Transfertipps per WhatsApp, Echtzeit-Analysen während des Spiels. KI könnte den Profifußball grundlegend verändern. Der Kampf um den Markt ist längst entbrannt. Nur noch wenige Tage ist das Sommertransferfenster in der Bundesliga geöffnet. Auch in diesem Jahr dürfte es in den verbleibenden Tagen bis zum sogenannten „Deadline Day“ am 1. September (Dienstag) bei so manchem Klub nun immer hektischer werden. Schließlich gilt es, bis dahin die letzten Wechsel zu finalisieren und die Kaderplanung abzuschließen. Dass dabei bisweilen jedes Detail und jede Sekunde zählt, war auch in den vergangenen Jahren immer wieder zu beobachten. Das Münchner KI-Unternehmen Gamecode.Ai hat ein Tool entwickelt, das Trainern und Kaderplanern unter anderem genau in solchen Situationen helfen soll: den Gamecode.Ai-Bot. Die Firma wurde von zwei bekannten Gesichtern gegründet: Ex-Fußballer und TV-Experte Tobias Schweinsteiger sowie Ex-DFB-Akademieleiter Dr. Tobias Haupt. Vom No-Name zur WM: 18-Jähriger schreibt ein Fußballmärchen bei Bayern Er ist der heimliche Gewinner bei Bayern: Kimmichs Erbe wird befördert Den Gamecode.Ai-Bot beschreiben sie als „digitalen Performance- und Scouting-Assistenten“ im Profifußball, ein nützliches Werkzeug für die sportlich Verantwortlichen. Haupt sagt: „Statt sich durch komplexe Tabellen zu wühlen und hunderte Stunden Videos zu sichten, kommunizieren Sportdirektoren, Trainer, Scouts und Kaderplaner mit dem Bot wie mit einem Kollegen – direkt und unkompliziert via WhatsApp .“ Ist Saïd El Mala tatsächlich die mehr als 50 Millionen Euro Ablöse wert, die der 1. FC Köln zuletzt aufrief? Auf solche Fragen liefert das KI-Tool genau abgestimmt auf die Spielphilosophie der jeweiligen Mannschaften direkte Antworten – und untermauert diese Antworten mit entsprechenden Daten und passendem Videomaterial. Hier ist Saïd El Mala schon besser als Lennart Karl t-online hat den Bot bereits getestet – unter anderem mit der genannten Fragestellung. El Mala wurde dabei mit anderen Flügelspielern aus den europäischen Topligen verglichen, zum Beispiel bei der Erfolgsquote der Tiefenläufe, der Anzahl der Bälle, die er durch Dribblings in den gegnerischen Strafraum bringt sowie des individuellen Entscheidungsverhaltens auf dem Platz. In diesem Ranking, das der Brasilianer Vinícius Junior (Real Madrid) vor Lamine Yamal (FC Barcelona) und Yan Diomandé (ehemals RB Leipzig , inzwischen Real Madrid) anführt, tauchen erwartungsgemäß dicht dahinter auch Spieler wie Luis Díaz und Michael Olise (beide FC Bayern) sowie Kylian Mbappé (Real Madrid) an Toppositionen auf. Auch El Mala ist hier aber bereits unter den Top-15 in Europa zu finden – im Gegensatz zum Beispiel zu Bayerns Jungstar Lennart Karl . Dementsprechend gibt der Gamecode-Bot potenziellen Interessenten in Sachen El Mala auch eine klare Kaufempfehlung ab. Mehr noch: Geht es nach dem KI-Assistenten, führt auch für den neuen Bundestrainer Jürgen Klopp bei dessen bevorstehender erster Kadernominierung kein Weg an El Mala vorbei. Das begründet er detailliert mit Werten zu persönlichen Stärken und Schwächen im Kontext der jeweiligen Spielphilosophie und im Vergleich zu anderen deutschen Flügelspielern. Statistiken im Fußball erfassen nur ein Prozent des Spiels Möglich ist all das, weil der KI-Bot mit über einer Milliarde Datenpunkten verbunden ist, die er in Sekundenschnelle im Hintergrund abgleicht und auswertet. Schweinsteiger und Haupt verweisen im Gespräch mit t-online darauf, dass die aktuellen Standard-Statistiken im Fußball nur ein Bruchteil des Spiels erfassen würden – nämlich größtenteils nur die Aktionen direkt am Ball. Die restlichen Aktionen auf dem Platz ohne Ball und damit ein Großteil seien datentechnisch dagegen bislang weitestgehend unsichtbar geblieben. Gamecode könne diese auch mithilfe von Künstlicher Intelligenz nun aber erstmals vollautomatisch messbar machen. Und wertet zum Beispiel die Anzahl und die Qualität von sogenannten Tiefenläufen exakt aus. Erfasst werden auch Möglichkeiten zu weiteren Tiefenläufen, die aufgrund konkreter Spielsituationen möglich und wertvoll für das Spiel gewesen wären, aber gar nicht passiert sind. Die Datenbasis, auf die der Bot-Assistent zugreift, besteht unter anderem aus einer Kombination aus klassischen Spieldaten wie zum Beispiel Zweikampf- oder Passquoten sowie Positions- und Skelett-Tracking-Daten. Letzteres ist eine Technologie, die menschliche Körperteile und Gelenke in Echtzeit über Kameras oder Sensoren erkennt und als digitales Skelett darstellt. So wird das gesamte Geschehen auf dem Platz bis ins kleinste Detail erfasst – selbst ein Laufweg zum Torjubel oder zur Trainerbank. Fünf Topklubs aus Europa als geheime Partner Das ist neben den Spielen dank einer extra dafür entwickelten Software auch für jede Trainingseinheit möglich, die mit einem entsprechenden Kamerasystem gefilmt wird. Darauf ist Schweinsteiger, der den VfL Osnabrück vor einigen Jahren in die 2. Bundesliga geführt hat, besonders stolz und sagt: „Die Entwicklung einer Mannschaft und der einzelnen Spieler findet schließlich hauptsächlich genau dort statt.“ In der aktuellen Saison kooperiert Gamecode noch exklusiv mit jeweils einem absoluten Topklub aus der Bundesliga, der Premier League , der nordamerikanischen Major League Soccer (MLS), der spanischen LaLiga sowie der Schweizer Super League. Um welche Vereine es sich dabei genau handelt, ist bislang aber noch geheim. Genau wie die prominenten Partner sind die Gamecode-Macher aber schon jetzt vom Erfolg des Projekts überzeugt. Schweinsteiger sagt selbstbewusst: „Wir werden die Analyse des Fußballs durch KI revolutionieren.“ Eins ist dem 44-jährigen Bruder von Weltmeister Bastian Schweinsteiger aber wichtig, zu betonen: „Hinter der KI steckt bei uns auch sehr viel menschliche Intelligenz. Also die Basis für all das, was KI an Erkenntnissen ausspuckt, ist mit großem, jahrelangem Aufwand von menschlicher Hand gelegt worden.“ KI helfe dabei, Dinge, die auf dem Platz passieren, schneller in Daten und Algorithmen aufzuschlüsseln. KI statt Co-Trainer: Dafür verzichtete Terzić auf einen Assistenten „Die Analysten können dadurch wieder Analysten sein“, so Schweinsteiger. Momentan seien diese eher Video-Cutter, die die Spiele anschauen und dann eben Szenen zurechtschneiden und bearbeiten. „Sie benötigen dafür viel Zeit, die unsere Plattform ihnen sparen kann“, sagt er. Trainer und Co-Trainer könnten dadurch dann viel mehr in die Detailtiefe gehen und mithilfe des Tools individuell an und mit ihrem Spiel arbeiten. Und zwar in Echtzeit, wie Schweinsteiger betont. Die von der KI gefilterten Daten können nämlich auch bereits während des Spiels für das In-Game-Coaching oder etwa die Halbzeitanalyse in der Kabine genutzt werden. Dahinter stecken mehr als sechs Jahre Entwicklungsarbeit. Der Bot wurde in enger Zusammenarbeit mit Top-Trainern in der Praxis getestet und geschliffen. Unter anderem der ehemalige Chefcoach von Borussia Dortmund Edin Terzić war daran beteiligt. Er vertraut auch jetzt voll auf das Gamecode-Konzept und arbeitet täglich damit an seiner Spielidee. So überzeugte er auch die Verantwortlichen von Athletic Bilbao , wo er seit Sommer nun als Chefcoach beschäftigt ist. Terzić verzichtete nach t-online-Informationen sogar auf die Verpflichtung eines weiteren zusätzlichen Co-Trainers – und setzt stattdessen lieber auf den Einsatz des KI-Tools. Der Kampf um das „Gold unserer Zeit“ Die Klubs hätten teilweise versucht, sich ein ähnliches System selbst zu bauen, sagt Schweinsteiger, „und viele sind daran gescheitert“. Bei Red Bull wurde ein solches Projekt beispielsweise zuletzt eingestellt. „Wir arbeiten bereits seit Jahren daran und haben Algorithmen entwickelt, die funktionieren“, so Schweinsteiger. Haupt bezeichnet die sogar als „Gold unserer Zeit“. Dieses Gold wollen auch andere KI-Unternehmen im Fußballgeschäft schürfen – und drängen auch auf den deutschen Markt. Der 1. FC Nürnberg kooperiert seit Juni 2025 als erster deutscher Verein exklusiv mit dem britischen Daten-Scouting-Unternehmen Jamestown Analytics. Beim „Club“ kommen unter anderem auch KI-Kopfhörer zum Einsatz, die den Spielern die Worte von Chefcoach Miroslav Klose in Echtzeit in jede gewünschte Sprache übersetzen. Aufgrund der engen Partnerschaft mit dem Softwarekonzern SAP hat auch die TSG Hoffenheim schon seit Jahren Zugriff auf die neusten KI-Entwicklungen. Und nutzt diesen Wettbewerbsvorteil bislang vor allem mit datenbasierten Analysen beim Scouting von Talenten. Den Anspruch, einen Sportdirektor oder gar einen Trainer zu ersetzen, kann und will auch Gamecode mit seinem neuen KI-Bot freilich nicht erfüllen. Den, mit der Echtzeit-Auswertung von Daten eine verlässliche Entscheidungsgrundlage für Transfers oder Aufstellungen von Spielern zu liefern, dagegen schon. Einen persönlichen Eindruck vom Charakter eines Spielers etwa aus finalen Transfergesprächen und das menschliche Gespür eines Sportdirektors oder Cheftrainers insgesamt kann KI niemals ersetzen. Sie kann es ihnen aber ermöglichen, sich zukünftig genau auf solche Dinge viel besser konzentrieren zu können. Die KI-Revolution im Fußball hat längst begonnen.