Tschechien bei der WM 2026: Überrascht das Team mit einem simplen Plan?

Tschechien ist nach langen Jahren endlich zurück auf der WM-Bühne. Doch der Weg dahin war ein Ritt auf der Rasierklinge. Das Turnier wird es auch – wie sich zum Auftakt schon zeigte. Eine Generation tschechischer Fußballfans hat nie erlebt, wie ihr Team auf der größten Bühne spielt – bis jetzt. Nach 20 Jahren Abstinenz ist die „Repre“ wieder bei einer Weltmeisterschaft dabei. Die Erwartungen? Überschaubar. Das Team? Eine Mannschaft von Arbeitern, keine Glamourtruppe. Trainer Miroslav Koubek übernahm erst zu Weihnachten , stellte sofort auf eine flexible Fünferkette um und setzte auf eiserne Disziplin. Was an Glanz fehlt, macht diese Mannschaft mit Zusammenhalt und späten Toren wett – wie die beiden Playoff-Siege im Elfmeterschießen zeigen. Koubek hat aus einer verunsicherten Truppe eine verschworene Einheit geformt, die aus weit mehr als nur elf Stammspielern besteht. Die Tschechen sind gekommen, um zu arbeiten – und um zu bleiben, solange es geht. Ohne eine Steigerung gegenüber der Auftaktpartie gegen Südkorea wird der Weg alleridngs schnell enden. Gegen Südkorea gaben das Team einen 1:0-Vorsprung noch aus der Hand und verlor. So hat sich Tschechien für die Weltmeisterschaft qualifiziert Die Qualifikation war ein Zitterspiel. Nach einer schwachen Gruppenphase – inklusive peinlichem Remis gegen die Färöer Inseln – stand Tschechien plötzlich ohne festen Trainer da. Interimslösung Köstl rettete das Team mit Ach und Krach in die Playoffs. Dort wurde es dramatisch: Gegen Irland reichte es erst im Elfmeterschießen, gegen Dänemark ebenfalls. Zweimal Nervenprobe, zweimal bestanden. Erst mit der Verpflichtung von Miroslav Koubek im Dezember 2025 kehrte Ruhe ein. Koubek setzte auf defensive Ordnung, klare Ansagen – und führte die Mannschaft mit zwei Siegen in den Testspielen gegen Kosovo (2:1) und Guatemala (3:1) in die Endrunde. Fertig ist das Überlebensrezept. Das sind Tschechiens Vorrunden-Gegner in der WM-Gruppe A Tschechien spielt in der Gruppe A gegen Südkorea, Südafrika und Mexiko. Südkorea – Guadalajara, 12. Juni, Endergebnis 1:2: Die Koreaner präsentierten sich laufstark, diszipliniert und unangenehm im Pressing. Tschechiens Führung nach einer Stunde kam aus dem Nichts, Südkorea war die weitaus bessere Mannschaft gewesen. Folgerichtig trafen die Asiaten noch zweimal und bogen das Spiel so um. Südafrika – Atlanta, 18. Juni, 18:00 Uhr (MESZ): Südafrika will schnell und mutig spielen, ist aber taktisch und technisch limitiert und defensiv anfällig. Die tschechische Elf muss die zweiten Bälle sichern und Standards erzwingen. Nach der Pleite gegen Südkorea ist ein Sieg für Tschechien absolute Pflicht. Mexiko – Mexiko-Stadt, 25. Juni, 03:00 Uhr (MESZ): Mexiko ist technisch überlegen, spielt mit viel Ballbesitz und sucht das Kombinationsspiel. Für Tschechien wird es ein Spiel gegen den Ball – tief stehen, auf Umschaltmomente hoffen. Die Höhe von Mexiko-Stadt und die späte Anstoßzeit sind ein zusätzlicher Härtetest. Die Reiseroute: Guadalajara, Atlanta, Mexiko-Stadt – drei Klimazonen, drei Herausforderungen. Das sind Tschechiens wichtigste Spieler Tomáš Souček (West Ham United, Marktwert ca. 10 Millionen Euro): Der Kapitän ist das Herz der „Repre“. 1,93 Meter groß, viermal Fußballer des Jahres, Marathonmann im Mittelfeld. Seine Ausdauer hat er von der Mutter, die Marathon läuft – und manchmal zog er als Kind mit ihr durch den Wald. Souček überstand eine schwere Zeit mit Schlaflosigkeit und Depression, heute feiert er jedes Tor mit dem „Helikopter“-Jubel. Im Spielaufbau bleibt er limitiert, aber als Staubsauger vor der Abwehr ist er unverzichtbar. Die Fans nennen ihn „Helikopter“. Das passt. Patrik Schick (Bayer Leverkusen, ca. 18 Millionen Euro): Schick ist der Zielspieler, der im Strafraum wartet. Schon als Kind feierte er Tore nicht, sondern holte den Ball und wollte weitermachen. Nach vergebenen Chancen flossen Tränen. Seine Karriere führte ihn von Sparta Prag über Sampdoria Genua, AS Rom und RB Leipzig zu Bayer Leverkusen – erst dort explodierte er. Im April 2026 erzielte er sein 100. Tor für den Klub. Eigentlich ist er im Strafraum eine wahre Tormaschine, aber im Kombinationsspiel taucht er oft ab. Gegen Südkorea blieb er blass. Adam Hložek (TSG Hoffenheim, ca. 10 Millionen Euro): Hložek fungiert wie ein Gaspedal im tschechischen Team – außen, innen, überall gefährlich. Er debütierte schon mit 16 Jahren bei seinem Heimatverein Sparta Prag , schoss dort 40 Pflichtspieltore, eher nach Leverkusen wechselte. Dort war er oft nur Rotationsspieler, jetzt sucht er in Hoffenheim sein Glück. Sein Markenzeichen: ein riesiges Löwen-Tattoo auf dem Oberschenkel. „Der Löwe gibt mir Kraft“, sagt er. Im Defensivverhalten ist er zuweilen nachlässig. Aber wenn er ins Rollen kommt, wird’s wild. David Jurásek (Slavia Prag, ca. 5 Millionen Euro): Jurásek ist der Flankengeber auf links. Benfica zahlte 14 Millionen Euro, setzte die Ausstiegsklausel auf 80 Millionen – dann kam die Knöchelverletzung. Nach Leihe zu Hoffenheim zurück zu Slavia, dort endlich der erste Meistertitel. Jurásek bringt Tempo, Physis, einen starken linken Fuß. Aber unter Druck passieren ihm Fehler, und im Stellungsspiel ist er verwundbar. Pavel Sulc (Olympique Lyon, ca. 20 Millionen Euro): Der offensive Mittelfeldspieler ist Tschechiens Verbindungsmann zwischen Zentrum und Angriff. Er bewegt sich klug in den Halbräumen, spielt nach Ballgewinnen schnell vertikal und rückt selbst torgefährlich nach. In der Nationalmannschaft kommt er auf 21 Spiele, fünf Tore und drei Vorlagen. Seine Aufgabe bei der WM : Schick füttern, Součeks zweite Bälle aufnehmen und Tschechiens oft wuchtigem Spiel mehr Tempo im letzten Drittel geben. Das ist der Trainer: Miroslav Koubek Als Miroslav Koubek im vergangenen Dezember als Trainer vorgestellt wurde, herrschte bei der „Reprezentace“ miese Stimmung. Nach einer Blamage gegen die Färöer Inseln wurde Vorgänger Ivan Hasek entlassen, Tomáš Souček die Kapitänsbinde entzogen – weil er sich nach dem 6:0 gegen Gibraltar nicht ausreichend bei den Fans bedankt hatte. Doch der 74 Jahre alte Koubek, der einst für Sparta Prag das Tor hütete, brachte die Ruhe zurück in seine Heimat, die er als Trainer nie verließ (mit Ausnahme eines Gastspiels beim bayrischen FC Amberg). Durch zwei erfolgreiche Elfmeterschießen in den Playoffs beschenkte der Coach sein Land mit der ersten WM-Teilnahme seit 20 Jahren. Spielsystem und Taktik Koubek hat die Formation auf ein flexibles 3-4-2-1 umgestellt, das in der Defensive eine Fünferkette bildet. Die Flügelspieler Coufal und Zeleny rackern auf den Außenbahnen, das Zentrum ist robust und kopfballstark. Die Tschechen sind das Team mit den meisten Standardtoren (ohne Elfmeter) in der europäischen Qualifikation – zehn Stück. Schnelles Umschalten, Standards, lange Bälle auf Schick – das ist der simple Plan. Kreativität? Mangelware. Bei Rückstand wird’s zäh. Und bei Pressing im Aufbau droht Chaos. So hat Tschechien bei früheren Weltmeisterschaften abgeschnitten Als eigenständiges Land war Tschechien nur 2006 bei einer WM dabei – und schied in der Vorrunde aus. Die großen Zeiten liegen in der Ära der Tschechoslowakei: 1934 und 1962 stand man im Finale, beide Male reichte es nicht zum Titel. Seitdem: viel Leerlauf, viel Sehnsucht. Warum eigentlich „Repre“? Der Spitzname „Repre“ ist schlicht – und typisch tschechisch. Er steht für „reprezentace“, das Nationalteam. Kein Pathos, keine große Geste. So wie das Team selbst.