WM 2026 | Robin Gosens: Das unterscheidet Nagelsmann von Flick und Löw

Robin Gosens wurde nicht für das Turnier in den USA, Kanada und Mexiko nominiert. Er erinnert sich an eindringliche Worte des Bundestrainers. Wenn heute mit dem Eröffnungsspiel Mexiko gegen Südafrika die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 startet (ab 21 Uhr im Liveticker bei t-online), dann wird Robin Gosens genau hinschauen. Der 31-Jährige ist beim Turnier für die ARD als Experte im Einsatz, wird gemeinsam mit Lea Wagner und Malte Völz die Sendungen aus dem WM-Studio in Köln analysieren. In den WM-Kader von Bundestrainer Julian Nagelsmann hat er es nicht geschafft. Im Interview mit t-online erklärt er, warum er einen besonderen Traum trotzdem nicht aufgibt, warnt vor einer großen Gefahr – und erzählt von einem enttäuschenden Telefonat. t-online: Robin Gosens, Sie haben es zum zweiten Mal in Folge nicht in den deutschen Kader für ein großes Turnier geschafft. Ihr letztes Länderspiel datiert vom Juni 2025. Was ist passiert? Ich habe nicht so sehr gehofft und gebangt wie noch vor der EM 2024. Damals war ich guter Dinge und im Vorfeld auch wirklich überzeugt, dass ich dabei sein würde. Das war dieses Jahr anders aufgrund der schwierigen Saison im Verein. Sie standen mit der AC Florenz lange auf einem Abstiegsplatz, konnten sich erst im letzten Saisondrittel retten. Persönlich hatten Sie auch mit Verletzungen zu kämpfen. Das war auch auf mentaler Ebene sehr anstrengend. Und dann kam eben auch noch ein sehr enttäuschendes Telefonat mit dem Bundestrainer dazu, in dem er mir für die WM abgesagt hat. Wie ist die Kommunikation mit Julian Nagelsmann abgelaufen? Sie waren über die Saison wiederholt in Kontakt? Ja, der Austausch war natürlich da. Im entscheidenden Gespräch hat er mir dann gesagt, dass es David Raum und Nathaniel Brown in der vergangenen Saison sehr gut gemacht haben, und ich zwar ein ordentliches Jahr hatte, es aber einfach nicht konstant genug war. Nichts, was man unbedingt gerne hört. Aber er hatte recht. Ich habe einfach nicht regelmäßig auf dem Niveau gespielt, das mich dafür qualifiziert hätte, auf den WM-Zug aufzuspringen. Wie geht man mit so einer Nachricht um? Es tut immer weh, so eine definitive Absage zu bekommen, auch wenn es die Wahrheit ist. Man lebt doch schließlich für solche Träume. Eins darf man dabei aber nicht vergessen: Für den Bundestrainer sind solche Gespräche ja auch nicht einfach und kein Vergnügen. Den offenen Austausch mit ihm schätze ich sehr. Ein anderes Gespräch aber ist viel schwieriger. Welches? Das Gespräch mit sich selbst. Sich selbst einzugestehen: Dieses Jahr wird es wahrscheinlich nicht reichen. Aber es bringt auch nichts, sich selbst etwas vorzumachen, sich selbst anzulügen. Dann ist die Enttäuschung wahrscheinlich noch größer. Ich bin da mittlerweile realistisch genug, meine Leistung einschätzen zu können. Trotzdem lasse ich es mir gleichzeitig nicht nehmen, zu träumen. Ein schwieriger Spagat. Aber für mich absolut Teil meines Wesens. Ich ziehe Motivation daraus, den Glauben nicht aufzugeben. Da mögen manche sagen: Der Gosens hat doch nicht mehr alle Tassen im Schrank – aber so ticke ich nun mal (lacht). Schließlich geht es um die WM, das Größte für jeden Fußballer. Auch in der Berichterstattung rund um die Kadernominierung fiel Ihr Name zuletzt höchst selten. Haben Sie sich ein wenig vergessen gefühlt? Ich glaube, das liegt in erster Linie daran, dass ich im deutschen Fußball noch nie so präsent war wie andere, trotz meines einen Jahres bei Union Berlin . Sie sprechen Ihren ungewöhnlichen Werdegang an. Genau. Ich war und bin den Großteil meiner Karriere im Ausland unterwegs, erst in den Niederlanden, dann in Italien. In Deutschland wird eben nicht so umfangreich über die Eredivisie oder die Serie A berichtet. Sie haben die DFB-Elf noch nicht aufgegeben? Nein. Auch, weil Julian Nagelsmann mir das so gesagt hat. Er meinte, dass er mich, auch wenn ich jetzt nicht dabei bin, als Menschen und Spieler schätzt, und wenn ich in der kommenden Saison meine Leistung bringe, es wieder anders aussehen kann. Das hat mir sehr imponiert. Solange der Bundestrainer das zu mir sagt, werde ich immer an meinem Traum festhalten. In Ihrer bisherigen Nationalmannschaftskarriere haben Sie für Joachim Löw , Hansi Flick und nun Nagelsmann gespielt – wie vergleichen Sie den aktuellen Bundestrainer mit seinen beiden Vorgängern? Alle drei sind grundverschiedene Menschen. Drei Top-Trainer mit unterschiedlichen Ansätzen. Jogi Löw und Hansi Flick sind als empathische Menschen enorm stark in der Menschenführung, im Umgang mit ihren Spielern. Julian ist in seiner Trainingsarbeit und mit seiner innovativen Art und Weise, eine Mannschaft einzustellen und auf das Spiel vorzubereiten, hochmodern. Wahrscheinlich auch einen Tick moderner, als es Jogi Löw oder auch Hansi Flick zumindest zu ihrer Zeit als Bundestrainer waren. Nagelsmann ist auch Vertreter einer neuen Trainergeneration. Und das merkt man. Er stellt seine Spieler in jedem Training vor große Denkaufgaben, und das finde ich unglaublich inspirierend und beeindruckend. Man kann sich bei ihm nie ausruhen. In meiner Karriere habe ich schon viele Trainings bestritten, in denen ich zwar körperlich gefordert wurde, aber nicht geistig. Das wäre bei Julian unmöglich. Ist das seine große Stärke? Ja. Und die Öffentlichkeit bekommt ja auch nicht alles mit, was er in der täglichen Arbeit mit der Mannschaft noch so alles macht. Er schafft es, dass im Team eine unglaubliche Harmonie herrscht – und deshalb bin ich auch sehr optimistisch für die WM. Was trauen Sie der deutschen Elf zu? Viel – wenn alles zusammenkommt. Ein ganz schön großes „wenn“ … Wir müssen uns ja nichts vormachen. Die Mannschaft muss über ihr Limit gehen, wenn sie am Ende den WM-Pokal in ihren Händen halten will. Vielleicht auch mal glücklich gewinnen. Wenn das alles so zusammenkommt, kann es weit gehen. Was stimmt Sie optimistisch, dass es so kommt? Ich habe mit fast allen Spielern, die nun nominiert sind, schon mal in der Nationalelf auf dem Platz gestanden. Ich weiß, wie sie ticken, wie sie untereinander, miteinander agieren. Die können alle gut miteinander, das ist eine intakte Mannschaft, sowohl spielerisch als auch charakterlich. Das ist schon mal die Basis für den Erfolg. Und wenn dann auch noch jeder an sein Leistungsmaximum geht, bin ich davon überzeugt, dass es eine sehr gute WM werden kann. Man merkt Ihnen an, dass Sie stets sowohl als Fußballprofi als auch als Fan sprechen. Im Vorfeld des Turniers gibt es scharfe Kritik an den Ticketpreisen, an der „Fanfreundlichkeit“ der WM. Wie verfolgen Sie die Debatte? Wenn Menschen der Zugang zu einer WM nicht möglich ist, weil sie sich schon die Tickets finanziell nicht leisten können, kommt der Fußball in eine gefährliche Situation. Welche Gefahr sehen Sie? Ich befürchte, dass sich der Fußball dadurch weiter entfernt von den Menschen. Die Fifa verliert dadurch ihre Basis aus den Augen. Und das sollte uns Sorgen machen. Dieser Sport lebt von seinen Fans, von ihren Emotionen. Das muss unbedingt so bleiben. Wir dürfen nicht riskieren, dass viele Zuschauer durch hohe Preise ausgesperrt werden. Sie haben sich selbst einmal als „hoffnungslosen Fußballromantiker“ bezeichnet. Wie blickt ein „hoffnungsloser Fußballromantiker“ denn insgesamt auf die WM in den USA, Kanada und Mexiko? Natürlich verfolge ich die Nachrichten und bin immer up to date, was die neuesten Entwicklungen angeht. Ich bin aber kein Politiker oder überhaupt nur politikaffin. Ich kann das nur aus der Sicht eines Fußballers betrachten. Und? Das, was ich an diesem Sport so sehr liebe, ist die Tatsache, dass er die Kraft hat, Kulturen und Völker miteinander zu verbinden. Und genau deshalb liebe ich auch die WM so viel mehr als alles andere. Durch so ein Turnier kommen uns doch auch andere Kulturen näher, ob es jetzt Curaçao, Kap Verde oder Usbekistan ist. Durch ihr Spiel auf dem Platz, durch die Fans auf der Tribüne. Das ist die große Chance, die auch diese WM wieder hat, und ich wünsche mir, dass sie genutzt wird in unserer aktuellen Zeit. Was genau erhoffen Sie sich? Dass man dieses Gefühl der Gemeinschaft, der Verständigung auch wieder auf die „normale Welt“ überträgt. Dass diese Freude auch nicht durch die aktuelle Weltlage getrübt wird, sondern diese im Gegenteil beeinflusst. Das wäre schön. Und ja, da spricht gerade wirklich der Fußballromantiker aus mir (lacht). Ich bin nun mal hoffnungslos verliebt in diesen Sport.