Der deutsche Rekordmeister scheitert am Titelverteidiger. Auf den Bayern-Trainer wartet nun eine besondere Aufgabe, schreibt t-online-Kolumnist Stefan Effenberg – und nimmt Vincent Kompany in Schutz. Ja, dieses Halbfinal-Aus des FC Bayern in der Champions League ist bitter. Ja, es tut auch weh. In dieser bisher so berauschend verlaufenden Saison der Münchner schien das ersehnte „Triple“ mehr als möglich, mit größten Hoffnungen gingen sie nach dem 4:5 aus der vergangenen Woche bei Paris Saint-Germain nun ins Rückspiel zu Hause. Am Ende steht ein 1:1 in der Allianz Arena. Zu wenig – gegen einen in der Summe zu starken Gegner. Ob es die Bayern tröstet, dass sie gegen die eine Mannschaft in Europa ausgeschieden sind, die in der aktuellen Saison nicht nur genauso gut, sondern vielleicht genau diesen berühmten kleinen Tick besser sind als sie? Das bekamen sie nämlich schon nach drei Minuten schmerzvoll demonstriert: Das frühe 0:1 war der denkbar schlechteste Start in dieses Spiel am Mittwochabend, denn das war zu diesem frühen Zeitpunkt ein herber Schlag für das Vorhaben der Bayern, den Rückstand aus dem Hinspiel noch zu drehen. Das hat sie ins Herz getroffen. Man hat ihnen in der Folge angemerkt, dass sie dieses Gegentor etwas gelähmt hat. Und das aus gutem Grund. Denn natürlich wird das etwas in den Köpfen der Bayern-Spieler ausgelöst haben. Dieses perfekt herausgespielte Tor von Ousmane Dembélé war für die Münchner ein Albtraum. Sie wussten ab diesem Zeitpunkt: In den kommenden 87 Minuten darf uns nichts mehr passieren, wir müssen ständig aufpassen, ständig alarmiert sein. Und während sie noch letzten Dienstag in Paris – vielleicht auch mit dem Gedanken ans Rückspiel zu Hause – immer wieder zurückkamen und irgendwie auch beflügelt schienen von diesem packenden Spiel, fehlte ihnen nun einfach die sonst so gewohnte Durchschlagskraft in der Offensive. PSG steht verdient im Finale – und nicht die Bayern Im Gegenteil. Die unangenehme Wahrheit ist: Auch nach dem Führungstreffer hatte Paris die besseren, hochkarätigeren Chancen, und die Bayern können sich bei Torwart Manuel Neuer bedanken, dass es hier nicht schnell schon 0:2 oder 0:3 stand und man alle Hoffnungen schon früh hätte begraben müssen. Trotzdem ist es der Mannschaft von Trainer Vincent Kompany gelungen, die Partie so lange wie möglich offenzuhalten. Das Ausgleichstor durch Harry Kane kam aber zu spät, und am Ende muss die Erkenntnis stehen, dass Paris als Titelverteidiger verdient im Finale steht – und nicht die Bayern. PSG war das, was die Bayern in der Summe von Hin- und Rückspiel eben nicht waren: eiskalt im Abschluss, ständig gefährlich – und nun auch noch defensiv stabil. 34 Prozent Ballbesitz in München haben ihnen zu fast genauso vielen – und oftmals hochkarätigeren – Torschüssen (15 zu 18), mehr Eckbällen (8 zu 1) und mehr Balleroberungen (41 zu 38) gereicht, mit denen sie immer wieder Nadelstiche gegen die in der Verteidigung wieder einmal äußerst anfällig wirkenden Münchner setzen konnten. Nach Aus gegen PSG: Bayern-Star überrascht mit Fazit Reaktionen auf Halbfinal-Rückspiel: „Bayern München ging kläglich unter“ Champions-League-Aus: Bayern verpasst Finale – und kassiert trotzdem 150 Millionen An dieser Stelle muss ich übrigens Trainer Kompany gegen Vorwürfe in Schutz nehmen, er hätte seine Mannschaft defensiver einstellen müssen, hätte der Pariser Offensivwucht etwas entgegensetzen müssen, anstatt mit offenem Visier in einen ungezügelten Schlagabtausch zu gehen. Das aber ist der FC Bayern 2025/26, mit genau dieser offensiven Spielweise haben sie uns in Bundesliga , DFB-Pokal und Champions League immer wieder begeistert und auch Erfolg gehabt. 116 Tore in der Bundesliga sprechen für sich. Das kann ein Trainer nicht plötzlich abstellen und voll auf Kontrolle und Sicherheit gehen. Im Gegenteil: Damit hätte Kompany nicht nur seine Spieler verunsichert, sondern seine Mannschaft ihrer größten Stärke beraubt. Ich verstehe den Ärger der Bayern Leider wird nach diesem Rückspiel aber auch über den Schiedsrichter gesprochen. Denn Schiedsrichter João Pinheiro hatte nicht seinen besten Tag erwischt, zum Leidwesen der Bayern. Das Handspiel von Paris‘ Nuno Mendes war eine klare Gelb-Rote Karte, das Handspiel, das Pinheiro zuvor wiederum bei Bayerns Konrad Laimer erkannt haben will, war für mich auch in der x-ten Wiederholung nicht auszumachen. „Das ist ein Skandal“: Kommentar zur Schiedsrichter-Leistung beim Bayern-Aus „Riesenfehlentscheidung“: Wut wegen Schiri bei Bayern-Spiel Dann hätten die Münchner vermutlich eine gute Stunde in Überzahl gespielt, und wer weiß, wie die Partie dann verlaufen wäre. Das dürfen sie aber nicht als Entschuldigung nehmen, und es ehrt sie, dass sie bei aller Enttäuschung und auch verständlichem Ärger über diese Entscheidung keine Ausflüchte suchen. Das würde diesen zwei hochklassigen Spielen nicht gerecht. Die zweite Situation kurz danach im Strafraum von PSG war ungleich unstrittiger, da hat Pinheiro alles richtig gemacht. Denn Vitinha will den Ball schließlich aus dem eigenen Sechzehner herausschlagen, schießt dabei seinem Teamkollegen João Neves an den Arm – zum eigenen Nachteil, denn der Ball hätte dadurch ja theoretisch bei einem Bayern-Spieler landen können. Das war alles, nur kein Elfmeter für die Bayern, und ich muss sagen: Mit dieser „teammate to teammate“-Regel haben die Verantwortlichen beim International Football Association Board (Ifab) zur Abwechslung mal alles richtig gemacht. Kompany muss nun seine Spieler wieder aufbauen Fast alles richtig gemacht haben eben auch die Bayern – aber eben nur fast, und deshalb ist diese über weite Strecken ganz starke Saison in der „Königsklasse“ nun an ihrem Ende angelangt. Und jetzt? Jetzt wartet auf Kompany die vielleicht schwerste Aufgabe seiner bisherigen Amtszeit beim FC Bayern: Er muss nach diesem schweren Schlag, nach dieser herben Enttäuschung die Spannung hochhalten, den Fokus jetzt ganz auf das DFB-Pokalfinale richten, seine Spieler wieder aufbauen und ihnen vermitteln, worum es nun noch geht. Wie schwierig das sein kann, weiß ich leider selbst: 1998/99 verloren wir mit den Bayern erst das berühmt-berüchtigte Champions-League-Finale gegen Manchester United , dann eine Woche später das Endspiel im DFB-Pokal gegen Werder Bremen . Da half es uns dann auch nicht, dass wir zuvor mit 15 Punkten Vorsprung Deutscher Meister geworden waren, die Saison hatte mehr als nur einen faden Beigeschmack. Und so eine Situation kennt Kompany nämlich noch nicht: Vergangene Saison waren sie schon im Dezember aus dem Pokal raus und zum Zeitpunkt des Ausscheidens im Viertelfinale der Champions League gegen Inter Mailand schon auf dem Weg zur nächsten deutschen Meisterschaft bei sechs Punkten Vorsprung auf Bayer Leverkusen . Wie er es nun schafft, seine Stars bei größter Anspannung zu halten? Er sollte die Spieler erst einmal ein, zwei Tage in Ruhe lassen und dann an ihre Ehre appellieren. Ich bin mir sicher, dass Kompany dank der großen Erfahrung aus seiner eigenen Spielerkarriere weiß, wie sich die Jungs jetzt fühlen, und die richtigen Worte finden wird. Da sind dann übrigens auch die Führungspersönlichkeiten innerhalb der Mannschaft gefragt, ihre Teamkollegen mitzuziehen. Denn sie alle müssen sich daran erinnern: Sie können noch einen Titel holen. Am 23. Mai geht es für die Bayern in Berlin gegen den VfB Stuttgart um den ersten Sieg im DFB-Pokal seit 2020. Das ist eines der erklärten Ziele in dieser Saison, und das wollen und müssen sie auch erreichen, wollen sie die Spielzeit 2025/26 erfolgreich beenden. Wenn nicht, müsste das ganze Jahr infrage gestellt werden – und das will niemand in München.