DFB-Elf: Warum ein guter Klubtrainer noch kein guter Bundestrainer ist

Julian Nagelsmann ist als Bundestrainer zurückgetreten. Wie schon bei seinem Vorgänger Hansi Flick endet damit eine Amtszeit beim DFB vorzeitig. Woran liegt das? Der DFB muss sich einen neuen Bundestrainer suchen. Julian Nagelsmann hat offiziell sein Amt niedergelegt. Nagelsmann ist damit nach Hansi Flick der zweite Bundestrainer nacheinander, der als Vereinstrainer bei verschiedenen Vereinen erfolgreich arbeitete, jedoch auf dem wichtigsten Posten in Fußball-Deutschland scheiterte. Kommentar zur Zukunft der Nationalmannschaft: Hoffnungslos WM: Im DFB-Camp gab es wohl Ärger um die Physiotherapeuten Flick war der erste Bundestrainer in der DFB-Geschichte, der entlassen wurde. Er hielt sich nur zwei Jahre und 25 Spiele im Amt. Im Herbst 2023 musste er gehen. Sein Nachfolger hielt sich ebenfalls nicht bis zum Vertragsende. Julian Nagelsmann trat nach nicht einmal drei Jahren zurück – trotz Vertrags bis 2028. Flick war beim FC Bayern für die erfolgreichste Saison der Vereinsgeschichte mit sechs Titeln verantwortlich, führte nach seiner DFB-Zeit den FC Barcelona zu zwei Meisterschaften und einem Pokalsieg und lässt überdies attraktiven Fußball spielen. Nagelsmann galt lange als größtes Trainertalent in Deutschland, führte die TSG Hoffenheim in die Champions League und RB Leipzig ins Halbfinale der Königsklasse. Auch den FC Bayern, wo er kurz vor Ablauf seiner zweiten Saison auf umstrittene Weise entlassen wurde, führte er zu einem Meistertitel. Warum taten sich Flick und Nagelsmann beim DFB schwer? Die Trainingsarbeit mit den Spielern, die eigentliche Kernkompetenz von Flick und Nagelsmann, macht als Bundestrainer gezwungenermaßen einen deutlich geringeren Anteil aus als auf Vereinsebene. Flick etwa gilt als Spielerversteher, der es schafft, eine Einheit und ein Wir-Gefühl zu formen. Er überträgt den Profis viel Eigenverantwortung, legt aber gleichzeitig großen Wert auf Disziplin. Im Klub hat er über einen längeren Zeitraum eine feste Gruppe von rund 25 Spielern um sich, die er formen kann, wo sich ein Teamgefüge bilden kann. Bei der Nationalelf stellt sich die Gruppe bei jeder Länderspielperiode immer wieder mit mehr oder weniger großen Änderungen und unterschiedlichen Charakteren zusammen. Von Nagelsmann ist bekannt, dass er sehr detailverliebt und akribisch vorgeht, was die taktischen Abläufe in seinem Team betrifft. Mit teils komplexen Übungsformen forderte er die Spieler auf seinen Stationen. Manchmal waren diese auch überfordert. Davon wusste einst auch der ein oder andere von Nagelsmanns Ex-Spielern zu berichten. Flicks Graugans-Video mit Symbolcharakter So äußerte der serbische Nationalspieler und frühere RB-Leipzig-Profi Lazar Samardžić: „Unter Julian Nagelsmann zu trainieren, war Wahnsinn – vor allem auf taktischer Ebene und in Sachen Handlungsschnelligkeit. Da ging es nicht nur darum, wie gut du am Ball bist, sondern vor allem im Kopf, wie schnell du da bist und wie vorausschauend du spielst. Darauf hat er besonderen Wert gelegt.“ Für solche Details bleibt bei den seltenen Lehrgängen im Jahr entschieden weniger Zeit. Denn: Für die komplexen Inhalte sind in der Regel die Vereinstrainer verantwortlich, nicht der Bundestrainer, der eine Gruppe aus einem begrenzten Spielerpool formen muss, die gut zueinanderpasst. Durch die in geringerem Umfang mögliche Trainingsarbeit rückt automatisch der psychologische und kommunikative Ansatz als wichtiger Hebel in den Vordergrund, um Top-Leistungen möglich zu machen. Und genau dort offenbarten sowohl Flick als auch Nagelsmann Schwächen. Beiden gelang es nie oder selten, eine Begeisterung zu entfachen, weder intern noch in der Fußball-Öffentlichkeit. Als symbolisch für Flicks enttäuschende Amtszeit gilt das berühmt gewordene Graugans-Video aus der WM-Doku, das die Spieler in Katar motivieren sollte, stattdessen aber belächelt wurde. Das Ergebnis des Turniers ist bekannt. Dabei wird Flick oftmals das Attribut des Menschenfängers zugeschrieben. In seiner Zeit als Bundestrainer trat er nach außen hin jedoch eher spröde und bei Kritik schmallippig auf. Nagelsmanns Kommunikationsschwächen auf dem Weg zur WM In der Öffentlichkeit präsentiert sich Nagelsmann deutlich redseliger und folglich informativer als Flick. Sein Kommunikationsverhalten ist praktisch das Gegenteil. Aber: War bei der EM 2024 die Euphorie des Heimturniers noch die treibende Kraft und damit die Motivation der Spieler geradezu ein Selbstläufer, machte Nagelsmann auf dem Weg zu seiner ersten WM entscheidende Kommunikationsfehler. So gab er wiederholt zu ehrlich und zu wenig diplomatisch Auskunft über seine Gedanken- und Gefühlswelt. Stichwort Undav, Stichwort Neuer. Intern hingegen wurde zuletzt der Vorwurf laut, Nagelsmann habe zu selten mit den Spielern gesprochen, sie zu wenig an seinen Plänen teilhaben lassen, teils auch falsche Versprechungen gemacht – Stichwort Goretzkas „Stammplatz-Zusage“ für die WM. Fazit: Der Bundestrainer ist viel mehr als eine Art Moderator gefragt, denn als Fußball-Lehrer im eigentlichen Sinne. Er muss Nominierungen verteidigen oder Nicht-Nominierungen begründen, die Spieler bei langen Turnieren bei Laune halten und hat weniger Zeit für die eigentliche Arbeit eines Trainers. Dort, in der Trainingsarbeit, haben zweifellos sowohl Flick als auch Nagelsmann ihre herausragenden Kompetenzen. Um diese bestmöglich nutzen zu können, müssten sie täglich mit den Spielern arbeiten – und nicht nur alle paar Monate.