil diese Spieler den Weltfußball über viele Jahre prägen. Nur werden beide jetzt nicht unbedingt jünger (schmunzelt). Für Wirtz und Musiala geht es jetzt um den nächsten Schritt. Können sie über Jahre konstant Wirkung erzeugen? Dafür brauchen sie Vertrauen, klare Rollen und ein Umfeld, das ihre Stärken schützt. Kreative Spieler brauchen Ordnung und eine klare Führungsstruktur, aber auch Freiheit. Ich traue Wirtz und Musiala den Sprung in die Weltklasse absolut zu. Wir müssen uns aber gleichzeitig die Frage stellen, ob es nicht eigentlich unser Anspruch sein müsste, viel mehr Spieler dieser Kategorie in unserem Land auszubilden – zumal Musiala auch noch in England ausgebildet wurde. Das Mittelstürmer- und Außenverteidiger-Problem in der deutschen Nationalelf besteht nach wie vor. Warum? Solche Themen entstehen nicht plötzlich oben in der A-Nationalmannschaft, sie sind das Ergebnis jahrelanger Fehlentwicklungen. In meiner Zeit als Leiter der DFB-Akademie haben wir hier sehr konsequent gegengesteuert. In der Ausbildung, in den Vereinen, in Spielideen und in der Frage, welche Profile wir besonders fördern müssen. Ich habe sehr stark erlebt, wie anspruchsvoll es ist, Ausbildung nicht nur in Konzepten, sondern in echten Spielerprofilen zu denken. Es reicht nicht, zu sagen: Wir brauchen bessere Spieler. Wir haben bereits damals sehr konkret gefragt: Welche Positionen, welche Rollen, welche Profile braucht der Fußball von morgen? Und? Beim Mittelstürmer gab es eine Phase, in der der klassische Neuner fast ein bisschen aus der Mode geraten ist. Viele Mannschaften wollten flexible Offensivspieler, falsche Neuner, bewegliche Rollen. Das hatte Gründe, war aber natürlich zu kurz gedacht. Denn irgendwann merkt man: Ein Spieler, der Tiefe gibt, Innenverteidiger bindet, im Strafraum präsent ist und Tore macht, bleibt extrem wertvoll. Die Außenverteidiger-Position ist heute unglaublich komplex. Du musst verteidigen, aufbauen, Tempo kontrollieren, Breite geben, teilweise ins Zentrum einrücken und sofort im Gegenpressing funktionieren. Dass Joshua Kimmich dort spielen kann, sagt viel über seine Spielintelligenz. Gleichzeitig zeigt es, dass Deutschland auf dieser Position mehr natürliche Lösungen braucht. Für mich ist die Konsequenz klar. Die wäre? Wir müssen Mittelstürmer und Außenverteidiger wieder bewusster als hochwertige Spezialprofile entwickeln. Dafür sind ein konsequentes Handeln und ein großer Schulterschluss aller Beteiligten im deutschen Fußball notwendig. Beides kann ich nach wie vor nicht erkennen. Mit Nathaniel Brown gibt es zumindest auf der Linksverteidigerposition einen Lichtblick. Er gehört aus deutscher Sicht zu den positiven Überraschungen des Turniers – genau wie Felix Nmecha und Deniz Undav . Nathaniel Brown bringt etwas mit, das Deutschland auf dieser Position braucht: Dynamik, Mut und Tempo auf der Außenbahn. Bei jungen Spielern sollte man immer aufpassen, nach wenigen Spielen zu große Geschichten zu erzählen. Aber sein Start ist ein sehr gutes Signal. Felix Nmecha finde ich nicht überraschend. Er war bereits in den vergangenen beiden Spielzeiten einer der zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung am meisten unterschätzten Spieler. Mit seinem Profil ist er einzigartig: Er bringt Körperlichkeit, Verbindungsspiel und vertikale Lösungen mit – gepaart mit einer unfassbaren Geschwindigkeit und Dynamik. Auch Deniz Undav ist ein Spieler mit sehr klarer Wirkung, der nicht viele Minuten braucht, um gefährlich zu werden. Das hat Undav mit drei Toren und zwei Vorlagen als Einwechselspieler bereits bewiesen. Bundestrainer Julian Nagelsmann setzt bislang dennoch weiterhin nur als Joker auf ihn. Es gibt Spieler, die von der Bank eine enorme Wirkung haben. Wenn ein Spiel offener wird, wenn Verteidiger müde sind und Räume größer werden, kann Undav mit seinem Timing und seiner Abschlussqualität sehr wertvoll sein. Undav liest Situationen gut und hat eine sehr gute Raumkontrolle, erkennt zweite Bälle, bewegt sich klug im Strafraum. Für mich ist er kein reiner Joker. Die Frage, wer von Anfang an spielt, wird bei einem großen Turnier aber sowieso vollkommen überschätzt. Das müssen Sie erklären. Nehmen Sie das Beispiel Mario Götze : Er war bei der WM 2014 eigentlich nur eine Randerscheinung, hat sich mit seinem Final-Tor aber unsterblich gemacht. Wenn du Weltmeister werden möchtest, nimmt jeder Einzelne im Kader eine entscheidende Rolle für den Erfolg ein. Welchen Eindruck macht die deutsche Nationalelf ansonsten bislang auf Sie? Die Mannschaft hat offensiv viele Möglichkeiten. Spieler, die zwischen den Linien auftauchen, Tempo aufnehmen, Räume besetzen und Chancen kreieren können. Für mich liegt die wichtigste Frage aber hinter dieser Offensive. Wie stabil bleibt Deutschland, wenn ein Angriff endet? Wie schnell kommt die Mannschaft wieder in ihre Ordnung? Wie gut sind die Abstände? Gegen Topteams entscheiden oft genau diese Momente, wenn du einen Ballverlust in gefährlichen Räumen hast. Der weitere Turnierverlauf wird zeigen, wie belastbar und widerstandsfähig das Team gegen stärkere Gegner insbesondere in Drucksituationen ist. Welche Trends haben Sie insgesamt bei der WM bislang beobachtet und welche Veränderungen erwarten Sie in der K.-o.-Runde? Bislang waren wenige Trends zu beobachten, die nicht bereits bei den großen Klubs während der Saison sichtbar gewesen wären. Diese WM bestätigt bislang, dass Mentalität gepaart mit individueller Qualität der entscheidende Mix ist. In der K.-o.-Runde wird alles enger, Fehler werden teurer, Räume kleiner und Entscheidungen wichtiger. Ein großes Thema ist für mich die Restverteidigung. Viele Mannschaften können gut angreifen. Die Frage ist, wie gut sie vorbereitet sind, wenn der Angriff endet. Das zweite Thema sind Rollen. Welche meinen Sie? Die besten Teams haben nicht nur gute Spieler, sondern sehr klare Aufgaben: Wer sichert? Wer öffnet Räume? Wer verbindet? Wer bekommt Freiheit? Aus meiner Sicht werden die Teams weit kommen, die den richtigen Moment für Risiko erkennen und trotzdem ihre Struktur behalten. Und die sich am besten auf Standardsituationen vorbereitet haben und diese am besten für sich nutzen können. Wer könnte möglicherweise zum heimlichen Star der WM werden? Da geht es um Spieler, die eine Mannschaft besser machen, ohne ständig im Mittelpunkt zu stehen, gewissermaßen die „unsung heroes“ (unbesungene Helden; Anm. der Red.). Spieler, die Verbindungen schaffen, Räume schließen, Balance geben. Wenn sich die deutsche Mannschaft stabilisiert, kann Felix Nmecha so ein Spieler werden. Was braucht es dafür? Wenn er Linien überspielt, körperliche Präsenz einbringt und gleichzeitig Verbindungen schafft, kann er sehr wichtig für die Balance der Mannschaft sein. Aber auch Aleksandar Pavlović ist hier essenziell. International sind für mich die Spieler spannend, die hinter den großen Offensivstars arbeiten. Bei Argentinien sind das Spieler wie Alexis Mac Allister oder Enzo Fernández, die Messi seine Freiheit ermöglichen. Bei Frankreich Aurélien Tchouaméni oder Adrien Rabiot, die hinter Mbappé, Ousmane Dembélé und Michael Olise die Ordnung halten. Der heimliche Star eines Turniers ist für mich der Spieler, durch den eine Mannschaft erst richtig funktioniert und der für sein Team den größten Wert hat – unabhängig von Toren und Assists.