DFB: Nationalelf kämpft um Talente mit Migrationshintergrund

Die deutsche Mannschaft ist bei der WM mit einigen Stars gespickt. Doch es hätten auch einige mehr sein können. Am Sonntag um 19 Uhr steht für Deutschland das erste Gruppenspiel bei der WM in den USA, Mexiko und Kanada an. Gegen Curaçao will das Team von Bundestrainer Julian Nagelsmann die ersten Punkte einfahren. Kenan Yıldız und Can Uzun haben ihr erstes Spiel dann schon hinter sich. Für die beiden türkischen Nationalspieler ging es bereits einen halben Tag vorher zur Sache . Dabei hätte es auch anders laufen können. Es hätte nämlich auch gut sein können, dass Uzun und Yıldız ebenfalls für Deutschland gegen Curaçao auflaufen. Beide entschieden sich jedoch für die Türkei. Yıldız im Herbst 2023, Uzun ein halbes Jahr später. Die Türkei lockte mit einem Platz im Kader für die EM 2024, der DFB zu dem jeweiligen Zeitpunkt nicht. Sportdirektor Rudi Völler besuchte gemeinsam mit Geschäftsführer Andreas Rettig Uzuns Familie, damit er sich für Deutschland entscheidet. Doch der Wunsch wurde nicht erfüllt. Heute wären Yıldız und Uzun wohl fester Bestandteil der deutschen Mannschaft. Bundestrainer Julian Nagelsmann könnte sie gut gebrauchen. Die beiden türkischen WM-Fahrer sind nicht die einzigen deutschen Spieler, die sich für die Nationalmannschaft eines anderen Landes entschieden haben. Für den DFB ist das ein Problem, das in Zukunft sogar noch größer wird. Die Ursachen sind vielfältig In Deutschland hatten 2024 mehr als 42 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren einen Migrationshintergrund. Vier Jahre zuvor waren es noch rund 40 Prozent. Viele dieser Kinder lieben Fußball und sind Mitglied in einem Verein. Die offizielle DFB-Statistik aus dem Jahr 2025 sagt, dass insgesamt mehr als zwei Millionen Jungen bis inklusive 18 Jahre Fußball spielen, dazu kommen fast 400.000 Mädchen bis 16 Jahre. Die Mannschaften sind bunt gemischt. Manche Kinder haben einen Migrationshintergrund, andere nicht. Kai Krüger, Leiter der Junioren-Nationalmannschaften beim DFB, erklärt im Gespräch mit t-online: „In unseren U-Teams ist es nicht selten der Fall, dass von einer ersten Elf bis zu sieben Jugendliche für mindestens zwei Nationen spielberechtigt sind.“ Mit zunehmendem Alter stellt sich denn aber die Frage, für welche Nation sie sich entscheiden wollen. In der jüngeren Vergangenheit erlebte der DFB beide Fälle. Jamal Musiala entschied sich gegen England, Deniz Undav gegen die Türkei, Malick Thiaw gegen Finnland. Am Sonntag stehen sie gegen Curaçao alle im Kader. Neben Yıldız und Uzun gibt es für den anderen Fall aber auch weitere Beispiele. Der in Berlin geborene und bei Hertha BSC ausgebildete Ibrahim Maza entschied sich für Algerien. Der in München geborene und beim FC Bayern ausgebildete Josip Stanišić wählte Kroatien. Auch bei Fisnik Asllani (Kosovo) und Lazar Samardžić (Serbien) ging der DFB leer aus. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Zum einen wären da persönliche Gründe. „Bei einer emotionalen Entscheidung müssen wir es einfach akzeptieren, wenn sich das Kind zu einem anderen Land mehr hingezogen fühlt. Das sind persönliche Themen aufgrund von familiären Situationen“, sagt Kai Krüger. Bei nicht wenigen Kindern träumen die Eltern davon, dass ihr Sohn oder ihre Tochter für das eigene Heimatland aufläuft. Faktoren wie diese können die Entscheidung natürlich beeinflussen. Aber auch das politische Klima kann eine Rolle spielen. Anfeindungen aufgrund der Herkunft oder Hautfarbe sind hierzulande immer noch Realität, auch im Jugendfußball. „Wir haben leider mehrfach erlebt, was bei Social Media passiert, wenn 16- oder 17-jährige Talente, deren Migrationshintergrund offensichtlicher ist, das erste Mal für Deutschland bei einer EM auflaufen. Das ist pervers. Das ist unmenschlich“, kritisiert Krüger. „Diese Erfahrungen machen unsere Jungs und Mädels leider. Wir stehen vor und hinter ihnen und vermitteln ihnen das Gefühl, zugehörig zu sein.“ Wer sich ausgegrenzt oder nicht akzeptiert fühlt, denkt vielleicht dann doch über eine andere Option nach. Ein anderer Faktor ist die Konkurrenz. Bei Maza spielte beispielsweise auch eine Rolle, dass es beim DFB auf seiner Position mit Spielern wie Musiala und Florian Wirtz starke Konkurrenz gibt, sodass er auf Einsätze in der A-Nationalmannschaft noch hätte warten müssen. DFB-Nachwuchschef Hannes Wolf erklärte einst im „Doppelpass“ bei Sport1: „Wir kommen mit der U20 und Algerien kommt mit der A-Nationalmannschaft.“ Ähnlich war es auch bei Kenan Yıldız, der zum Zeitpunkt seiner Entscheidung gerade erst Profispieler bei Juventus Turin geworden war. Can Uzun hatte beim 1. FC Nürnberg in der 2. Bundesliga auf sich aufmerksam gemacht. Kai Krüger weiß: „Das waren talentierte Fußballer, die auf ihrer jeweiligen Position zu diesem Zeitpunkt bei uns jedoch nur an Stelle drei, vier oder fünf standen.“ Bei der Türkei nicht. „Da kann der DFB auch nichts gegen machen“ Nicht selten verliert der DFB das Rennen auch gegen kleinere Verbände, die früher mit der A-Nationalmannschaft locken. Auch Maduka Okoye, Stammkeeper von Serie-A-Klub Udinese Calcio, hätte für Deutschland auflaufen können, ist aber seit 2018 Nationalspieler Nigerias. Damals war er noch Torwart beim niederländischen Klub Sparta Rotterdam. Für das deutsche Tor war er noch nicht gut genug. „Zu der Zeit lag nur eine Anfrage von Nigeria vor. Ich musste mich nicht entscheiden. Aber als ich die Möglichkeit hatte, für die nigerianische Nationalmannschaft zu spielen, habe ich sie genutzt“, erinnert er sich im Gespräch mit t-online. Für die schwierige Lage des DFB hat er Verständnis. „Das ist kein einfaches Thema. Wir reden hier über die deutsche Nationalmannschaft, eine der besten der Welt. Da ist nicht immer der Platz, wie beispielsweise bei der türkischen Nationalmannschaft . Die können sich die Spieler ein, zwei Jahre früher holen, während sie bei der deutschen noch nicht mithalten könnten. Und so verliert die deutsche Seite ab und zu mal ein paar Spieler“, sagt Okoye und befürchtet: „Da kann der DFB auch nichts gegen machen, glaube ich.“ „Geschenke“ wie Shkodran Mustafi Kai Krüger sieht das anders. Der Leiter der Junioren-Nationalmannschaften beim DFB hat konkrete Ideen, wie er um die Spieler werben will, bei denen vor allem die Karriere der Treiber der Entscheidung ist. „Dann haben wir eine Chance“, sagt er. Krüger und sein Team wollen alles dafür tun, dass sich die Spieler wohlfühlen. Für ihn geht es auch darum, „eine Bindung zur Familie aufzubauen. Dass sie merken, dass ihre Jungs und Mädels bei uns gut aufgehoben sind und sie uns vertrauen können.“ 320 Millionen Euro wert: Diese Elf hätte auch für Deutschland spielen können Eine entscheidende Rolle sollen dabei die Co-Trainer der U-Nationalmannschaften spielen. Sie sollen nicht nur die Spieler im aktuellen Kader im Blick haben, sondern auch mit denen, die momentan hinten dran sind. Ihnen das Gefühl geben, gesehen zu werden. „Dann wird es auch noch einmal etwas schwerer, uns abzusagen, wenn eine andere Nation anklopft“, glaubt Krüger. Shkodran Mustafi war beispielsweise Co-Trainer in der deutschen U17, ist dann in die U21 aufgestiegen. Der Weltmeister von 2014 hätte statt für Deutschland auch für Albanien auflaufen können, entschied sich aber für den DFB. Neben seiner Kompetenz als Trainer ist das für die Nationalelf eine Hilfe. Krüger ordnet ein: „Ich selbst habe keinen Migrationshintergrund. Ich kann ganz, ganz viel erzählen. Ich habe eine Leidenschaft für dieses Thema, weil mir die Jungs und Mädels wichtig sind, aber ich habe diese innere Zerrissenheit nie gespürt. Von daher ist es ein Riesenmehrwert, Personen wie Shkodran im Team zu haben. Das ist ein Geschenk.“ Noch stecken einige Maßnahmen des DFB in den Kinderschuhen, da die Thematik aber nicht erst wenige Jahre alt ist, zeigen andere bereits ihre Wirkung. Mio Backhaus, der im Sommer von Werder Bremen zum SC Freiburg wechselt, wartet mit seiner Entscheidung noch, obwohl die japanische Nationalelf intensiv um ihn wirbt. Der „11 Freunde“ sagte er im März: „Wenn ich mich jetzt gegen den DFB und für Japan entscheiden würde, dann beträfe das ja gefühlt 100 Menschen, die sich in all den Jahren liebevoll und großartig um mich gekümmert haben.“ Der erst 19 Jahre alte Innenverteidiger Noahkai Banks (FC Augsburg) schlug sogar das Angebot der USA aus, bei der diesjährigen WM für die „Stars and Stripes“ aufzulaufen. Der Blick ins Ausland Der DFB selbst schaut sich auch im Ausland um. Jamal Musiala und Felix Nmecha wurden zwar beide in Deutschland geboren, einen großen Teil ihrer Ausbildung genossen sie aber in England. Damit sind sie nicht die einzigen, weiß Kai Krüger. Aber: „Dafür gibt es jedoch nicht einfach eine Datenbank, um diese Jungs zu finden. Es braucht daher ein Netzwerk mit Menschen im Ausland, die dir weiterhelfen.“ Dass immer mehr deutsche Funktionäre im Ausland arbeiten, kann dabei eine Hilfe sein. Der Leiter der Nachwuchsabteilung von Manchester City (England) ist beispielsweise Thomas Krücken. Der Sportdirektor beim MLS-Klub Philadelphia Union ist Ernst Tanner. In der Serie A, La Liga und der Premier League arbeiten deutsche Trainer. Kontakte wie diese sind für den DFB auf der Suche nach möglichen Spielern für die deutsche Mannschaft Gold wert. Die Herausforderung, Talente mit mehreren Staatsbürgerschaften für die deutsche Nationalmannschaft zu gewinnen, wird in den kommenden Jahren weiter wachsen. Es braucht nicht nur ein starkes Netzwerk im Ausland, sondern auch Erfolg bei den eigenen Maßnahmen, um die emotionale Bindung zu den Spielern zu stärken. So kann der DFB langfristig verhindern, dass vielversprechende Talente verloren gehen – und die deutsche Nationalmannschaft ihre Position im Weltfußball behaupten.