Zunahme an Fällen häuslicher Gewalt während Fußball-WM

Während der Fußball-Weltmeisterschaft häufen sich die Fälle von häuslicher Gewalt. Die Dunkelziffer ist enorm, die Gründe für die Zunahme an Vorfällen sind vielschichtig. Kaum etwas löst in den Menschen eine derart breite Palette an Emotionen aus wie der Fußball. Ekstase, Trauer, Gemeinschaftsgefühl, Angst, Hoffnung, Verzweiflung – oftmals wechselt sich all das innerhalb von nur 90 Minuten ab. Für die meisten Fans überwiegt das Positive. Fußball als schönste Nebensache der Welt ist global betrachtet der beliebteste Sport. Und doch hat er auch seine Schattenseite. Ein Teil davon zeigt sich in einer statistischen Erhebung aus England. „Die Polizeibehörden haben 384 Fälle von häuslicher Gewalt im Zusammenhang mit der diesjährigen Fußball-Weltmeisterschaft registriert“, teilte das National Police Chiefs‘ Council nach der WM in den USA, Kanada und Mexiko mit. Seit Beginn der Datenerfassung ist das der Höchstwert bei einem Herrenturnier. Dass es nach Fußballspielen vermehrt zu Fällen häuslicher Gewalt, primär gegen Frauen, kommt, ist keine neue Erkenntnis. Eine Studie aus dem Großraum Manchester, für die acht Jahre lang Daten gesammelt wurden, zeigte schon Anfang 2024 eine solche Zunahme. Beim Fußball kommen mehrere gefährliche Faktoren zusammen Nua Ursprung von der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen erklärt auf Anfrage von t-online die Hintergründe. „Das Problem ist nicht konkret der Fußball, aber der Fußball ist eine Kombination aus verschiedenen Risiken, die häufig Auslöser für Gewalt sind“, sagt sie und zählt mehrere Faktoren auf: „Starke Emotionen, eine ausnahmsweise gesellschaftlich tolerierte aggressivere Grundstimmung unter den Fans und hoher Alkoholkonsum.“ Dass die Polizei während der Fußball-Weltmeisterschaft einen Anstieg an Fällen häuslicher Gewalt verzeichnet, „liegt also höchstwahrscheinlich nicht daran, dass auf einmal Männer gewalttätig werden, die es sonst nie tun, sondern dass alle gleichzeitig die gleichen Auslöser erleben“. Das gilt für Fußballfans in England gleichermaßen wie für Fußballfans in Deutschland oder auch anderswo. Hierzulande ist die Datengrundlage aber deutlich weniger präzise als in Großbritannien. Die Gründe dafür sind vielfältig. So gibt das Bundeskriminalamt im laufenden Jahr gar keine Statistiken heraus, im Zuge der großen jährlichen Bilanz erfolgt zudem keine Kategorisierung im Kontext des Fußballs. In Berlin gibt es einen deutlichen Anstieg der Fälle Ähnlich sieht es in den meisten Bundesländern aus. Anders als in England gibt es keine explizite statistische Erhebung zu häuslicher Gewalt im Zusammenhang mit Fußballspielen. „Eine Recherche im polizeilichen Vorgangssystem würde einen hohen Aufwand verursachen und keine tatsächlich validen Fallzahlen ermöglichen, da der Begriff ‚Weltmeisterschaft‘ nicht katalogbasiert erfasst wird“, teilt das Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt auf Anfrage mit. Vereinzelt geben die Bundesländer dennoch Zahlen heraus. Während in Thüringen im Zeitraum der WM „keine ungewöhnlichen Schwankungen oder Fallsteigerungen“ im Vergleich zum Vorjahr oder zu den Vormonaten festgestellt werden konnten, ist in Berlin ein klarer Anstieg zu erkennen. Als die deutsche Nationalmannschaft noch im Turnier vertreten war, registrierte die Polizei 12,71 Prozent mehr Fälle häuslicher Gewalt als im selben Zeitraum des Vorjahres. Zwar nehmen die registrierten Vorfälle seit Jahren zu, prozentual aber nicht in einem derart großen Maße. Jamal Musiala ist erkrankt: Ein Bayern-Transfer erscheint jetzt in anderem Licht Nach nur sechs Spielen: Ex-Bayern-Keeper Nübel schreibt Geschichte Einen kausalen Zusammenhang mit der Weltmeisterschaft oder gar mit dem Auftreten der DFB-Elf herzustellen, ist trotz der Zahlen schwierig. Die Hitze im Sommerwetter wird als weiterer möglicher Auslöser genannt, zudem weist die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS), aus der die Fallzahlen bezogen werden, bei händischen Recherchen eine erhebliche Schwäche auf: Es werden nur abgeschlossene Fälle, nicht aber offene Verfahren eingetragen. Der Abschluss eines Falls kann durchaus mehrere Monate in Anspruch nehmen. Und ein Fall wird letztlich in dem Monat gezählt, in dem er erfasst wird – nicht zur ursprünglichen Tatzeit. Die Polizei Hamburg verweist zudem darauf, dass „der PKS-Datenbestand einer ständigen Pflege, zum Beispiel durch Hinzufügen von nachträglich ermittelten Tatverdächtigen oder Herausnahme von Taten, die sich im Nachhinein nicht als Straftat erwiesen haben“, unterliege. Die Datenbank ist demnach nicht auf unterjährige Betrachtungen ausgelegt, sondern auf große Jahresbilanzen. Hilfetelefon meldet nicht mehr Fälle – doch das verwundert nicht Eine Annäherung an die tatsächliche Entwicklung in Deutschland auf Grundlage der polizeilichen Daten ist also schwierig. Die Polizei ist für Opfer häuslicher Gewalt allerdings nicht die einzige Anlaufstelle. So gibt es mit dem Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ bundesweit die Möglichkeit, sich Unterstützung zu suchen. „Während der Fußball-Weltmeisterschaft war – wie bei Fußball-Weltmeisterschaften oder Europameisterschaften aus den Vorjahren – beim Hilfetelefon kein erhöhtes Beratungsaufkommen zu verzeichnen“, teilt die Sprecherin vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben auf Anfrage mit. „Das ist aber nicht weiter verwunderlich“, ordnet Ursprung stellvertretend für die unterschiedlichen Hilfsangebote ein, „weil die meisten Betroffenen sich bei uns erst später oder bereits im Voraus melden: Wenn sie in Ruhe telefonieren können, Zeit haben, sich beraten zu lassen, und nicht befürchten müssen, dass der Täter im nächsten Moment durch die Tür kommt“. Fußball sei in solchen Gesprächen ohnehin nur selten ein Thema. „Betroffene, die während der WM Gewalt erleben, tun dies selten zum ersten Mal. In der Regel haben sie schon eine längere Gewaltgeschichte hinter sich“, berichtet Ursprung. Kommt es in der Folge zu einem Telefonat, ist eher das große Ganze das Gesprächsthema. Wichtig ist in dem Zusammenhang auch die Dunkelziffer. Eine Studie, die vom Bundesfamilienministerium, dem Bundesinnenministerium und dem Bundeskriminalamt beauftragt wurde, lieferte im Frühjahr die Erkenntnis: Nur ein Bruchteil der Fälle von Gewalt innerhalb einer Beziehung wird angezeigt, meist weniger als fünf Prozent. Dies dürfte unabhängig davon sein, ob sich ein solcher Vorfall nach einem Fußballspiel oder an einem Tag ohne ein spezielles Event abspielt. Fakt ist unterdessen, dass der Fußball per se nicht zwangsläufig gewaltfördernd ist. Er vermischt jedoch oftmals eine Reihe von Zutaten zu einem gefährlichen Cocktail. Ob sich dieser entzündet, liegt in letzter Instanz aber immer noch bei den Menschen, meist Männern, selbst. „Emotionen und Alkohol sind Auslöser für gewalttätiges Handeln, aber nicht der Grund“, betont Ursprung. „Bei häuslicher Gewalt geht es um Kontrolle und Macht.“