Geht es nach dem Ex-DFB-Präsidenten Reinhard Grindel, wird Gianni Infantino nicht noch einmal zur Wahl als Fifa-Präsident antreten. Er fordert das wichtigste Fifa-Gremium zum Handeln auf und weitere personelle Konsequenzen. Nach einer Krisensitzung in Marokkos Hauptstadt Rabat bleibt Fifa-Präsident Gianni Infantino im Amt. In einer öffentlichen Erklärung verschwendete er keinerlei Gedanken an einen Rücktritt, sondern ging zum Gegenangriff über. Für Ex-DFB-Präsident Reinhard Grindel ist das „alles albern“, wie er im Interview mit t-online erklärt. Überraschend kommt das für den 64-Jährigen aber nicht. Infantino und seine Gefolgschaft: Es ist nur noch absurd – ein Kommentar „Er muss weg“: Fußball-Legende geht auf Infantino los Herr Grindel, Gianni Infantinos engste Mitarbeiter haben dem unter Druck stehenden Fifa-Präsidenten volle Rückendeckung gegeben. Muss er jetzt nicht mehr um seinen Job fürchten? Reinhard Grindel : Das ist alles albern. Es war wieder ein typischer Schachzug von Infantino. Er bauscht eine Mitarbeitersitzung zur Krisensitzung auf, die völlig ohne sportpolitische Bedeutung ist. Jetzt tut er so, als habe er den Rückhalt in der Fifa, weil ein paar von ihm handverlesene Leute doch keine Revolution machen. Entscheidend ist aber der Fifa-Council. Und für den hat er keine Krisensitzung einberufen. Die wäre aber wichtig, um zu erfahren, wie es dort mit dem Rückhalt aussieht. Denn darauf kommt es an. Auch Generalsekretär Matthias Grafström hat Infantino seine Unterstützung ausgesprochen. Noch einige Tage zuvor hatte er dessen Pläne, 20 bis 30 Prozent der Fußball-WM an Investoren zu verkaufen, als eine „Reihe trauriger und tadelnswerter Ereignisse“ bezeichnet und will von ihnen nichts gewusst haben. Ich war ohnehin überrascht, dass Herr Grafström sich derart kritisch geäußert hatte. Der Generalsekretär ist in all den Jahren nicht nur ein enger, sondern treuer Weggefährte Gianni Infantinos gewesen. Herr Grafström hat in seiner Zeit als Infantinos Büroleiter immer kleine Vermerke für ihn angefertigt, wenn ich mich mit anderen Council-Mitgliedern oder Kontinentalverbandspräsidenten getroffen habe. Er hat sich stets sehr fürsorglich um Herrn Infantino gekümmert. Es gab sogar Gerüchte, dass er ihn als Fifa-Präsident ablösen will. Eine Kandidatur von Grafström halte ich für ausgeschlossen. Nicht nur weil er heute Nacht in Rabat ersichtlich beigedreht ist, sondern weil das alter Wein in neuen Schläuchen wäre. Sie haben keine gute Meinung von Matthias Grafström? Bei Herrn Grafström erwarte ich nicht, dass er irgendetwas tut, was den ethischen Regeln des Fußballs entspricht. Gilt das auch für Kevin Lamour? Der Fifa-Betriebsdirektor hatte Infantino als Erster vorgeworfen, die Mitarbeiter hintergangen zu haben. Kevin Lamour hat früher an der Seite von Uefa-Präsident Aleksander Čeferin gearbeitet und sich dann auf die Seite von Gianni Infantino geschlagen. Dass er Kritik übt, ist wahrscheinlich eher von der Hoffnung geprägt, in der Fifa überleben zu können, wenn Infantino nicht mehr Präsident ist. Was unterscheidet Lamour von Grafström? Von Kevin Lamour habe ich in der gemeinsamen Zeit bei der Uefa den Eindruck gewonnen, dass es ihm um eine gute und ethikbasierte Entwicklung des Fußballs geht. Daher hoffe ich, dass er dazu beiträgt, dass die Fifa sich wieder mehr an den eigenen Statuten orientiert. Bröckelt also die Macht des Gianni Infantino? Es ist zweifelsohne so, dass ein angeschlagener Infantino den ein oder anderen mutig macht, der vielleicht auch schon über die Tage von Infantino hinausdenkt. Für einen Sturz Infantinos gibt es nur zwei Optionen: Entweder wird er beim Fifa-Kongress im März 2027 abgewählt oder 19 der 37 Mitglieder des Fifa-Councils berufen schon früher eine Krisensitzung ein und fordern ihn zum Rücktritt auf. Der Fifa-Council ist das Gremium, in dem jetzt Entscheidungen getroffen werden müssen. Die Statuten der Fifa müssen wieder gelten. Dort muss alles rund um die beabsichtigte Gründung der Tochtergesellschaft und mögliche wirtschaftliche Verabredungen aufgearbeitet werden. Außerdem muss deutlich werden, dass das Vertrauensverhältnis zwischen Infantino und den großen Kontinentalverbänden derart gelitten hat, dass man sich nicht vorstellen kann, wie eine Zusammenarbeit in Zukunft aussehen soll. Was macht Sie optimistisch, dass das gelingen kann? Ich weiß, dass Aleksander Čeferin im Council ein hohes Ansehen genießt. Auch andere Kontinentalpräsidenten wie Victor Montagliani vom nord-, zentralamerikanischen und karibischen Fußballverband (Concacaf) und Scheich Salman vom asiatischen haben eine kritische Distanz zu Infantino. Sie müssen jetzt einen Weg vorgeben, dass in der Fifa wieder die Rechtsstaatlichkeit gilt und nicht die Gesetze des Gianni Infantino. Wird Infantino nach dem Fifa-Kongress am 18. März 2027 also noch Präsident sein? Die entscheidende Frage ist, ob ein in mindestens drei Kontinentalverbänden überzeugender Kandidat gegen ihn antritt. Man braucht eine personelle Alternative, die vor allen Dingen den nationalen Verbänden die Furcht davor nehmen muss, dass sie die finanzielle Unterstützung seitens der Fifa verlieren. Also geht es doch wieder ums Geld. Ja, daran muss man denken. Für 75 Prozent der Mitgliedsverbände der Fifa sind die Geldleistungen aus Zürich der ganz entscheidende Bestandteil ihrer Haushalte. Sie haben keine Fernsehgelder, generieren wenige Einnahmen durch Sponsoren und haben kein Ticketing wie die großen europäischen Fußballnationen. Ihnen müssen zwei Dinge klargemacht werden: Dass sie nichts verlieren werden. Und dass die Fifa nur dann stabil und auch in der Wirtschaftswelt bei Sponsoren anerkannt bleibt, wenn es einen personellen Wechsel gibt. Was ist, wenn kein geeigneter Gegenkandidat gefunden wird? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gianni Infantino ohne Gegenkandidaten bleibt. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass er überhaupt bei der nächsten Wahl antritt. Insofern möchte ich nicht darüber spekulieren, was nach dem März 2027 sein wird. Was in den letzten Wochen und Monaten für alle erkennbar war, verheißt keine gute Zukunft für die Fifa. Dabei geht es aber nicht nur um die Frage des neuen Präsidenten. Wie meinen Sie das? Um für eine Machtbegrenzung in der Fifa zu sorgen, braucht es auch einen neuen Generalsekretär. Die Kontinentalverbände sollten daran arbeiten, dass durch ein neues Führungsduo mehrere Kontinente vertreten werden und beide das feste Ziel haben, die Fifa in eine bessere Zukunft zu führen. Damit würde der Reformprozess im Verband dann auf mehrere Schultern verteilt. Wie stehen Sie zum Vorschlag, die Amtszeit auf einmalig vier Jahre zu begrenzen oder jährlich zu wechseln? Das würde ich nicht für richtig halten. Bei einer so großen Organisation wie der Fifa mit 211 Mitgliedsverbänden braucht es eine gewisse Einarbeitungszeit. Sie sehen bei Aleksander Čeferin und seinem erfolgreichen Kampf gegen die Super League, dass viel Erfahrung und eine langjährig gewachsene Zahl von Vertrauten im europäischen Fußball einem die Stärke geben, einen wertebasierten Sport auch durchsetzen zu können. Gleichzeitig muss der Fifa-Council aber auch bereit sein, die Macht des Präsidenten einzugrenzen, und die Entscheidungen müssen gemeinsam getroffen werden. Der Fifa-Council hätte auch bei der Vergabe des Fifa-Friedenspreises an US-Präsident Donald Trump einschreiten können. Das stimmt. Spätestens nach der skandalösen Entscheidung hätte der Council das Selbstbewusstsein entwickeln müssen, dass Herr Infantino nicht immer aus eigener Machtvollkommenheit handeln darf. Man hätte Infantino schon viel früher in die Schranken weisen und auf die Gültigkeit der Fifa-Statuten hinweisen müssen. In meiner Zeit haben wir über alle sportpolitischen und verbandsrelevanten Fragen auch kontrovers diskutiert. Warum ist das jetzt nicht mehr der Fall? Es wurde viel geschwiegen und erst als es ums Geld ging, haben einige ihre Stimme erhoben. Es wäre besser gewesen, Herrn Infantino schon früher bei sportpolitischen Entscheidungen zu widersprechen. Immerhin ist das nun bei der Gründung der Tochtergesellschaft geschehen. Woher kommt das mangelnde Selbstbewusstsein des Councils? Infantino ist sehr geschickt darin, Abhängigkeiten zu schaffen. Er hat einzelnen Mitgliedern des Councils besondere Unterstützung zukommen lassen, sodass diese bereit waren, bestimmte Entwicklungen in der Vergangenheit mitzumachen, die mit den Fifa-Statuten nicht in Einklang standen. Aber Infantino hat unterschätzt, dass in dem Moment, da es um Rechte der einzelnen Kontinentalverbände und nicht zuletzt ums Geld geht, mit Widerspruch gerechnet werden muss. Auch Ihr Nachfolger als DFB-Präsident, Bernd Neuendorf, ist Teil des Councils. Muss der DFB in der Causa Infantino noch lauter werden? Ich will meinen Nachfolger nicht bewerten. Ich will auch nicht bewerten, welchen Mut plötzlich Andreas Rettig entwickelt, nachdem klar ist, dass er als Geschäftsführer beim DFB aufhört. Rettig sprach im Interview mit dem „Stern“ von einem „irreparablen Vertrauensverlust“ und hält Infantino für nicht mehr tragbar. Genau. Aber darum geht es mir nicht. Worum dann? Ich möchte lediglich darauf hinweisen, dass unmittelbar nach meinem Rücktritt im April 2019 die DFB-Vizepräsidenten Rainer Koch und Reinhard Rauball Gianni Infantino zum DFB-Pokalfinale eingeladen haben, um wörtlich „das Porzellan zu kitten“, das ich zerschlagen hätte. Ich kann nur sagen, ich war immer stolz darauf, dass ich ein kritisches Verhältnis zu Infantino hatte. Und ich kann keinen Grund erkennen, weshalb Herr Neuendorf das nicht auch haben sollte.