Keine Entwicklung, fehlende Hierarchie, falsche Positionen: Ex-Weltmeister Lahm kritisiert den Fußball-Bundestrainer mit deutlichen Worten. Beim DFB sieht er Handlungsbedarf – aber nicht überall. Philipp Lahm sieht eine Weiterbeschäftigung von Julian Nagelsmann als Chefcoach der deutschen Fußball-Nationalmannschaft nach dem frühen WM-K.-o. kritisch. „Für das Ausscheiden trägt natürlich der Bundestrainer die Verantwortung“, sagte der Weltmeister-Kapitän von 2014 in einem Gastbeitrag für den „Kicker“. „Schon bei der Heim-EM haben wir nicht wirklich geglänzt. Danach blieb eine Entwicklung aus“, kritisierte der 42-Jährige. „Jetzt zu den Top 32 der Welt zu zählen, kann nicht unser Anspruch sein. Deswegen muss er hinterfragt werden.“ Konkret gefragt, ob der frühere Toptrainer Jürgen Klopp nun die Lösung sei, antwortete Lahm in einem Interview der „Zeit“: „Bevor wir über Namen sprechen, sollten wir grundsätzliche Dinge klären. Der deutsche Fußball muss sich entscheiden, wie er spielen will.“ Sein Appell: „Wir sollten das mit Überzeugung tun.“ Vom Verband forderte der einstige Weltklassespieler im „Kicker“ eine zeitnahe Aufarbeitung des WM-Debakels. „Wir alle haben das Recht auf eine schnelle Analyse, auf Antworten. Und dann muss der DFB Entscheidungen treffen, in welche Richtung auch immer. Die Entwicklung spricht nicht fürs Trainerteam.“ Nach dem überraschenden Aus im Sechzehntelfinale gegen Paraguay ist Nagelsmann stark in die Kritik geraten. „Nie eine Mannschaft gesehen, die miteinander agiert“ Auch von Lahm gab es keine Rückendeckung für den 38-Jährigen. „Man hat keine Entwicklung der Mannschaft im Turnier gesehen. Keine Fortschritte“, monierte der frühere Bayern-Spieler. „Keine Idee, wie sie agieren, wie sie zu Torchancen kommen, wie sie den Gegner vom eigenen Tor fernhalten will. Ich habe nie eine Mannschaft gesehen, die miteinander agiert.“ Der deutschen Mannschaft fehle eine „natürlich Hierarchie“, bemängelte Lahm. „Ein Miteinander vermisse ich seit Jahren. Es wurde viel gewechselt, was nicht geholfen hat, auch den Spielern nicht.“ Zudem habe etwa Joshua Kimmich als Rechtsverteidiger auf der falschen Position gespielt, „im Mittelfeld gehört er zur internationalen Klasse“, meinte Lahm, um dessen ideale Position es bei der WM 2014 eine ähnliche Debatte gegeben hatte. „System im Land wird immer gute Spieler hervorbringen“ Einen kompletten Strukturwandel in der Talentförderung hält Lahm trotz des dritten frühen WM-Ausscheidens in Serie nicht für nötig. „Unser System im Land wird immer gute Spieler hervorbringen“, meinte er. „Viel wichtiger ist es, eine Nationalmannschaft zu entwickeln. Das ist möglich. Wir brauchen wieder mehr Klarheit, wie wir Fußball spielen wollen.“ Exemplarisch nannte der gelernte Defensivspezialist die Arbeit gegen den Ball. Es brauche „wieder ein Bewusstsein fürs Verteidigen, als Mannschaft und in Eins-gegen-eins-Situationen. Jeder Zweikampf muss gesucht werden, als wäre er der letzte“, forderte Lahm. Dann sei auch bald wieder mehr möglich für die Nationalmannschaft.