Am Freitag startet die neue Zweitliga-Saison. Der VfL Bochum empfängt Hertha BSC. Welches Gesicht die Berliner in diesem Jahr zeigen werden, ist gänzlich offen. Ein Jahr ist es her, da war die Richtung bei Hertha BSC klar: Es sollte nach oben gehen. Kapitän Fabian Reese verkündete: „Wir wollen aufsteigen.“ Trainer Stefan Leitl stellte klar: „Es muss das Ziel sein, um den Aufstieg zu spielen.“ Präsident Fabian Drescher sagte sogar: „Ich wünsche mir, dass wir am Ende einen Doppelaufstieg feiern können.“ Nun, die Frauen von Hertha BSC erfüllten ihren Teil und stiegen in die 2. Bundesliga auf. Die Herren aber beendeten die Saison auf Rang sieben der 2. Liga . Der Aufstieg in die Bundesliga war zu keinem Zeitpunkt wirklich realistisch. Kein einziges Mal stand Hertha BSC in der Tabelle besser da als Rang sechs. Eine Statistik, die Fans des Hauptstadtklubs zum Halse heraushängt, weil sie andauernd zu lesen war. Aber sie zeigt dennoch, wie weit Anspruch und Wirklichkeit bei der „Alten Dame“ in der vergangenen Saison auseinanderlagen. Vor dem Start der Saison 2026/27 mit dem Duell der Hertha beim VfL Bochum ( am Freitag ab 20.30 Uhr im Liveticker bei t-online ) sind die Hauptstädter kein Aufstiegsaspirant, sondern mehr eine Wundertüte. Die wohl größte im deutschen Profifußball. Am 24. Juli hatte die Serie ein Ende Sommer 2026. In Berlin-Charlottenburg ist bei den Fans vom Aufstieg keine Rede. Generell ist lange überhaupt nicht klar, wovon die Rede sein könnte. Denn die Hertha hat bewegte Monate hinter sich. Kapitän und Publikumsliebling Fabian Reese wechselte für acht Millionen Euro zu Bundesliga-Absteiger VfL Wolfsburg . Kreativspieler Michaël Cuisance (RC Lens) und Stammtorwart Tjark Ernst (Feyenoord) schlossen sich Champions-League-Klubs an. Ausnahmetalent Kennet Eichhorn unterschrieb bei Bayer Leverkusen . Mit Toni Leistner und Michał Karbownik gingen zwei weitere Stammkräfte. Zudem liefen auch die Verträge von Diego Demme und John Anthony Brooks aus, die die großen Erwartungen nie erfüllen konnten. Auf die vielen Abgänge reagierte Hertha verhältnismäßig spät. Erst am 24. Juli, zwei Wochen vor dem Saisonstart, präsentierten die Berliner den ersten Neuzugang für die neue Saison: Oluwaseun Adewumi vom FC Burnley . Der offensiv vielseitig einsetzbare Österreicher beendete die Serie von Instagram-Posts und Artikeln diverser Medien darüber, dass Hertha der einzige deutsche Profiklub ohne externen Neuzugang sei. Intern aber gab es ein paar neue Gesichter. Sieben Talente aus dem eigenen Nachwuchs absolvierten die komplette Vorbereitung mit den Profis, darunter die erst 17 Jahre alten Jerome Diallo und Mayson Grothe. Neben diesen sieben Talenten haben neun weitere Spieler eine Vergangenheit in der Hertha-Jugend. Der „Berliner Weg“ mit vielen Eigengewächsen, den Herthas verstorbener Ex-Präsident Kay Bernstein ausgerufen hatte, er war selten so sichtbar wie in diesem Sommer. Doch so romantisch ein Kader voller Berliner Jungs für Fans der Hertha klingt, er ist auch riskant. Schließlich ist unklar, inwieweit die vielen Talente schon bereit für den Profifußball sind. Andererseits bleibt der sportlichen Leitung kaum eine andere Wahl. Die finanzielle Lage ist verheerend, laut dem „Kicker“ müssen die Berliner ein Transferplus von 15 Millionen Euro erwirtschaften. Das Gehaltsgefüge war ebenfalls zu hoch und musste dringend gesenkt werden. All das ist geschafft, viel Geld für Neuzugänge ist aber nicht da. Hertha muss auf Soforthilfen zum Schnäppchenpreis hoffen. Und das erfordert Geduld, denn diese Schnäppchen gibt es teilweise erst zum Ende der Transferperiode. Aber bis dahin sind bereits vier Pflichtspiele gespielt. Ein Fehlstart wäre fatal. Herthas Ziel ist klar, betonte Sport-Geschäftsführer Peter Görlich im Interview mit rbb24: „Ein einstelliger Tabellenplatz mit einer maximalen Ambition nach vorne.“ Die „größte Transformation“ mit den gleichen Leuten – zum Teil Diese Ambition strahlt Görlich bereits seit seiner Ankunft im September 2025 aus. Leistung soll mehr im Vordergrund stehen, der Klub sich verändern. Ein halbes Jahr später, im Frühling 2026, bezeichnete er Hertha als die „größte Transformation im Fußball“. Erwartet wurden daraufhin viele personelle Veränderungen. Sportdirektor Benjamin Weber hatte sowohl bei Spielern als auch bei Trainern eine überschaubare Trefferquote. Trainer Stefan Leitl schaffte es zwar, Hertha in der Rückrunde der Saison 2024/25 vor dem Abstieg zu retten, eine Weiterentwicklung war in der Folgesaison aber kaum zu sehen. Trotzdem durften Weber und Leitl bleiben. Görlich agierte entgegen der üblichen Mechanismen im Profifußball. Die Transformation passiert vorerst mit Weber und Leitl, nicht ohne sie. Er stärkte ihnen den Rücken, was ihn selbst in die Kritik brachte. Görlich blieb davon unbeeindruckt und hielt an seinem Plan fest. Ein „Weiter so“ sollte es aber unter dem studierten Sportwissenschaftler auch nicht geben. Das eher unkreative und selten erfolgreiche Scouting sollte besser werden. Also bekamen Sportdirektor Weber und sein Team einen neuen Impuls: Kaderplaner Bastian Huber unterschrieb in Berlin. Mit seiner Expertise im Bereich Datenscouting soll Huber die Hertha auf dem Transfermarkt cleverer machen. Auch im Trainerteam sollte sich etwas tun. Co-Trainer Patrick Ebert wurde in die U17 versetzt und durch Andreas Schumacher ersetzt. Schumacher arbeitete bis Sommer 2025 beim 1. FC Magdeburg an der Seite von Christian Titz , er gilt als Fachmann für Standards und offensives Ballbesitzspiel. Zwei Spielphasen, in denen Hertha in der vergangenen Saison eher unterdurchschnittlich unterwegs gewesen war. Dazu tauschte Görlich auch im medizinischen Bereich Personal aus. Fabian Plachel und Gerald Ackerl übernahmen die Aufgaben von Hi-Un Park sowie Moritz und Ulrich Schleicher. „Gemeinsam stehen sie für eine moderne, evidenzbasierte Medizin und werden wichtige Impulse für die Weiterentwicklung unserer medizinischen Strukturen setzen“, erklärte Görlich, der in dem umgebauten Medizin- und Performancebereich einen Schlüssel für bessere und konstantere Leistungen der Mannschaft sieht. Wo landen die Berliner in der Tabelle? Dass Görlich den Verein nur Stück für Stück umbauen kann, hat auch mit den bescheidenen finanziellen Mitteln zu tun. Teure Abfindungen und teure Ablösesummen kann sich Hertha kaum leisten. Das kommt bei Fans – und teilweise auch beim Trainer – nicht so gut an. Nach nahezu jedem Testspiel verbalisierte Coach Stefan Leitl den Wunsch nach neuen Spielern. Gerade links in der Abwehr ist der Bedarf groß. Denn abgesehen vom 17 Jahre alten Mayson Grothe hat Leitl schlichtweg keinen gelernten Linksverteidiger im Kader. Rechtsverteidiger Deyovaisio Zeefuik, Innenverteidiger Niklas Kolbe und Linksaußen Gustav Christensen sind die Alternativen, auch wenn Letzterer mit einer Schulterverletzung noch ein paar Wochen ausfällt. Einen klassischen offensiven Mittelfeldspieler mit Profierfahrung hat die Hertha ebenso wenig im Kader. Neue Regeln : Das denken die Bundesligisten Unter anderem deshalb befürchten einige Fans das Schlimmste: den Abstieg. Euphorie vor dem Saisonstart gab es zumindest vergleichsweise wenig in Berlin. Ex-Profi Felix Kroos sieht darin aber auch eine Chance. „Jetzt erwartet irgendwie keiner was. Und das kann dir irgendwo vielleicht auch helfen, da so ein bisschen Druck zu nehmen“, sagte der TV-Experte von Sky/RTL. Allerdings fehle dem Kader die Qualität, „und die kriegst du auch nicht so einfach ersetzt und jetzt auch so kurzfristig nicht mehr hin.“ Die neue Saison wird für Hertha BSC zur Bewährungsprobe. Zwischen finanziellen Zwängen, einem unerfahrenen Kader und einer ungewissen sportlichen Perspektive bleibt vieles offen. Ob das Experiment gelingt oder die Hertha enttäuscht, wird sich erst im Laufe der Saison zeigen. Sicher ist nur: Der Druck ist geringer, die Herausforderungen bleiben groß.