In ihrem Hotel sehen die DFB-Stars die Auftritte der Konkurrenz aus Frankreich, Argentinien und England. Vor dem Spiel gegen die Elfenbeinküste ist allen klar: Der Teamgeist ist ein WM-Schlüssel. Mit lautem Gebrüll düste Joshua Kimmich auf seinem Fahrrad zum Training auf den Uni-Campus in Winston-Salem. Kai Havertz ärgerte sich dort nur wenig später über den zweiten Platz mit seiner Übungsgruppe beim Tempo-Wettballern auf flachliegende Tore. Nur Siege zählen. Denn jetzt geht es für die Nationalmannschaft nach dem 7:1-Warmschießen gegen Curaçao bei der Fußball-WM erst richtig los. DFB-Kapitän Kimmich und sein erster Stellvertreter Havertz wissen, was am Samstag (22.00 Uhr/ZDF und MagentaTV) im zweiten Gruppenspiel gegen die Power-Fußballer von der Elfenbeinküste gefragt ist. Aber auch Antonio Rüdiger , der Dritte im Bunde der so unterschiedlichen Spielführer-Troika, kennt vor dem Abflug nach Kanada seinen speziellen Auftrag. Rüdigers Team-Bekenntnis „Als Fußballer ist es nicht einfach, auf der Bank zu sein. Aber ich glaube, in der Nationalmannschaft ist es noch mal was ganz anderes als im Verein. Denn wir alle haben hier nur ein Ziel“, sagte der WM-Abwehrchef a.D. Eine Aussage, wie gemalt für Nagelsmann WM-Motto mit dem Grundgedanken der großen Familie als verschworene Fußball-Einheit. Zu seinem 1.000-Tage-Jubiläum als Bundestrainer kann der 38-Jährige feststellen, dass dieser Plan für die DFB-Auswahl in Amerika offensichtlich funktioniert. Keiner verletzt, wie zu sehen ist. Keiner mürrisch, wie es heißt. Jeder denkt wie gefordert von Match zu Match. Da lädt der kommende Spielort förmlich zu einer der von Nagelsmann so geliebten Spiel-Überschriften ein. Wie wäre es mit TORonto? Ein Sieg gegen die Elfenbeinküste um den allseits gefürchteten Leipziger Turbostürmer Yan Diomande in der Metropole in der Provinz Ontario – und der erste Einzug in eine WM-K.o.-Runde seit dem Titelgewinn 2014 in Braslien ist vorzeitig geschafft. Applaus für Pool-Salto von Wirtz Ein verlockendes Szenario. Doch gerade Kimmich, der in North Carolina wie ein Hirte über alle Schäfchen wacht, kennt die Anforderung. Florian Wirtz spendierte er nach einem spektakulären Salto in den Hotel-Pool lauten Applaus. Aber gute Stimmung im The Graylyn Estate ist nur ein Baustein. „Ich glaube, dass man eine Familie vor allem auf dem Platz wird, dass man da zusammenwächst. Natürlich kann man das drumherum verstärken, indem man Zeit miteinander verbringt. Aber das gute Gefühl entsteht einfach auf dem Platz durch Siege, durch positive Momente“, sagte Kimmich. Der Kapitän fordert: Spannung hochhalten Nach dem befreienden Tore-Spektakel zum Turnierstart ist ein besonderer Spannungsbogen gefragt. „Das passiert im besten Fall durch ein gutes Training, zum einen durch die Intensität, aber zum anderen auch durch den Inhalt, dass man da dann einfach an den Dingen arbeitet, die man verbessern möchte“, sagte Kimmich. Man habe „noch ein bisschen was zu tun“. Nagelsmann setzt in jedem Training auf Übungsformen, in denen es ums Gewinnen geht. Wettkampf, Wettkampf, Wettkampf. Das Siegen kann man üben. Beim Bundestrainer, der immer mit einem weißen Zettel auf dem Platz zu sehen ist, hat Kimmich eine Veränderung festgestellt. „Gerade jetzt auch die letzten Wochen und Monate, finde ich, ist er sehr klar in der Kommunikation, was er möchte, was er erwartet, was er von uns verlangt.“ Nagelsmann hat lange vor der WM erkannt, dass andere Mannschaften mehr Top-Top-Fußballer haben. Die ersten Spiele der Franzosen, Argentinier und Engländer in Amerika untermauern das. Es wird auch gegen die physisch enorm starken Ivorer auf das Teamwork ankommen. „Man spürt, wir haben ein sehr gutes Miteinander. Die Jungs auf dem Feld, aber auch außerhalb des Feldes“, konstatierte Nagelmann. Er hob dabei namentlich auch Rüdiger hervor. „Das ist das Entscheidende, dass sie einen sehr guten Geist miteinander haben und gerne zusammen Fußball spielen. Das ist der Schlüssel, das müssen wir beibehalten, da dürfen wir keinen Deut nachlassen“, forderte Nagelsmann. Tah der Chef und Schlotterbecks Gold-Fuß Rüdiger lieferte prompt einen erstaunlichen Beleg für den funktionierenden Kollektiv-Ansatz, als er seine Konkurrenten Jonathan Tah („Er ist der neue Chef“) und Nico Schlotterbeck („Nicos linker Fuß ist Gold“) ohne hörbaren Zweifel den Rang der A-Besetzung in der Innenverteidigung überließ. Diese Form der verbalen Kuschelei ist ungewöhnlich im Fußball-Business. Als zweimaliger Champions-League-Sieger und mit dem Sieger-Gen von Real Madrid ausgestattet hat Rüdiger auch beim TV-Studium im Teamhotel tief in der Nacht erkannt, worauf es bei dieser WM ankommen wird. Die Topstars aus der Abteilung Attacke liefern: Lionel Messi mit drei Toren, Kylian Mbappé und Harry Kane mit jeweils zwei. Er wolle ja auf Havertz (2) und Jamal Musiala (1), die gegen Curaçao trafen, aber auch auf Florian Wirtz und auch seinen mal wieder gescholtenen Kumpel Leroy Sané „keinen Druck aufbauen“. Aber: „Ja, wir brauchen euch“, sagte Rüdiger wie ein Familien-Onkel in Richtung der Offensivabteilung. Toronto ist der nächste Ort, diesen Wunsch zu erfüllen.