Portugal bei WM 2026: Cristiano Ronaldo ist Problem und Lösung zugleich

Cristiano Ronaldo ist auch mit 41 Jahren und noch immer das Zentrum der portugiesischen Nationalmannschaft. Doch sein Titelfenster schließt sich. Das wirft Fragen auf. Ein 41-Jähriger, der noch einmal eine Fußball-WM spielen will? Bei jedem normalen Fußballer würde man milde lächeln und ihm einen Platz auf der Fernsehcouch empfehlen. Aber Cristiano Ronaldo ist kein normaler Fußballer. War er nie. Bei der WM 2026 wird er noch einmal für Portugal auflaufen. Er selbst betont, dafür körperlich topfit zu sein, und seine zig Oben-ohne-Fotos in den sozialen Netzwerken geben ihm recht. Die große Frage ist, in welcher Rolle der gestählte Greis in Nord- und Mittelamerika für sein Land antritt und ob die Rolle, die er sich vorstellt, auch die ist, die seinen Teamkollegen hilft. Portugals Mannschaft hat sich in Ronaldos sehr langem Karriereherbst spürbar verändert: Das Spiel wird inzwischen vom Mittelfeld aus gelenkt, ist weniger auf den Strafraumstürmer zugeschnitten, der Ronaldo heute ist. Passmaschine Vitinha gibt den Takt vor, Bruno Fernandes und Bernardo Silva assistieren. Die Seleção wirkt reifer, balancierter – doch sie bleibt an der Frage hängen, wie viel Raum Ronaldo noch einnehmen darf, ohne die Dynamik zu bremsen. So hat sich Portugal für die Weltmeisterschaft qualifiziert Portugal schaffte über die europäische Qualifikationsgruppe F den Sprung zur WM 2026. Die Gruppe war ausgeglichen, aber ohne große Gegner besetzt – mit Irland, Griechenland, Finnland und Gibraltar. Gerade das machte viele Spiele unangenehm: wenig Raum, das erfordert viel Geduld, kaum offene Duelle. Auffällig war die Niederlage gegen Irland. Portugal kontrollierte die Partie über weite Strecken, fand aber kaum Wege, Torchancen zu kreieren, und zeigte sich defensiv verwundbar. Dieses Spiel legte ein Muster offen: Dominanz ja, Durchschlagskraft nicht immer. Portugal tat sich gegen tief stehende Gegner schwer, das Tempo konstant hochzuhalten. Die Qualifikation verlief dennoch erfolgreich. Das sind Portugals Gegner bei der WM 2026 In der Gruppe K trifft Portugal auf Kolumbien, Usbekistan und Demokratische Republik Kongo. Das wird entweder die Demokratische Republik Kongo sein, Jamaika oder WM-Neuling Neukaledonien. DR Kongo – Houston, 17. Juni, 19 Uhr (deutsche Zeit): Die Nationalmannschaft der Demokratischen Republik Kongo, die „Leoparden“, hat sich unter Trainer Sébastien Desabre eindrucksvoll für die WM 2026 qualifiziert und besticht durch eine extrem physische Spielweise in der Defensive mit Kapitän Chancel Mbemba und eine brandgefährliche Offensive um Stürmerstar Yoane Wissa. Usbekistan – Houston, 23. Juni, 19 Uhr (deutsche Zeit): Usbekistan hat in der asiatischen Qualifikation unter anderem Saudi-Arabien und China hinter sich gelassen. Viele Spieler stehen in Russland, Japan oder Südkorea unter Vertrag. Der größte Star ist der Trainer: Italiens Abwehrlegende Fabio Cannavaro. Die Mannschaft verteidigt diszipliniert, steht kompakt und versucht, Spiele möglichst lange offenzuhalten. Kolumbien – Miami, 28. Juni, 1.30 Uhr (deutsche Zeit): Kolumbien ist die härteste Nuss in der Gruppe und ein echter Prüfstein. Mit Spielern wie Luis Díaz vom FC Bayern München , Kapitän James Rodríguez oder Rafael Borré (ehemals Eintracht Frankfurt) steht Top-Qualität aus europäischen Topligen auf dem Platz. Für Portugal ist dieses Spiel der Maßstab – sportlich wie mental. Alle Spiele finden in den Südstaaten der USA statt; für Ronaldo und Co. dürfte das eine angenehme Klimazone sein, denn in Houston ist das Stadion komplett klimatisiert. Gleich zweimal hintereinander darf das Team dort ran. Das sind die wichtigsten Spieler Portugals Cristiano Ronaldo (Al-Nassr, Marktwert noch ca. 12 Millionen Euro): Ronaldo ist die prägendste Figur der portugiesischen Fußballgeschichte. Im Strafraum ist er noch immer gefährlich, davon weiß seit der Nations League im vergangenen Jahr auch die deutsche Nationalmannschaft ein Lied zu singen. Außerhalb davon aber ist er zunehmend limitiert. Portugals Spieltempo steigt ohne ihn. Auch die Arbeit gegen den Ball ist weniger intensiv. Seine Rolle wird der zentrale Balanceakt für Nationaltrainer Roberto Martinez. Bruno Fernandes (Manchester United, Marktwert ca. 55 Millionen Euro): Bruno Fernandes ist der Antreiber der Portugiesen. Er sucht vertikale Lösungen, Abschlüsse aus der zweiten Reihe und übernimmt Verantwortung, wenn Spiele kippen. Mit Manchester United ging es zuletzt für ihn wieder aufwärts. Vitinha (Paris Saint-Germain, Marktwert ca. 55 Millionen Euro): Vitinha ist das taktische Zentrum der Seleção. Er fordert permanent den Ball, lenkt das Tempo und gibt dem Spiel Struktur. Beim Champions-League-Sieger gereift, gilt er als einer der besten Sechser der Welt. Bernardo Silva (Manchester City, Marktwert ca. 60 Millionen Euro): Silva verbindet die Mannschaftsteile. Er hält die Bälle auch unter Druck, zieht Gegenspieler aus ihren Positionen und hält das Spiel der Portugiesen stabil. Sein Einfluss ist größer, als seine Statistiken es nahelegen. João Neves ( Paris Saint-Germain, Marktwert ca. 60 Millionen Euro): Neves ist der Aufsteiger im Mittelfeld: laufstark, aggressiv, torgefährlich. Auffällig: Bei Standards übernimmt er zunehmend Verantwortung, auch bei Freistößen, sofern Ronaldo sie nicht für sich beansprucht. Der Generationenwechsel zeigt sich hier im Detail. Das ist der Trainer: Roberto Martínez war in Belgien gescheitert Roberto Martínez ist kein Lautsprecher, eher ein stiller Arbeiter. Als Nationaltrainer Belgiens stand er jahrelang an der Seitenlinie einer der talentiertesten Generationen Europas, mit Spielern wie Eden Hazard, Kevin De Bruyne oder Romelu Lukaku. Trotz dieser überragenden Qualität gewann Belgien unter Martínez keinen Titel, schaffte es 2018 aber ins Halbfinale. Bei der WM 2022 wirkte das Team taktisch erstarrt und mental leer. Martínez hat daraus gelernt. Er spricht viel mit den portugiesischen Spielern, erklärt Entscheidungen, lässt Raum für Diskussion. Kritiker werfen ihm vor, zu nachsichtig zu sein. Seine Unterstützer loben, dass er so versucht, eine Mannschaft mit starken Persönlichkeiten wie Ronaldo, Bruno Fernandes oder Bernardo Silva zusammenzuhalten. Martínez steht unter Druck: Diese WM entscheidet auch über seinen Ruf als Nationaltrainer. Spielsystem und Taktik Portugal spielt unter Martínez nicht spektakulär, eher seriös. Martínez bevorzugt flexible Grundordnungen, meist ein 3-2-4-1 oder ein asymmetrisches 4-3-3, in dem Linksverteidiger Nuno Mendes viele Freiheiten nach vorne bekommt. Entscheidend ist das Zentrum. Vitinha lässt sich immer wieder zwischen die Innenverteidiger fallen, um das Spiel anzukurbeln. Davor bewegen sich Bruno Fernandes und Bernardo Silva, suchen Überzahlsituationen und kurze Passdreiecke. Am Ende lauert Cristiano Ronaldo. Der Ball soll laufen, nicht getragen werden. Portugals Stärke liegt im ersten und zweiten Kontakt, im schnellen Freispielen unter Druck. Gefährlich wird es, wenn das Tempo stockt. Dann kreist das Spiel um den Strafraum, Flanken ersetzen Durchbrüche, es wird „handballähnlich“. Der überaus selbstbewusste Cristiano Ronaldo wird dann zum totalen Fixpunkt und ist damit Lösung wie Problem zugleich. Der Megastar liebt dieses Spiel, aber es macht Portugal unbeweglich und leicht ausrechenbar. So hat Portugal bisher bei Weltmeisterschaften abgeschnitten Portugal ist Stammgast bei den WM-Endrunden. Der dritte Platz 1966 mit dem legendären Eusébio war der größte Erfolg, im Halbfinale stand 2006 mit Cristiano Ronaldo, Luís Figo und Deco der vielleicht stärkste Kader der portugiesischen Fußballgeschichte. Danach folgten viele Enttäuschungen. Vor allem an Deutschland hat Portugal böse Erinnerungen. 2006 ging das kleine Finale gegen die Mannschaft von Jürgen Klinsmann verloren. 2014 wurde die Seleção zum Auftakt mit 0:4 vorgeführt – ein Spiel, das sinnbildlich für eine Generation stand, die große Namen hatte, aber keine Balance. Auch 2018 schied Portugal früh aus. Die Geschichte dieser Mannschaft ist eine Geschichte verpasster Momente. Warum eigentlich „Seleção“? „Seleção“ bedeutet schlicht „Auswahl“. Der Begriff ist bewusst nüchtern. Er verzichtet auf Pathos und Mythos und beschreibt den Anspruch, die besten Spieler eines Landes zusammenzuführen, unabhängig von Alter, Status oder Vergangenheit. Ausgerechnet an Cristiano Ronaldo scheiden sich diesbezüglich die Geister: Nicht zuletzt nach seiner Roten Karte im WM-Qualifikationsspiel gegen Irland wurde wieder Kritik an ihm laut.