26 nominierte Spieler und ein Trainingstorwart reisen für Deutschland in die USA. Der Großteil stammt aus drei Bundesländern. Ist das ein Problem? Am Dienstag hebt die deutsche Nationalmannschaft ab. Von Frankfurt aus geht es für die DFB-Elf in die Vereinigten Staaten, die gemeinsam mit Kanada und Mexiko die WM veranstalten. Das erste Ziel ist aber nicht North Carolina, wo das deutsche Trainingscamp ist, sondern Chicago. Am kommenden Samstag (6. Juni) findet hier die WM-Generalprobe gegen die USA statt. Bundestrainer Julian Nagelsmann kann dann endlich aus dem Vollen schöpfen. Während er gegen Finnland am heutigen Sonntag (ab 20.45 Uhr im Liveticker bei t-online) noch auf Kai Havertz (fehlt wegen des CL-Endspiels) und Manuel Neuer (Belastungssteuerung nach Verletzung) verzichten muss, stehen ihm gegen die USA alle Spieler zur Verfügung, wenn nichts mehr passieren sollte. Bei einem genauen Blick auf den 26-Mann-Kader des DFB fällt auf: Ein Großteil der Spieler kommt aus drei Bundesländern. 19 der 26 Nominierten kommen aus Bayern, Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen – inklusive des in der Nähe von Bonn geborenen Jonas Urbig , der als Trainingstorwart mitreist, wären es sogar 20 von 27 Spielern. Sechs Spieler sind in anderen Bundesländern geboren. Antonio Rüdiger in Berlin, Felix Nmecha und Jonathan Tah in Hamburg, Maximilian Beier in Brandenburg, Nick Woltemade in Bremen, Deniz Undav in Niedersachsen. Spieler Nummer 26 ist Waldemar Anton , der im zentralasiatischen Land Usbekistan geboren wurde. Der Anteil von Spielern aus NRW, Baden-Württemberg und Bayern liegt bei 73 Prozent, das sind mehr als zwei Drittel des Kaders. Die drei bevölkerungsreichsten Bundesländer machen aber „nur“ 50,9 Prozent der deutschen Bevölkerung aus. Große Bundesländer wie Hessen (circa 6,3 Millionen Einwohner) und Rheinland-Pfalz (circa 4,1 Millionen) sind gar nicht vertreten. Die neuen Bundesländer sind mit dem in Brandenburg an der Havel geborenen Maximilian Beier nur einmal vertreten. Wie viel sagt der Geburtsort aus? Der Geburtsort ist das eine, wo die Spieler am Ende aufgewachsen sind, das andere. Felix Nmecha zum Beispiel wurde zwar in Hamburg geboren, aber als er sechs Jahre alt war, zog er mit seiner Familie nach England. Auch der aus Stuttgart stammende Jamal Musiala erlebte einen beachtlichen Teil seiner Kindheit in Großbritannien. Der in Usbekistan geborene Waldemar Anton wiederum kam als Zweijähriger nach Hannover. Der Niedersachse Deniz Undav wäre womöglich ohne seinen Wechsel zum SV Werder Bremen als Zehnjähriger nicht da, wo er heute ist. Vereinzelt gibt es Unterschiede zwischen dem Bundesland, in dem ein Spieler geboren worden ist, und dem, wo ein Spieler größtenteils ausgebildet wurde. Die Quoten in der Nationalelf verändert das leicht, die grundsätzliche Dominanz der drei besagten Bundesländer aber kaum. Nur eine Zahl – oder doch mehr? Ein von wenigen Bundesländern dominierter Kader ist per se nichts Schlechtes. Der spanische WM-Kader besteht zu mehr als einem Drittel aus Katalanen (rund 35 Prozent), obwohl Katalonien weniger als 17 Prozent der Bevölkerung Spaniens ausmacht. Würde man die in Katalonien ausgebildeten Spieler hinzuziehen, wäre der Anteil noch höher. Spaniens Erfolg bei der EM 2024 und der zweite Platz in der Fifa-Weltrangliste zeigen: Die Iberer sind nah am Maximum. Deutschland ist das aber nicht. 2016 stand die DFB-Elf letztmals im Halbfinale eines großen Turniers, die Weltspitze ist enteilt. Die Dominanz von Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen liest sich daher anders. Denn sie zeigt auch, wo hierzulande noch Potenziale liegen. Einige dieser Potenziale hat der ehemalige Bundesliga-Trainer Alexander Nouri analysiert. Nouri ist inzwischen Co-Geschäftsführer des Unternehmens „International Football Concepts“, das Fußballvereine und -verbände strategisch berät. Im Podcast „Denkfabrik Nachwuchsfußball“ gab Nouri Einblick in seine Erkenntnisse: „In Deutschland gibt es viele Blind Spots, die wir analysiert haben. Und zwar sind es Teile von Thüringen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, auch Schleswig-Holstein, wo wir keine Struktur den Talenten zur Verfügung stellen, sich zu entwickeln. Wir haben eine ganz einfache Formel in Deutschland: Überall da, wo ein NLZ (Nachwuchsleistungszentrum, Anm. d. Red.) und ein Ballungsgebiet aufeinandertreffen, da produzieren wir Profis. Aber in strukturschwächeren Regionen verlieren wir unheimlich viele Talente.“ Das Ergebnis: Weder in der A-Nationalelf noch in den Teams der U20 und der U21 sind gebürtige Thüringer oder Sachsen-Anhalter. A-Nationalspieler Maximilian Beier ist der einzige Brandenburger, Tom Rothe aus der U21 der einzige Profi aus Schleswig-Holstein. Talente aus diesen Bundesländern müssen für eine Profikarriere meist größere Risiken eingehen und oft Hunderte Kilometer von ihrer Heimat wegziehen, um in einem NLZ trainieren zu können. Kinder aus Nordrhein-Westfalen haben zwar viel mehr Konkurrenz, gleichzeitig aber auch 13 Nachwuchsleistungszentren in ihrem Bundesland. Der aus Düsseldorf stammende Torwart Maduka Okoye (Udinese Calcio) war beispielsweise in seiner Jugend in gleich drei NLZ (Bayer Leverkusen, Borussia Mönchengladbach , Fortuna Düsseldorf). Keine Momentaufnahme Bei einem Blick auf die drei vergangenen WM-Kader gibt es eine interessante Entwicklung. Stammten im Weltmeister-Kader von 2014 noch 60,9 Prozent gebürtig aus den drei größten Bundesländern, waren es vier Jahre später schon 69,6 Prozent. 2022 stieg der Anteil erneut. Wie im aktuellen WM-Kader waren 19 der 26 Spieler aus Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Zur Erinnerung: Das ist eine Quote von 73 Prozent. Wie viel Aussagekraft diese Zahlen über die Entwicklung des deutschen Fußballs haben, ist eine Frage, die der DFB und die Vereine selbst beantworten müssen. Sie zeigen aber, dass die aktuelle „Schieflage“ zumindest keine Momentaufnahme ist. Dem Bundestrainer wird es am Ende egal sein, woher seine Spieler kommen. Die Hauptsache ist, dass sie gut genug sind, um Weltmeister werden zu können. Aber etwas mehr Konkurrenz aus Sachsen-Anhalt oder Schleswig-Holstein hätte wohl kaum geschadet.