Gianni Infantino setzt zu einer großen Versöhnungsgeste an. Doch einer der Beteiligten weigert sich. Der Fifa-Boss kassiert eine Demütigung auf offener Bühne. Als der Vize-Chef des Israelischen Fußball-Verbandes (IFA), Bassim Scheich Suliman, nach seiner Rede beim Fifa-Kongress die Bühne im kanadischen Vancouver verlassen wollte, ergriff Gianni Infantino das Wort. Feierlich bat der Weltfußball-Boss den Israeli darum, noch auf dem Podium zu bleiben. Dann bat er auch Dschibril Radschub, den Präsidenten des Palästinensischen Fußballverbandes (PFA), zurück auf die Bühne. Infantino erhob sich von seinem Platz und ging gemessenen Schrittes auf die beiden Funktionäre zu. Es sollte offenbar gleich Großes geschehen, das war dem 56-jährigen Sportfunktionär anzumerken. Der Fifa-Präsident wollte die Vertreter der beiden Fußballverbände Israels und Palästina zu einer Friedensgeste bewegen, einer Geste der Versöhnung. Scheich Suliman und Radschub sollten sich auf offener Bühne die Hände reichen. Es sollte die versöhnende Kraft des Fußballs beschworen werden, die Infantino so gern und oft betont. Doch der Plan scheiterte. Fifa-Gipfel in Kanada: Irans Fußballpräsident an Einreise gehindert Trump bekam ihn: Norwegen will Fifa-Friedenspreis wieder abschaffen Die Fifa und die Fußball-WM: Es wird immer schamloser Mit Infantino und der Fifa über Kreuz Zwar wartete Scheich Suliman, wie von Infantino gewünscht, auf dem Podium, auch der Palästinenser Radschub kam zurück von seinem Platz, doch die Hand gab er seinem israelischen Kollegen nicht. Stattdessen erklärte er Infantino wortreich, warum er sich vom Fifa-Boss und dessen Verband im Stich gelassen fühle. Zuvor hatte Radschub in seiner Rede vor dem Kongress angekündigt, dass die PFA vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS ziehen werde. Damit will die PFA eine Entscheidung des Fifa-Councils anfechten, Israels Fußball-Verband nicht wegen angeblich diskriminierender Handlungen gegen palästinensische Fußballer zu bestrafen. Der palästinensische Fußballverband, das wurde an diesem Abend einmal mehr deutlich, liegt mit der Fifa und ihrem Boss Infantino über Kreuz, und zwar schon seit Jahren. Doch Infantino glaubte wohl, die vielfältigen Spannungen zwischen der Fifa und Israel auf der einen und den Palästinensern auf der anderen Seite mit einem Handschlag beiseitewischen zu können. Radschub tat ihm den Gefallen nicht, stattdessen redete er minutenlang erregt auf Infantino ein. Die mehr als tausend Fifa-Delegierten im Saal verstummten. Peinliches Schweigen erfüllte den Saal. Infantino lächelte. Infantino: „Recht komplexe Angelegenheit“ Dann ging der Fifa-Chef zum Rednerpult und versuchte, den Schaden zu begrenzen. „Wir werden zusammenarbeiten, lasst uns zusammenarbeiten, um den Kindern Hoffnung zu geben“, sagte Infantino und schaute noch einmal eindringlich auf die beiden Funktionäre. Dann versuchte er erneut, den Israeli und den Palästinenser zusammenzubekommen, doch Radschub dachte gar nicht daran. Er weigerte sich kategorisch, gab Infantino einen Bruderkuss auf die Wange und verschwand von der Bühne. Infantino verabschiedete schließlich auch Scheich Suliman und kehrte unverrichteter Dinge zu seinem Platz zurück. „Nun“, sagte Infantino sichtlich um Fassung bemüht, „wir wissen ja alle, dass es sich hier um eine recht komplexe Angelegenheit handelt.“ Gemeint war der Konflikt zwischen Israel und Palästina, der in den vergangenen Jahren seit dem schrecklichen Terroranschlag der Hamas im Oktober 2023 mit mehr als 1.200 Toten auf israelischer Seite einen Krieg in Gaza zur Folge hatte, der zehntausende Palästinenser das Leben kostete. Die Auswirkungen des politischen Konflikts auf den Fußball beschäftigen die Fifa schon lange. „Beide Verbände haben die gleichen Rechte und Pflichten“, versicherte Infantino. Noch unter Ex-Präsident Joseph Blatter, der vor mehr als zehn Jahren aus dem Amt schied, war eine Task Force gegründet worden. Beide Parteien beschuldigen sich seit Jahren gegenseitig, die Entwicklung des Fußballs der anderen Seite zu behindern. „Wir verlangen von der Fifa nicht, einen politischen Konflikt zu lösen, wir verlangen, Fußball zu organisieren“, sagte Radschub. Palästinenser: Fußball in illegalen Siedlungen Am 20. April hatte die PFA Berufung gegen eine Entscheidung der Fifa eingelegt, Israel nicht für sein Vorgehen im Westjordanland zu bestrafen. So war der Fifa-Rat im März zu dem Ergebnis gekommen, keine weiteren Schritte gegen Israels Verband zu unternehmen, „da der endgültige rechtliche Status des Westjordanlands gemäß Völkerrecht nach wie vor eine ungelöste und äußerst komplexe Sachfrage darstellt.“ Somit dürfen die dortigen Fußballklubs innerhalb der Regularien des israelischen Fußballverbands an Ligaspielen teilnehmen – eine Praxis, die die Palästinenser ablehnen. Sie verweisen darauf, dass Israel die Siedlungen im Westjordanland völkerrechtswidrig besetzt hält und demzufolge Klubs in dem Gebiet niemals Teil eines Fifa-Verbands sein dürften. „Der Fifa-Rat hat nach 15 Jahren Beratungen zu diesem Thema beschlossen, keine Entscheidung zu treffen“, sagte PFA-Vizepräsidentin Susan Shalabi in einer Stellungnahme kurz vor dem Fifa-Kongress in Vancouver. „Daher bleibt uns nur der Weg zum CAS, um dagegen Berufung einzulegen. Wir werden den gesamten Prozess durchlaufen, bis wir Gerechtigkeit erlangen“. In einem anderen Fall hatte die Fifa den israelischen Verband allerdings wegen Verstößen eines Klubs gegen die Anti-Diskriminierungsregeln bestraft; betroffen davon waren palästinensische Fußballer. Der israelische Verband (IFA) muss deshalb unter anderem eine Geldstrafe in Höhe von 150.000 Schweizer Franken zahlen. Kanada: Keine Eskorten für den Fifa-Boss Ebenfalls auf die Palme brachte die Palästinenser die Tatsache, dass die Fifa es offenbar versäumte, rechtzeitig die notwendigen Visa für einige der PFA-Delegierten beim WM-Gastgeber Kanada zu organisieren. Als Folge wurden einigen palästinensischen Funktionären die Einreise in das nordamerikanische Land verwehrt. Betroffen davon waren aber auch Vertreter anderer Verbände. Für reichlich Wirbel sorgte auch eine vermeintliche Anfrage der Fifa an die kanadische Provinz British Columbia, in deren Hauptstadt Vancouver der Fifa-Kongress stattfindet. Demnach beantragte der Fußball-Weltverband eine Polizeieskorte für die Ankunft Gianni Infantinos. Der Fifa-Boss wollte offenbar genauso behandelt werden wie Donald Trump und andere Staatsgäste. Das Ansinnen jedoch lehnten die kanadischen Offiziellen freundlich, aber bestimmt ab. „Offizielle Autoeskorten, bei denen der Verkehr angehalten wird, sind Staatsoberhäuptern vorbehalten“, erklärte der stellvertretende Polizeichef von Vancouver, Don Chapman, in einer Stellungnahme. Die „Fifa-Führungskräfte“, wie Chapman sich ausdrückte, erfüllten die Kriterien jedoch nicht, die für international geschützte Personen gelten. „Also wurde der Antrag abgelehnt“, so Chapman. Iran wird zur WM zitiert – Trump nickt ab Die Fifa selbst bemühte sich hinterher zu versichern, sie habe einen solchen Antrag gar nicht gestellt. Auch habe der Fifa-Präsident Infantino von einem solchen Vorgang nichts gewusst. Die zahlreichen Widersprüche, die die Fifa derzeit umgeben, machen auch beim Thema Iran nicht halt. Das Land hatte mehrfach angekündigt, auf die Teilnahme an der Fußball-WM im Sommer zu verzichten. Angesichts der schweren Angriffe der USA und Israels und der Tötung hoher iranischer Führungspersönlichkeiten sei es „unmöglich“ an dem Turnier teilzunehmen, das unter anderem von den USA ausgerichtet wird. Doch der Wunsch der Iraner scheint die Fifa nicht zu interessieren. „Der Iran wird an der WM 2026 teilnehmen. Und natürlich wird der Iran in den USA spielen“, sagte Infantino bei dem Kongress. Es gehe darum, die Menschen zu vereinen. „Fußball vereint die Welt“, so der Schweizer. Es ist das Motto der Fifa, ihr Markenspruch, schon seit Jahren. Medien: Infantino ein „Funktionärsgeschöpf von Amerikas Gnaden“ US-Präsident Donald Trump, mit dem Infantino sich bestens versteht, reagierte umgehend. Er sagte, der Fifa-Boss habe freie Hand, was die WM-Teilnehmer beträfe. „Nun, wenn Gianni das gesagt hat, ist das für mich in Ordnung“, sagte Trump im Weißen Haus. „Ich finde, lassen wir sie spielen“. Infantino sei fantastisch und ein Freund von ihm. „Ich habe gesagt, du kannst machen, was du willst. Du kannst sie dabei haben, du musst sie nicht dabei haben“, sagte der US-Präsident. Im vergangenen Jahr hatte Infantino den US-Präsidenten mit einem eigens gestifteten Fifa-Friedenspreis ausgezeichnet, nachdem Trump sich darüber beklagt hatte, bei der Verleihung des Friedensnobelpreises übergangen worden zu sein. Auch war Infantino in Trumps neu gegründeten Friedensrat aufgenommen worden, als einziger Sportfunktionär unter lauter Staatsführern. Dass der Fifa-Boss dort Aufnahme fand, hatte bei Kommentatoren Verwunderung ausgelöst. Er sei „ein Funktionärsgeschöpf von Amerikas Gnaden“, schrieb die „Süddeutsche Zeitung“, und das US-Magazin „The Nation“ kommentierte scharfzüngig: „Infantino wollte etwas tun, was er noch mehr liebt als Fußball zu schauen: an Donald Trumps Hintern schmusen“. Gegen solche Art Kritik scheint Infantino gefeit zu sein. Er kündigte unterdessen seine Kandidatur für eine weitere Amtszeit als Fifa-Präsident an. Beim Kongress in Vancouver bestätigte der Schweizer, dass er sich bei der Vollversammlung im kommenden Jahr zur Wiederwahl stellen wird. Ein Gegenkandidat ist nicht in Sicht, eine Bestätigung Infantinos gilt als Formsache. Palästinensische Funktionärin: „Wir leiden“ Die Begeisterung beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) hielt sich zunächst in Grenzen. Präsident Bernd Neuendorf ließ zunächst offen, wie er sich zu Infantinos Ankündigung verhalten wird. Diese komme zwar „nicht überraschend“, die Bewertung sei aber „nicht meine alleinige Entscheidung, sondern obliegt unseren Gremien, so Neuendorf. Die volle Unterstützung erhält Infantino hingegen von anderen mächtigen Verbänden, etwa dem südamerikanischen Fußballverband (CONMEBOL), aber auch durch die afrikanische (CAF) und asiatische (AFC) Konföderation. Die Fifa sei „in der besten Verfassung aller Zeiten“, sagte Infantino vor den Fifa-Delegierten. Kritiker bemängelten zuletzt dagegen unter Infantino eine Abkehr von den Reformen aus dem Jahr 2016. Durch eine Statutenänderung, die das Council des Weltverbandes um Neuendorf vor vier Jahren beschloss, könnte Infantino sogar bis 2031 im Amt bleiben. Seine erste Amtszeit (2016 bis 2019) wertete das Gremium nicht als vollständig. Nach heutigem Stand wäre eine Wiederwahl Infantinos im nächsten Jahr aufgrund der Amtszeitbegrenzung seine letzte. Wer über derart viel Rückhalt und scheinbar unbegrenzte Macht verfügt, der kann wohl auch einen kleinen Rückschlag auf offener Bühne schmerzen. Auf Infantinos gescheiterten Versuch einer Friedensgeste angesprochen, sagte PFA-Vizepräsidentin Susan Shahabi: „Ich kann niemandem die Hand geben, den die Israelis hergebracht haben, um ihren Faschismus und ihren Völkermord zu beschönigen. Wir leiden.“