Belgien bei der WM: Streit, Altstars und große Zweifel

Die „Goldene Generation“ des belgischen Fußballs versucht ein letztes Mal, bei einer WM den ganz großen Wurf zu landen. Die Vorrunden-Aufgabe scheint lösbar zu sein, doch der Auftakt gegen Ägypten war sehr ernüchternd. Belgien reiste mit gedämpften Hoffnungen zur WM . Bei Deutschlands Nachbarn ist der Ton ein anderer als noch zu Hochzeiten der „Goldenen Generation“. Die Gruppe mit Ägypten , dem Iran und Neuseeland ist zwar das Gegenteil einer „Todesgruppe“ und das Weiterkommen das absolute Mindestziel. Das Losglück war den „Roten Teufeln“ schon in der Qualifikation hold, und die Pflichtaufgaben gegen Wales, Kasachstan, Nordmazedonien und Liechtenstein wurden souverän erledigt. Im WM-Turnier selbst missriet der Auftakt dann gehörig: Gegen Ägypten reichte es für den ewigen Geheimfavoriten nur zu einem 1:1 . Den Ausgleich erzwang erst der spät eingewechselte alternde Sturmtank Romelu Lukaku durch eine Energieleistung im Strafraum der Afrikaner. Aber um etwa das Viertelfinale zu erreichen, werden die „älteren Herrschaften“, also Lukaku, Mittelfeldstar Kevin De Bruyne und Torhüter Thibaut Courtois, dickere Brocken aus dem Weg räumen müssen. Bei den Fans ist die Unterstützung weiter da. Der Ex-Dortmunder Thomas Meunier sprach nach der erfolgreichen Qualifikation von neuer Energie und einem zweiten Wind seiner Generation. Gleichzeitig ist die WM für viele Anhänger auch ein logistisches und finanzielles Problem. Die Ticketpreise und die Reisen nach Seattle, Los Angeles und Vancouver haben in Belgien viel Kritik ausgelöst. Auch sportlich redet niemand die Lage schön. Nationalcoach Rudi Garcia muss einen Umbruch verwalten. Youri Tielemans wurde als fester Kapitän installiert sowie als Verbindung zwischen der „alten“ Achse und den jüngeren Talenten. Jérémy Doku sagte nach einem mürben 1:1 in Kasachstan offen, solange man für Siege gegen solche Gegner zwingend De Bruyne, Lukaku und Courtois brauche, werde es künftig schwer. Denn: Für alle drei dürfte die WM 2026 die letzte sein. Garcia nennt Belgien wohl auch deshalb „Außenseiter“, sagte nach dem 5:2 gegen die USA aber auch, auf diesem Niveau könne seine Elf jedem Gegner gefährlich werden. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Stimmungslage der „Roten Teufel“. Der Sieg gegen die USA gab Belgien Auftrieb, ein 1:1 gegen Mexiko bremste die Euphorie sofort wieder. Der Auftakt gegen Ägypten wird die Richtung für das Turnier vorgeben. Heißt: Der Druck ist von Anfang an da. So hat sich Belgien für die Weltmeisterschaft qualifiziert Belgien wurde in der europäischen Qualifikationsgruppe J Erster. Die Bilanz liest sich ordentlich: acht Spiele, fünf Siege, drei Unentschieden, keine Niederlage, 29:7 Tore, 18 Punkte. Ganz geradlinig verlief die Qualifikation trotzdem nicht. Zum Auftakt gab es ein 1:1 in Nordmazedonien, später zu Hause ein 0:0 gegen denselben Gegner, und im November nur ein 1:1 in Kasachstan. Dazwischen zeigte Belgien jedoch seine Qualität: 4:3 gegen Wales, 6:0 in Liechtenstein, 6:0 gegen Kasachstan, 4:2 in Wales und zum Abschluss 7:0 gegen Liechtenstein. Das Muster war klar: Wenn Belgien Räume bekam und das Tempo verschärfte, wurde es deutlich. Gegen kompakte Gegner tun sich die „Teufel“ dagegen schwer. Das sind Belgiens Vorrunden-Gegner in der WM-Gruppe G Belgien spielt in Gruppe G gegen Ägypten, den Iran und Neuseeland. Ägypten – Seattle, 15. Juni, Endergebnis 1:1: Den auf dem Papier schwersten Gegner der Gruppe zu schlagen, wäre ein Statement der „Roten Teufel“ gewesen. Aber gegen Ägypten zitterten sie sich zu einem 1:1. Auffällig: Die Nordafrikaner haben bei einer Endrunde noch nie ein Spiel gewonnen. Gegen den Iran erreichten sie ebenfalls nur ein Unentschieden (0:0), doch gegen Neuseeland haben die Ägypter gepunktet (1:3), und das setzt Belgien nun unter Druck. Iran – Los Angeles, 21. Juni, 21 Uhr deutscher Zeit: Der Iran ist kein großer Name aus Europa oder Südamerika, aber auch kein reiner Fußball-Exot. Das Team fährt zu seiner siebten WM und zählt im asiatischen Fußball seit Jahren zur Spitze. Neuseeland – Vancouver, in der Nacht auf den 27. Juni, 5 Uhr deutscher Zeit: Die „All Whites“ lösten ihr Ticket mit einem 3:0 gegen den Fußballzwerg Neukaledonien und sind erst zum dritten Mal bei einer WM dabei. Chris Wood ist ihr bekanntester Name, insgesamt fehlt dem Kader aber die internationale Klasse. In der Fifa-Rangliste steht Neuseeland aktuell auf Rang 85, die niedrigste Platzierung aller WM-Teilnehmer. Belgien darf dieses Spiel trotzdem nicht auf die leichte Schulter nehmen: drei Punkte sind zu gewinnen, zu verlieren wäre weit mehr. Der Reiseplan ist machbar. Belgien startet in Seattle, fliegt dann nach Los Angeles und zieht anschließend nach Vancouver weiter. Für Touristen wäre das ein wunderbarer Roadtrip. Für einen WM-Teilnehmer bei einem Turnier mit so großen Entfernungen zwischen den Austragungsorten hätte es schlimmer kommen können. Das sind Belgiens wichtigste Spieler Kevin De Bruyne (SSC Neapel, Marktwert rund 10 Millionen Euro): Der Superstar und frühere Wolfsburger bleibt auch mit 34 Jahren unverzichtbar. In der Qualifikation erzielte er sechs Tore. Belgien braucht seine diagonalen Zuspiele in den Halbraum, seine Ruhe am Ball und seine Standards. Wenn De Bruyne in Form ist, ist er nur schwer zu stoppen. Ohne ihn verliert die Mannschaft ungemein an Stabilität. Jérémy Doku (Manchester City, Marktwert rund 65 Millionen Euro): Doku startete bei allen acht Qualifikationsspielen, kam auf fünf Tore und zwei Vorlagen. Seine Einzelaktionen, Dribblings und tiefen Läufe können jeden Gegner in Unordnung versetzen, vor allem wenn er im Eins-gegen-eins auf der Außenbahn verteidigt werden muss. Für ein Team, das sich gegen tief stehende Gegner so schwertut wie Belgien, ist ein Flügelspieler wie Doku entscheidend. Youri Tielemans (Aston Villa, Marktwert rund 35 Millionen Euro): Tielemans spielt nicht „flashy“ wie Doku, sondern grundsolide. Genau das macht ihn wertvoll: Der Kapitän verliert kaum Bälle, ordnet, macht Ansagen und kann selbst aus der zweiten Linie nachrücken. Drei Tore in der Qualifikation unterstreichen, dass er nicht nur ein Sicherungsspieler ist. Romelu Lukaku (SSC Napoli, Marktwert rund 12 Millionen Euro): Der wuchtige Lukaku bleibt der Zielspieler im Strafraum. Weit über 100 Länderspiele, mehr als 80 Tore: Lukakus Quote haben nicht viele Mittelstürmer der Welt. Gegen Ägypten kam er von der Bank und Sekunden nach seiner Einwechslung fiel der Ausgleich unter seiner Mitwirkung. Allerdings: Lukaku hat nicht mehr die Luft für 90 Minuten. Thibaut Courtois (Real Madrid, Marktwert rund 18 Millionen Euro): Wer bei Real das Tor hütet, muss seinen Anspruch auf das Trikot mit der Nummer Eins nicht mehr erklären. Courtois gehört zu den besten Keepern der Welt, wenn er gesund ist. Im März fiel er mit einer Muskelverletzung länger aus. Heikel: Mit Kevin De Bruyne soll Courtois ebenfalls jahrelang kein Wort gesprochen haben. Auch die beiden Routiniers sollen sich nicht „grün“ sein. Das ist der Trainer Rudi Garcia übernahm Belgien am 24. Januar 2025 nach dem Aus von Domenico Tedesco . Für den Franzosen ist es die erste Station als Nationaltrainer. Zuvor arbeitete er unter anderem beim OSC Lille , bei der Roma, in Marseille und in Neapel. Sein größter Erfolg bleibt der französische Meistertitel mit Lille 2011. Garcia holte den erfahrenen Thibaut Courtois zurück ins Tor, der sich mit Tedesco in einer aufsehenerregenden öffentlichen Schlammschlacht heillos zerstritten hatte, in die sich auch Teile der Mannschaft hineinziehen ließen. Garcias Auftrag: Er soll aus einem Kader mit zwei unterschiedlichen Grüppchen, den Routiniers und den Talenten, wieder eine eingeschworene und verlässliche Turniermannschaft machen. Nach der WM 2022 und der EM 2024 kam es zu offenen Auseinandersetzungen zwischen den verbliebenen Stars der „Goldenen Generation“ und jüngeren Spielern. De Bruyne kritisierte öffentlich die Qualität und Einstellung seiner Mitspieler, was das Teamgefüge weiter belastete. Auch daran war Tedesco krachend gescheitert. Spielsystem und Taktik Belgien spielt aus einer Viererkette heraus. Ob sich das Team davor in einem 4-2-3-1 oder einem 4-3-3 anordnet, entscheidet Garcia je nach Gegner. Im März 2025 begann er gegen die Ukraine im 4-2-3-1, stellte das Rückspiel drei Tage später aber auf ein 4-3-3 um. In den beiden Tests Ende März 2026 gegen die USA und gegen Mexiko lief Belgien wieder im 4-2-3-1 auf. Garcia will die „Roten Teufel“ auf verschiedene Formationen, Philosophien und Spielszenarien vorbereiten, ohne die eigene Identität grundsätzlich zu verändern. Im 4-2-3-1 lebt Belgiens Spiel von einer klaren Achse. Gegen die USA bildeten Amadou Onana und Nicolas Raskin die Doppelsechs, Kevin De Bruyne spielte zentral davor, Jérémy Doku kam von links, Alexis Saelemaekers von rechts, Charles De Ketelaere begann als Spitze. Daraus ergibt sich eine schlüssige Mechanik: De Bruyne soll höher zwischen den Linien auftauchen, Doku früh ins Eins-gegen-eins kommen, und einer der Sechser hält nach Ballverlusten die Restverteidigung. Noch interessanter ist die zweite Variante. Im Rückspiel gegen die Ukraine wechselte Garcia auf ein 4-3-3, mit Raskin, Hans Vanaken und De Bruyne im Zentrum sowie Doku, Leandro Trossard und Romelu Lukaku vorn. Diese Ordnung gab Belgien mehr Kontrolle: 69,5 Prozent Ballbesitz, 19 Abschlüsse, zehn Ecken und ein 3:0, nachdem das Hinspiel im 4-2-3-1 noch 1:3 verloren gegangen war. Gegen tiefe oder abwartende Gegner wirkt diese Version derzeit stabiler. So hat Belgien bei früheren WM-Turnieren abgeschnitten Belgien nimmt 2026 zum 15. Mal an einer WM teil. Die beste Platzierung war Rang drei 2018. Davor war das Abschneiden in Mexiko 1986 lange die Messlatte, als Belgien erstmals ins Halbfinale kam und am Ende Vierter wurde. Die letzte WM in Katar endete dagegen enttäuschend bereits in der Gruppenphase. Belgiens WM-Geschichte ist damit durchwachsen: häufig dabei, aber nur selten nah am Titel. Warum eigentlich „Rote Teufel“? Der Spitzname der belgischen Nationalmannschaft hat nichts mit der Haarfarbe von Kevin De Bruyne zu tun. Er geht auf die Zeit um 1905/06 zurück: Bei einem Derby gegen die Niederlande beschrieb die dortige Presse die Leistung der belgischen Spieler mit „teuflischer Arbeit in roten Trikots“. Der belgische Verband interpretierte das offensichtlich als Kompliment und übernahm die Umschreibung. Seitdem läuft die Nationalelf in allen drei geläufigen Sprachen des Landes: „De Rode Duivels“, „Les Diables Rouges“ und die „Roten Teufel“.