Brasiliens Vinícius Júnior beweist im ersten WM-Spiel gegen Marokko seine Klasse. Allerdings dürfte das alleine Brasilien bei größeren Aufgaben nicht reichen. Aus East Rutherford berichtet David Schafbuch Die großen Provokationen blieben bei Vinícius Júnior aus. Der 25-Jährige ist eigentlich dafür bekannt, sich mit allem und jedem auf dem Fußballplatz anzulegen. Doch an diesem Abend versuchte er stattdessen, das brasilianische Publikum im Stadion New York/New Jersey mitzureißen. Ein Mal ballte er die Faust in Richtung seiner Anhänger, als er an der eigenen Grundlinie einen Zweikampf gegen Marokkos Achraf Hakimi für sich entschied. Kurz davor hatte er schon die Arme hochgerissen, um die Tribünen mitzureißen. Denn nach anfänglicher brasilianischer Euphorie war es in dem größten Stadion dieser Fußballweltmeisterschaft erstaunlich ruhig geworden – und das, obwohl weite Teile der mehr als 80.000 Zuschauer im brasilianischen Gelb gekleidet waren. WM 2026: Alle Informationen im Newsblog Antreiber war Vini Júnior aber an diesem WM-Auftakt Brasiliens nicht nur für das Publikum, sondern auch auf dem Rasen. Das Unentschieden gegen Marokko, Halbfinalist bei der vorangegangenen Weltmeisterschaft in Katar, hatte Junior mit einem sehenswerten Treffer für die „Seleção“ nach anfänglichem Rückstand gesichert. Die Szene des Spiels für Brasilien war eine Einzelaktion ihres Superstars. Sie stand symbolisch dafür, wie abhängig die Mannschaft von ihrem Einzelkönner ist: Denn hinter ihm taten sich im brasilianischen Kader an diesem Samstag qualitative Lücken auf – so große, dass es fraglich ist, ob die Mannschaft bei diesem Turnier mit den Spitzenteams überhaupt mithalten kann. Bis zu Vini Júniors Treffer war der Seleção wenig gelungen. Die Anfangsphase des Spiels hatte Marokko gehört. Die Mannschaft von Trainer Mohamed Ouahbi spielte viel über die Flügel und drängte Brasilien in die eigene Hälfte. Die brasilianischen Zuschauer, unter ihnen auch die Ex-Weltmeister Ronaldo, Kaká und Roberto Carlos, kümmerte das zunächst nicht. Marokkos lange Passreihen wurden mit Pfiffen quittiert, zwischenzeitlich hallten auch laute „Brasil, Brasil“-Rufe durch das Stadion von East Rutherford. Legenden auf der Tribüne: Prominente Gäste bei Brasilien gegen Marokko Diese verstummten nach den ersten Minuten aber zunehmend, weil Marokko besser ins Spiel gekommen war. In der 21. Minute war es dann Brahim Díaz, der den Treffer für die Nordafrikaner einleitete. Der Spieler von Real Madrid schickte einen präzisen Steilpass auf Mittelstürmer Ismael Saibari, bei dem die Innenverteidiger Marquinhos und Gabriel nur noch hinterherrennen konnten. Saibari reichte ein Kontakt, um den Ball ins Tor zu lupfen. Die Antwort folgte dann durch Vini Júnior. Es war die 32. Minute, da ließ der Linksaußen von Real Madrid seinen Gegenspieler Neil El Aynaoui zuerst sehenswert an der Strafraumkante aussteigen. Mit der Innenseite seines rechten Fußes zirkelte er dann den Ball präzise ins linke Toreck. Die Zahl der Fehler reduzierte Brasilien danach allerdings nicht. Vor allem im defensiven Mittelfeld unterliefen Casemiro und Bruno Guimarães mehrfach leichte Fehlpässe, die das brasilianische Publikum zum Aufstöhnen brachte. Auch Vini Júnior selbst vertendelte hin und wieder den Ball, rannte seinen Gegenspieler aber auch mal über dem halben Platz nach. Brasiliens Nationaltrainer Carlo Ancelotti hatte schon kurz vor Ende der ersten Hälfte mehrere Spieler von der Bank zum Warmlaufen geschickt. Nachdem der Halbzeitpause, in der die Fans Wasser für 5 oder Bier ab 16 Dollar genießen konnten, war der Arbeitstag von Guimarães beendet. Für ihn kam Fabinho. Einen Qualitätssprung brachte der Wechsel allerdings nicht. Fabinho hatte vor einigen Jahren noch Jürgen Klopps FC Liverpool nach hinten abgesichert. Mittlerweile kickt der 32-jährige Brasilianer bei Al-Ittihad in Saudi-Arabien. Offensiv begann Brasilien dann die zweite Halbzeit aber mit mehr Präsenz: Zwischenzeitlich waren alle zehn Feldspieler in der marokkanischen Hälfte. Gefährlich wurde es aber meistens weiter nur, wenn Vini Júnior die Initiative ergrifft. Denn auch die Mittelstürmer Igor Thiago und der später eingewechselte Matheus Cunha blieben über das gesamte Spiel weitestgehend unauffällig. Marokko war dagegen in der zweiten Halbzeit nicht mehr so auffällig, aber weiterhin gefährlich. Kurz vor dem Abpfiff hatte die Mannschaft noch eine große Chance auf den Sieg: Brasiliens Torwart Alisson Becker ließ einen Fernschuss von El Aynaoui nach vorne prallen. Den Nachschuss konnte Ayoube Amaimouni-Echghouyab von Eintracht Frankfurt aber nicht im Tor unterbringen. Ancelottis Bilanz fiel nach dem Spiel entsprechend nüchtern aus. Eine „schwierige Partie“ gegen einen „starken Gegner“ sei das heute gewesen, sagte der Italiener bei der Pressekonferenz nach Abpfiff. Und: „Wir müssen besser werden.“ Wie das genau geschehen soll, erläuterte der Trainer nicht. Für das defensive Mittelfeld oder das Sturmzentrum hat Ancelotti an Samstag fast alle verfügbaren Spieler ausprobiert. Weiterhin verletzt auf der Bank saß dagegen Neymar . Der mittlerweile 34-Jährige kämpft weiterhin mit Wadenprobleme, auch sein Einsatz im zweiten Gruppenspiel gegen Haiti ist weiter fraglich. Allerdings würde eine Rückkehr des einstigen Superstars weitere Fragen aufwerfen: Schon seine Nominierung hatte bei vielen Experten für Aufsehen gesorgt. Der 34-Jährige hatte in der vergangenen Saison verletzungsbedingt kaum gespielt. Sein letztes Spiel für die Nationalmannschaft liegt zudem zweieinhalb Jahre zurück. Vini Júnior hatte sich allerdings für die Nominierung ausgesprochen. Neymar „inspiriere“ ihn und er freue sich, wenn er wieder auf den Platz zurückkehre. Allerdings würde das Trainer Ancelotti noch vor ein weiteres Problem stellen: Neymar fühlt sich auf dem linken Flügel am wohlsten, genauso wie Vini Júnior.