Der Führungszirkel der Fifa stärkt dem Präsidenten den Rücken. Das soll in der Verbandszentrale in Zürich ganz anders sein. Und steckt hinter dem Aufruhr der vergangenen Tage ein größerer Plan? Gianni Infantino bleibt standhaft. Trotz aller Kritik, internen Enthüllungen und Rücktrittsforderungen wird er das Amt des Fifa-Präsidenten nicht abgeben. Warum auch? Aus seiner Sicht hat er sich keine grobe Verfehlung geleistet. Ja, es seien beim Investorendeal rund um die Fußball-WM „Fehler unterlaufen“ und das Verfahren hätte „anders gehandhabt werden müssen“, teilte der Verband am Mittwochabend mit. Aber es sei nie die Absicht gewesen, „dem Fifa-Rat und den Fifa-Mitgliedsverbänden das Gefühl zu geben, vom Prozess ausgeschlossen zu sein.“ Infantino habe die 211 Mitgliederverbände auch gar nicht vor vollendete Tatsachen stellen wollen. Alles nur ein großes Missverständnis. Und jetzt wieder zurück zur Tagesordnung. Ex-DFB-Präsident Grindel: „Kann mir nicht vorstellen, dass Infantino zur Wahl antritt“ WM 2030: Spanien macht Final-Ansage – und setzt Fifa unter Druck Generalsekretär Mattias Grafström und die Mitglieder der Geschäftsführung sind genau dort schon wieder angekommen. Nach einer Krisensitzung in Marokko bekräftigten sie am Mittwochabend „ihre uneingeschränkte Unterstützung für Fifa-Präsident Gianni Infantino – den einzigen Amtsträger, der von den 211 Fifa-Mitgliedsverbänden gewählt wurde“. Gleichzeitig betonte Infantino selbst „seine volle Unterstützung für den Fifa-Generalsekretär und die Fifa-Administration“. Zudem gab es ein Sonderlob für die „hervorragende Arbeit“ zur Durchführung der WM in den USA, Kanada und Mexiko. Nur beruht das wohl nicht so richtig auf Gegenseitigkeit, das sagt zumindest Alexander Koch. Er war von 2001 bis 2017 unter anderem Sprecher und stellvertretender Kommunikationschef beim Weltverband. „Kaum jemand steht in der Fifa-Administration hinter Gianni Infantino“, erzählt er im Gespräch mit t-online über die Stimmung in der Verbandszentrale in Zürich. „Macht, Geld und Gier stehen in erster Reihe“ Eine Entwicklung, die es schon über Jahre geben soll und nicht erst dadurch entstanden ist, dass Infantino versuchte, 20 bis 30 Prozent der Anteile an der Fußball-WM an externe Investoren zu verkaufen. Schon kurz nach seinem Amtsantritt 2016 habe er sich sehr distanziert gezeigt, sei kaum aus seinem Büro gekommen und habe den Kontakt zu Mitarbeitern gemieden, berichtet Koch. Das größte Problem: Sein Verhalten bringe die ganze Organisation in Verruf. Zu Unrecht, findet Alexander Koch. „Das Bild, das Infantino und damit die Fifa nach außen abgeben, ist desaströs. Denn es spiegelt eins zu eins das Verhalten von Leuten wie US-Präsident Trump wider. Und da steht Macht, Geld und Gier in erster Reihe.“ In einem Bereich sei der 56-Jährige sogar noch ein Stück weiter und autokratischer als Trump. „Er gibt keine Pressekonferenzen oder Interviews, sondern kommuniziert nur über seine eigenen Kanäle. Die Medien- und Kommunikationsabteilung hat keinen Einfluss und wird nur beauftragt, irgendwas zu publizieren.“ Und so wird im Namen des ganzen Verbands gedroht und zurückgeschossen, wenn sich der Fifa-Präsident kritisiert fühlt. In der Fifa-Mitteilung von Mittwochabend heißt es daher, man dulde „keinerlei Angriffe auf ihre Integrität, ihre Grundsätze guter Unternehmensführung und die Einhaltung ordnungsgemäßer Verfahren.“ Man werde „alle erforderlichen Maßnahmen ergreifen, um ihren Namen und ihren Ruf zu schützen und zu wahren.“ War die Kritik des Generalsekretärs nur ein abgekartetes Spiel? Dabei gab es ja sogar Kritik aus den eigenen Reihen. Grafström hatte die Investorenpläne in einer internen Mail als „traurige und tadelnswerte Reihe von Ereignissen“ beschrieben. „Einzelpersonen, instabile Momente und unglückliche Vorfälle kommen und gehen“, hieß es weiter. Infantino und seine Gefolgschaft: Es ist nur noch absurd Dass er am Mittwochabend lachend und mit Daumen nach oben neben Infantino im Stadion beim Africa Cup der Frauen saß, war auf den ersten Blick verwunderlich. Schließlich wurde seine Mail als direkte Kritik an Infantino verstanden. Aber war sie das vielleicht gar nicht? Koch hält es zumindest für möglich, dass diese Mail ein Teil von Infantinos Plan war, der beiden nutzen sollte. In der Theorie klingt das so: Unter den Mitarbeitern steigt das Wohlwollen gegenüber Infantino, da sich der Generalsekretär schützend vor sie stellt und die Dinge auf der Führungsebene kritisch betrachtet. Infantino gesteht Fehler ein, beschwichtigt und man spricht sich bei der großen Versöhnung das Vertrauen aus. Die Fifa als große Familie, die zusammenhält. Der sonst unauffällige Generalsekretär wird außerdem zum ersten Mal als wichtige Persönlichkeit der Fifa wahrgenommen – nach außen und bei den Mitarbeitern. „Bis dahin hat man ihn nicht als starke Person, sondern als Marionette von Gianni Infantino gesehen. Durch die leichte Distanzierung steigt das Vertrauen der Mitarbeiter und wenn er Infantino aber trotzdem unterstützt, überzeugt das die Kollegen in der Administration eher, als wenn das ein ewiger Ja-Sager gemacht hätte“, mutmaßt Koch. Was laut dem langjährigen Fifa-Mitarbeiter aber gegen diese Theorie spricht: „Im Hinblick auf seine Kommunikation war Gianni Infantino bis jetzt sehr schlecht beraten.“ Infantino-Abgang? Ex-Fifa-Sprecher rudert bei eigener Wette zurück Aber das ist bisher auch nicht wirklich ins Gewicht gefallen und könnte auch bei der Wahl zum Fifa-Präsidenten im März 2027 gar nicht mehr relevant sein. Tritt der Schweizer nicht vorzeitig zurück, entscheiden am Ende die 211 Mitgliedsverbände und „ich kann mir vorstellen, dass die Medienberichterstattung außerhalb von Europa nicht so negativ ist und gar nicht so eine große Rolle spielt“, glaubt Koch. Denn der Ruf der Fifa war schon unter Infantinos Vorgänger Sepp Blatter schlecht. Aber solange das Geld floss, waren und sind beide sicher im Amt. Die Chancen, dass Infantino tatsächlich als Fifa-Präsident abgelöst wird, sieht Koch daher bei 50:50. Noch zu Wochenbeginn wettete er beim Netzwerk LinkedIn, dass Infantino in einem Jahr kein Fifa-Präsident mehr sei. Denn bisher fehlt das wichtigste Mittel: ein Gegenkandidat oder Kandidatin. In Medienberichten fallen immer wieder mal Namen verschiedener Persönlichkeiten aus dem Fußball, aber einen ersten Vorstoß hat noch niemand gewagt. Am 17. November endet die Bewerbungsfrist, vier Monate später wird gewählt. Für den Wahlkampf hat Koch schon jetzt einen konkreten Rat, was ein möglicher Herausforderer oder eine Herausforderin am besten sagen sollte. „Die Kommerzialisierung wird fortgeführt wie bisher. Fußball ist das begehrteste Produkt auf der Welt, die WM sensationell erfolgreich. Das Geld bleibt erhalten, aber wir halten zusätzlich die Integrität des Sports hoch und wollen das Geld nutzen, um einen positiven sozialen und ökologischen Einfluss auf der Welt zu hinterlassen.“ Fifa künftig mit einer Doppelspitze? Der langjährige Fifa-Mitarbeiter hat auch eine ganz konkrete Idee, wer diese Botschaft verbreiten soll. Die norwegische Verbandspräsidentin Lise Klaveness und der asiatische Verbandspräsident Scheich Salman aus Bahrain sollten die Fifa-Präsidentschaft als eine Doppelspitze ausführen. Klaveness wäre die progressive Lösung und könnte die europäischen Forderungen nach tiefgreifenden Veränderungen in der Fifa erfüllen. Salman scheiterte zwar bereits 2016 bei der Präsidentschaftswahl an Infantino, ist jedoch seit 2013 Mitglied im Fifa-Council. Er bringt genug Erfahrung im Verbandsapparat mit und vereint zahlreiche wichtige Nationalverbände aus dem asiatischen Raum hinter sich.