Englands Kapitän Harry Kane erlebte bei der WM in den USA, Mexiko und Kanada das nächste bittere Aus. Damit setzt sich seine dramatische Serie des Scheiterns fort. Der große Traum von Harry Kane schien schon greifbar nah zu sein. Bis fünf Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit führte die englische Nationalmannschaft im WM-Halbfinale gegen Argentinien noch mit 1:0. Damit hätten es Kane und die „Three Lions“ zum ersten Mal seit 60 Jahren und dem englischen Triumph von 1966 wieder ins WM-Finale geschafft. Doch angeführt von Superstar Lionel Messi schlug der Titelverteidiger noch einmal zurück. Nach dem Ausgleich in der 85. Minute drehte Argentinien die Partie mit einem Treffer in der zweiten Minute der Nachspielzeit noch komplett. „Vorwürfe werden noch Jahre anhalten“: Fans und Medien gehen auf Tuchel los Drama im WM-Halbfinale: Schweinsteiger nennt anderen Grund für England-Aus Und so stand Kane am Ende einmal mehr als Verlierer da. Mit einem Veilchen am rechten Auge blickte er, erkennbar von der umkämpften Partie gezeichnet, gedankenverloren ins Leere. Als einer der Ersten fand schließlich Lionel Messi den Weg zu ihm. Die beiden Kapitäne umarmten sich, und Messi richtete ein paar aufmunternde Worte an Kane. Allzu viel Trost dürfte dieser darin allerdings nicht gefunden haben. Denn während der argentinische Ausnahmekönner nun am Sonntag im Finale gegen Spanien weiter von der Titelverteidigung träumen darf, ist Kanes großer Traum vom Gewinn des WM-Pokals einmal mehr auf dramatische Art und Weise geplatzt – möglicherweise sogar endgültig. Alles, was ihm bei dieser WM bleibt, ist das Spiel um Platz drei (am Samstag ab 23 Uhr im Liveticker bei t-online). „Vier Jahre sind natürlich eine lange Zeit“ Als Kane unmittelbar nach der Niederlage darauf angesprochen wurde, ob er 2030 mit England noch mal einen erneuten Angriff auf den WM-Thron starten wolle, sagte er: „Vier Jahre sind natürlich eine lange Zeit, ich werde 33 im Sommer. Aber man sieht es bei Leo (Messi, Anm. d. Red. ), er performt immer noch auf dem höchsten Level. Ich möchte solchen Dingen daher niemals Grenzen setzen.“ Messi ist bereits 39 und verblüfft die Welt bei der aktuellen WM, der er als einer der besten Spieler des Turniers auch im hohen Fußballeralter erneut seinen Stempel aufdrückt, einmal mehr. Kurz nach der schmerzhaften Niederlage sei es aber zu früh, um konkret über die Zukunft zu sprechen, sagte Kane. „Ich schaue von Jahr zu Jahr, wie ich mich fühle“, betonte der Stürmer. Er spiele stets mit Stolz und Freude für das Nationalteam. Der englische Kapitän, der bei seiner dritten WM-Teilnahme sechs Treffer erzielte, wolle sich „um die Situation kümmern, sobald sie auftritt. Aber im Moment geht es erst einmal darum, diese schwere Niederlage zu verarbeiten.“ Zumindest für ein wenig Frustbewältigung könnte das Spiel um Platz drei gegen Frankreich herhalten. Beim Duell der beiden mit Titelambitionen angetretenen großen Halbfinalverlierer dürfte dennoch auf beiden Seiten die Enttäuschung über den geplatzten Trophäen-Traum überwiegen. Kanes Serie des Scheiterns setzt sich fort Besonders gilt das für Kane. Denn für ihn setzte sich mit dem erneuten Halbfinal-Aus eine fast schon dramatische Serie des Scheiterns weiter fort. Nachdem er damit den nächsten großen Titel verspielt und verpasst hat, bleibt Kane nämlich weiterhin Englands ungekrönter König. Seit der WM 2018 waren die ganz großen Triumphe für ihn und die englische Nationalelf immer in Reichweite – am Ende reichte es aber doch nie dafür. Bei der WM in Russland scheiterte Kane mit England im Halbfinale mit 1:2 nach Verlängerung an Kroatien. Die wohl bitterste Erfahrung seiner Karriere musste Kane dann drei Jahre später im Finale der Europameisterschaft 2021 machen. Das verlor er nämlich im heimischen Wembley-Stadion mit 2:3 im Elfmeterschießen. Da half es ihm auch nichts, dass er seinen Versuch vom Punkt als erster Schütze verwandelt hatte. Bei der WM 2022 in Katar war für England nach einer 1:2-Niederlage im Viertelfinale gegen Frankreich Endstation. Ausgerechnet Kane wurde dabei zum tragischen Helden: Nachdem er bereits einen Strafstoß zum zwischenzeitlichen 1:1 verwandelt hatte, scheiterte er in der 84. Minute bei seinem Elfmeter. Und vergab damit die große Möglichkeit auf den 2:2-Ausgleich und die Verlängerung. Bei der EM 2024 schaffte es Kane mit England zum zweiten Mal in Folge bis ins Finale. Nur um sich dort dann Spanien mit 1:2 geschlagen geben zu müssen. Kane war damals kein Faktor und wurde bereits im Laufe der zweiten Hälfte beim Stand von 0:1 ausgewechselt. Bei dem Wiedersehen im Halbfinale der aktuellen WM blieb Kane nun zumindest als Stürmer erneut nahezu wirkungslos – und am Ende ohne einen einzigen Schuss aufs gegnerische Tor. Das wird Kanes letzte große Mission Mit dem FC Bayern , zu dem er im Sommer 2023 wechselte, hat Kane den Titelfluch, der lange über seiner gesamten Karriere schwebte, mittlerweile zwar gebrochen. In den vergangenen beiden Jahren gewann er jeweils die deutsche Meisterschaft sowie in diesem Jahr nun auch den DFB-Pokal. Die ganz großen Titel sind ihm bislang aber auch auf Vereinsebene weiter verwehrt geblieben. Nachdem er mit Tottenham Hotspur 2019 das Finale der Champions League verloren hatte, scheiterte er mit Bayern bereits zum zweiten Mal im Halbfinale der „Königsklasse“. Vor zwei Jahren erlebte er mit Bayern nach 1:0-Führung mit zwei späten Gegentoren im entscheidenden Rückspiel bei Real Madrid bereits ein ähnliches Last-Minute-Drama wie jetzt erneut mit England gegen Argentinien. In diesem Jahr war er mit Bayern nach einem spektakulären 4:5 im Hinspiel und einem 1:1 im Rückspiel gegen Paris Saint-Germain letztlich doch chancenlos. Auch bei der entscheidenden Partie in München konnte Kane den Ausgang nicht mehr zugunsten seines Teams beeinflussen. In der kommenden Saison will er mit Bayern den nächsten Angriff auf den Champions-League-Titel starten. 2028 steht dann die Heim-EM in Großbritannien an. Kane wird dann bereits fast 35 Jahre alt sein. Mit dem Turnier bietet sich ihm möglicherweise noch eine allerletzte Möglichkeit, sich und seine Karriere doch noch mit einem ganz großen Titel zu krönen. Das Endspiel wird wie schon 2021 im Londoner Wembley-Stadion stattfinden – erneut sozusagen im Wohnzimmer des gebürtigen Londoners. Die Bühne für eine späte Krönung wäre also jedenfalls perfekt.