WM 2026: Neuer zurück ins DFB-Team? Schult verteidigt Oliver Baumann

Kehrt Manuel Neuer zur WM ins DFB-Tor zurück? Almuth Schult hat dazu eine klare Meinung. Die Debatte um den Platz zwischen den Pfosten kann sie aber verstehen. Die Weltmeisterschaft rückt immer näher. Am 11. Juni startet das Turnier in den USA, Kanada und Mexiko in seine bisher größte Ausgabe. 48 Teams sind in diesem Jahr mit dabei, 16 mehr als noch bei der vergangenen WM in Katar. Ebenfalls in Nord- und Mittelamerika vor Ort: Almuth Schult. Die 35-jährige Ex-Nationaltorhüterin ist für die ARD als TV-Expertin im Einsatz und wird zahlreiche Partien der WM begleiten. Schon bei den Europameisterschaften 2021 und 2024, der Weltmeisterschaft 2022 sowie der Frauen-WM 2023 und -EM 2025 hatte Schult vor der Kamera mit ihrem Fachwissen geglänzt. t-online hat mit der 66-fachen DFB-Spielerin wenige Wochen vor WM-Beginn ein Gespräch geführt. Schult blickt darin auf die Situation im deutschen Tor. Mit der Debatte über eine Rückkehr des bereits zurückgetretenen Manuel Neuer hat auch sie sich beschäftigt und vertritt in dieser Sache einen klaren Standpunkt. Außerdem erklärt Schult, wie sie zu einer Frauenquote für Schiedsrichterinnen bei der WM steht und inwiefern ihre Arbeit als Expertin anders bewertet wird als die ihrer männlichen Kollegen. Frau Schult, in etwas mehr als einem Monat findet die bisher größte WM statt. Sie sind für die ARD als Expertin mit dabei. Wie gehen Sie Ihre Aufgabe für dieses XXL-Turnier an? Almuth Schult: Bei den 48 teilnehmenden Teams kann man sich nicht auf jedes im Detail vorbereiten. Das ist utopisch. Ich fokussiere mich eher auf die einzelnen Spiele, die ich begleite, und versuche, mich da tiefer einzulesen. In der K.-o.-Phase kann ich dann hoffentlich von dem zehren, was ich in der Vorrunde gesehen habe. Das ist normalerweise auch das Beste, weil es dann die aktuellsten Eindrücke der Mannschaften sind. Als ehemalige Torhüterin wird sich Ihr Blick vor und während der WM sicherlich noch einmal verschärft auf die Schlussmänner richten. Wie verfolgen Sie die anhaltende Debatte über ein Comeback von Manuel Neuer im DFB-Team? Diese Diskussion ist aus unterschiedlichen Blickwinkeln unglücklich. Man konnte sie am Anfang natürlich führen. Manuel Neuer und Bundestrainer Julian Nagelsmann haben die Rückkehr mittlerweile aber mehrfach dementiert und abmoderiert. Die Debatte kann man deshalb irgendwann auch mal lassen. Gerade, weil man Oliver Baumann damit etwas untergräbt. Baumann soll bei der WM als Nummer eins im Tor stehen. Birgt die Neuer-Debatte die Gefahr, den Hoffenheimer zu verunsichern? Es gibt einem zumindest nicht unbedingt Sicherheit, wenn das ganze Land darüber diskutiert, ob jemand anderes im Tor stehen sollte. Das bedeutet im Grunde, dass die Leute mit dir unzufrieden sind, und das kann einem kein gutes Gefühl für eine Weltmeisterschaft geben. Oliver Baumann hat das meines Erachtens nicht verdient, weil er in der Nationalmannschaft hervorragende Leistungen gezeigt hat und in der Liga ein sehr konstanter Torwart ist. Auf der anderen Seite kann ich das Misstrauen in gewisser Weise auch verstehen. Warum? Weil Deutschland eine Torhüternation ist. Deutschlands Nummer eins hat in der Vergangenheit eigentlich immer bei einem Top-Verein gespielt und war auch auf Klubebene international vertreten. Das ist bei Oliver Baumann einfach nicht der Fall. Im letzten Jahr hat er mit Hoffenheim noch gegen den Abstieg gespielt. Zur Wahrheit gehört eben auch, dass er in seiner Karriere keine zehn Champions-League-Spiele gemacht hat. Wahrscheinlich ist auch das einer der Hauptgründe, warum es die Torhüterdiskussion überhaupt gibt. Bei der WM 2026 sind deutlich mehr Schiedsrichter und Assistenten dabei als noch in Katar, die Zahl der Frauen hat sich aber nicht verändert. Fifa-Schiedsrichterdirektor Pierluigi Collina sprach jedoch von einem sich fortsetzenden Trend. Betreibt der Weltverband lediglich Symbolpolitik? Das kann man aus dem Blickwinkel der reinen Anzahl so interpretieren. Aber es gibt auch eine andere Perspektive. Bei der Fifa ist, meine ich, Bibiana Steinhaus-Webb dafür zuständig, welche Schiedsrichterinnen für die WM nominiert werden. Sie ist eine absolute Expertin, hat einen guten Blick auf das Ganze. Am Ende muss einer Frau zugetraut werden, auf dieser großen Bühne zu pfeifen, erst recht, wenn sie dabei ständig mit Sexismus konfrontiert wird. Damit muss eine Schiedsrichterin bei einer WM wohl oder übel umgehen können. Würden Sie die Einführung einer Frauenquote für Schiedsrichterinnen bei einer WM oder in der Bundesliga befürworten? Eine Quote ist immer eine Gratwanderung – auch im Schiedsrichterwesen. Auf der einen Seite ermöglicht sie für Frauen eine Durchlässigkeit, die vorher meist nicht vorhanden war. Auf der anderen Seite begünstigt die Quote vielleicht auch diejenigen, die nicht perfekt auf ihre Aufgaben vorbereitet sind. Wichtig ist deshalb vor allem, dass Frauen gut ausgebildet werden, dass sie die gleichen Chancen erhalten und dass sie dann auch mit einer Leistung, die gleichwertig oder nahezu gleichwertig zu den Leistungen der Männer ist, nach oben kommen können. Sie sind bereits seit der EM 2021 als TV-Expertin tätig. Merken Sie Unterschiede in der Bewertung Ihrer Arbeit im Vergleich zu männlichen Kollegen? Definitiv. Männer dürfen Fehler machen, weil viele einfach weggelächelt werden. Frauen müssen gerade am Anfang wiederum fehlerlos agieren, um sich einen guten Ruf zu erarbeiten. Sonst heißt es direkt: Typisch, die Frau bekommt es nicht hin. Ich glaube zwar, dass ich mir mittlerweile auch mal Fehler erlauben darf, aber bei meinem ersten Turnier hätte das nicht passieren dürfen. Zum Glück hat sich die Kultur ein bisschen geändert. Inwiefern? Bei allen Liveübertragungen sind jetzt Frauen dabei und beweisen, dass auch sie Fußballfachverstand haben. Dass ich bei der WM als Expertin vor Ort bin, ist beispielsweise zur Normalität geworden. Bei der EM vor fünf Jahren war das noch nicht der Fall. Da war der Aufschrei um meine Person groß und ich habe noch viele Fragen erhalten, bei denen man sagen muss: Sorry, aber das ist sexistisch. Was denkt man in solchen Momenten? Für Frauen ist Sexismus in jedem Job im Fußball weiterhin präsent. Das ist sehr schade, aber es ist einfach so. Frau Schult, vielen Dank für das Gespräch.