Norwegens Trainer Ståle Solbakken hat seine Mannschaft auf ihren Starstürmer Erling Haaland ausgerichtet. Das verspricht Spektakel, aber noch keinen Erfolg. David Schafbuch berichtet aus East Rutherford, New Jersey Es gab Phasen, da war Erling Haaland auf dem Spielfeld nahezu unsichtbar – und sie waren nicht gerade selten. Da lief der Ball an ihm vorbei, dann ließ er einen Zweikampf aus, obwohl der Gegenspieler nur wenige Meter entfernt war. Häufig beschränkte sich der Norweger dann darauf, seine Arme auszubreiten und das Gesicht zu verziehen. Es wirkte so, als wolle er mit seiner Gestik seine Teamkollegen fragen: Was zur Hölle macht ihr eigentlich gerade? Es sind Szenen, die keine Mannschaft und kein Trainer einem Einzelspieler lange durchgehen lassen. Doch dann gibt es diese Momente, die zeigen, warum Erling Haaland sich dieses Verhalten eben doch erlauben kann. Am Montagabend, im Stadion New York/New Jersey, brauchte er bei der WM-Partie gegen Senegal nicht viele davon. Es war die Nachspielzeit in der ersten Halbzeit. Da sprintete der 25-Jährige plötzlich wie wild auf Senegals Torwart Edouard Mendy zu. Prompt vertändelte dieser kurz vor seinem Tor den Ball, während Haaland wohl vor seinem geistigen Auge schon seinen ersten Treffer sah. Am Ende traf der Norweger den Pfosten. Später wird er trotzdem zwei Tore erzielt haben – genauso wie schon in Norwegens erstem Gruppenspiel gegen den Irak. Eine Mannschaft um den Superstar Im Spiel gegen Senegal stellte die norwegische Mannschaft unter Beweis, dass sie mit Haaland wohl für jedes Team bei der Fußball-Weltmeisterschaft ein unangenehmer Gegner sein kann. Mit Erling Haaland besitzen sie einen Mittelstürmer, der in wenigen Aktionen jede Abwehr der Welt aushebeln kann. Nationaltrainer Ståle Solbakken hat um den Spieler von Manchester City eine Mannschaft gebaut, die über ihren Topstürmer möglichst schnell zum Torerfolg kommen möchte. Das verspricht Spektakel. Allerdings zeigte das Spiel gegen Senegal auch, warum Norwegens Mannschaft nicht allerhöchsten Ansprüchen genügt: Denn während die Offensive für besondere Momente sorgen kann, offenbarte die Defensive erneut große Schwächen. WM-Newsblog: Deutscher Fan ins Krankenhaus geprügelt In der Kabine: Mit versteckter Botschaft – Iran hinterlässt Brief im Stadion Vor dem Spiel hatte es aber abseits des Platzes ganz andere Herausforderungen gegeben: Der nationale Wetterdienst der USA hatte im Vorfeld des Spiels für New York und das Gebiet rund um das Stadion eine Hochwasserwarnung bis zum späten Abend ausgegeben. Rund vier Stunden vor Anpfiff sahen sich die Behörden veranlasst, eine Katastrophenwarnung an alle Handys rund um das Stadion zu schicken. Die Besucher sollten den Außenbereich des Stadions verlassen und Schutz vor dem Unwetter suchen, hieß es in der Warnmeldung. Diese wurde allerdings aufgelöst, als der Regen etwa eine Viertelstunde später nachgelassen hatte. Anders als im Spiel von Frankreich gegen den Irak in Philadelphia lief das Spiel in East Rutherford aber ohne Unterbrechung ab. Die norwegischen Fans, auf den Rängen klar in der Überzahl, sorgten schon vor dem Anpfiff für Aufsehen. Hinter einem der Tore zeigten tausende Norweger den „Viking Row“, bei dem die Fans gemeinsam Ruderbewegungen ausführten. Das norwegische Spiel wurde der Unterstützung der Fans zunächst nicht gerecht. Zwar scheiterte Abwehrspieler Kristoffer Ajer früh per Kopf an Senegals gut aufgelegtem Torhüter Mendy. Daraufhin entwickelte sich aber eine ausgeglichene Partie, in der sich beide Mannschaften ähnliche viele Torchancen erarbeiteten. In der 14. Minute war es etwa Norwegens Kapitän Martin Ødegaard, der einen Fernschuss über das Tor drosch. In der 27. Minute setzte Senegals Stürmer Nicolas Jackson von der linken Strafraumseite den Ball am langen Eck vorbei. Der erste Treffer fiel dann nach einem Fehler von Senegals Innenverteidiger Kalidou Koulibaly. Der Mannschaftskapitän hatte einen Fehlpass auf Marcus Pedersen gespielt, der in der 43. Minute die Norweger in Führung brachte. Pedersen war zuvor früh für den verletzten Julian Ryerson von Borussia Dortmund eingewechselt worden. Der Dortmunder saß später auf der Bank und presste sich einen großen Eisbeutel auf seinen rechten Oberschenkel. Bis zu diesem Zeitpunkt war von Erling Haaland nahezu nichts zu sehen. In der 37. Minute hatte er einen langen Ball auf Ødegaard abgelegt, der aber Mendy nicht überwinden konnte. Kurz vor der Pause scheiterte er dann zuerst am Pfosten, dann per Kopfball. In der zweiten Halbzeit belohnte er sich aber rasch mit seinem ersten Treffer. In der 48. Minute verwertete der 25-Jährige ein langes Zuspiel von Ødegaard zum 2:0. Den dritten Treffer Norwegens lieferte er dann in artistischer Manier: In der 58. Minute nutzte Haaland eine Hereingabe von links durch Patrick Berg, aus der Luft setzte er den Ball unter die Latte. Für seine beiden Treffer reichten Haaland im gesamten Spiel 22 Ballkontakte aus. Ähnlich inaktiv war am Montagabend nur Haalands Mannschaftskollege Fredrik Aursnes. Dieser war allerdings schon nach der ersten Halbzeit ausgewechselt worden, während der Stürmer durchspielte. Norwegen hatte nach Haalands zweitem Treffer die Partei eigentlich unter Kontrolle. Spannend blieb es allerdings trotzdem: Denn während die Mannschaft von Trainer Solbakken immer wieder nach Ballgewinn schnell nach vorn spielte, offenbarte sie wie schon gegen den Irak in der Rückwärtsbewegung deutliche Schwächen. Diese nutzte an diesem Abend vor allem Senegals Ismaïla Sarr: Der Stürmer des Londoner Klubs Crystal Palace verkürzte zwischen den beiden Treffern Haalands zum zwischenzeitlichen 2:1, als er eine Passkombination durch die Mitte nur wenige Meter vor dem Tor von Schlussmann Ørjan Nyland abschloss. Kurz vor dem Abpfiff verkürzte Sarr erneut zum Endstand von 3:2. Norwegens Trainer Solbakken sprach nach dem Abpfiff von einem „Albtraum“, den er in der Schlussphase mitansehen musste. „Die letzten zehn Minuten waren die längsten in meinem Leben“, sagte der Trainer selbstkritisch zur Leistung seiner Mannschaft. „Keine Kontrolle“ habe man zu diesem Zeitpunkt mehr über das Spiel gehabt. Tatsächlich hätte es aus norwegischer Sicht noch schlimmer kommen können: Denn kurz vor dem Abpfiff war es erneut Ismaïla Sarr, der einen Kopfball aus kurzer Distanz nicht im norwegischen Tor unterbringen konnte. Trotzdem wurde der Sieg im Anschluss von Mannschaft und Fans frenetisch gefeiert. Wieder wurde gerudert: Diesmal allerdings schlossen sich die Spieler und der ganze Trainerstab den Fans dabei an. Erling Haaland lobte im Anschluss die „großartige Stimmung“ und sprach von einem der größten Abende in seinem Leben. Trainer Solbakken war nach Abpfiff direkt zu seiner Frau auf die Tribüne gestürmt. Er hatte sie in den Arm genommen und geküsst. „Pure Liebe“, nannte er die Aktion auf der anschließenden Pressekonferenz. Nach zwei Spielen hat Norwegen eine makellose Bilanz von sechs Punkten. Der Senegal wartet dagegen nach der zweiten Niederlage weiter auf den ersten Punktgewinn. Für die Mannschaft von Trainer Solbakken geht es im abschließenden Spiel gegen Frankreich um den Gruppensieg. Der Senegal muss dagegen den Irak schlagen, um noch über die Wertung der besten Gruppendritten in die K.-o.-Runde einzuziehen. Für die norwegische Mannschaft ist dagegen nach dem Sieg bereits klar, dass sie die nächste Runde erreichen wird. Einen vergleichbaren Erfolg hatte das Land bei seiner letzten WM-Teilnahme vor 28 Jahren gefeiert. Auch damals stand ein Haaland im norwegischen Kader: Es war Erlings Vater Alf-Inge. Der Stürmerstar von heute war damals noch gar nicht geboren.