Francis Ngannou: Vom Kinderarbeiter zum MMA- und Box-Millionär

Schon als Kind musste Francis Ngannou hart arbeiten, um in bitterer Armut zu überleben. Trotz seines Aufstiegs zum Kampfsport-Star ist sein Kampf aber noch nicht beendet. Selbst Sport-Superstars wie Cristiano Ronaldo schauten gebannt zu und konnten kaum glauben, was sie da gerade sahen: Als Box-Weltmeister Tyson Fury am 28. Oktober 2023 im saudi-arabischen Riad gegen Außenseiter Francis Ngannou antrat, lag die Sensation in der Luft. Der Kampf des bis dahin ungeschlagenen Fury gegen den eigentlichen MMA-Kämpfer und Box-Novizen Ngannou war eigentlich als Gimmick verschrien worden, dem Kameruner wurden kaum reelle Chancen eingeräumt. Doch in der dritten Runde die dicke Überraschung: Mit einem linken Haken schickte Ngannou Fury zu Boden und versetzte sowohl den Weltmeister als auch das Publikum in Staunen. Der tiefe Fall eines Sportstars: Vom „König“ zum Verurteilten Er ist das, was Donald Trump gerne wäre: Der Schattenmann des US-Präsidenten Es war der Höhepunkt einer äußerst ungewöhnlichen Karriere – und eines noch ungewöhnlicheren Lebens, in dem Ngannou vom Kinderarbeiter zum Millionär aufstieg – und in dem er weiter gegen harte Schicksalsschläge kämpfen muss. Ngannou wurde in Batié in Kamerun geboren. Seine Eltern ließen sich scheiden, als er sechs Jahre alt war und gaben Ngannou in die Obhut seiner Tante. Dort wuchs er in bitterer Armut auf, konnte sich teils nicht mal ein Heft für die Schule leisten. Mit gerade einmal neun Jahren begann Ngannou deshalb, in einer Sandmine zu arbeiten. „Wenn man in der Sandmine arbeitete, bekam man wenigstens etwas Essen“, erinnerte sich Ngannou im Podcast „High Performance“. „Um Bezahlung ging es erst später.“ „War ich dazu verurteilt, einfach nur zu überleben?“ Vor allem an Wochenenden und in den Ferien, wenn die meisten anderen Kinder im Urlaub waren, arbeitete Ngannou, um Geld für das Nötigste zu verdienen. „Dort zu arbeiten ist nichts, was du mit neun Jahren machen willst, weil du stark sein musst, um den ganzen Tag im Sand zu graben“, sagte er über den Job. „Außerdem ist es gefährlich, weil die Mine manchmal zusammenbricht und Menschen sterben.“ Doch Ngannou hatte keine Wahl, ging selbst in der Regenzeit zur Arbeit, wenn viele Erwachsene zu Hause blieben. „Wenn du nach Hause gekommen bist, hast du gezittert, weil du die ganze Zeit im Regen gestanden hast. Bei der Arbeit musstest du aktiv bleiben, weil du gefroren hast, sobald du aufgehört hast, dich zu bewegen. Der Arbeitgeber hat das geliebt, weil du mehr gearbeitet hast als normal.“ Während seiner gesamten Schulzeit arbeitete Ngannou in der Sandmine. Er träumte stets von einem besseren Leben. „War ich dazu verurteilt, einfach nur zu überleben, oder würde ich irgendwann nochmal die Faszination des Lebens spüren?“, habe er sich damals gefragt. Als Ausweg aus seiner Situation suchte sich Ngannou das Boxen aus. Erst mit 22 Jahren begann er zu trainieren, doch schon früh zeichnete sich für ihn ab: Eine Profi-Karriere würde wohl nicht in Kamerun gelingen. Mit 26 Jahren entschloss er sich deshalb zur Flucht und machte sich auf den langen Weg nach Europa: Über Nigeria, Niger, Algerien und Tunesien sollte in Spanien der Eintritt in die EU gelingen. „Manchmal sieht man Skelette von Menschen herumliegen“ Doch der Weg dorthin war gefährlich: So musste Ngannou unter anderem die Sahara-Wüste durchqueren. „Wir saßen mit 25 Leuten hinten auf einem Pickup-Truck mit all unseren Habseligkeiten. Der Truck fährt Vollgas und springt durch die Gegend“, erinnerte sich Ngannou im Podcast von Ex-UFC-Champion Daniel Cormier an die Wüstendurchquerung. „Manchmal sieht man Skelette von Menschen herumliegen. Dann sagst du dir: Verdammt, ich halte mich besser gut fest“, so Ngannou weiter. „Die Fahrer halten nicht an, wenn du herunterfällst. Sie haben ihr Geld schon bekommen. Es ist ihnen egal. Du hältst dich besser fest.“ Ngannou überlebte die Fahrt, versuchte danach ein Jahr lang von Marokko aus nach Spanien zu gelangen – und wurde, als dies endlich gelang, wegen der illegalen Einreise inhaftiert. Zwei Monate musste Ngannou hinter Gittern verbringen. Er wollte nach England Doch auch als er wieder freikam, war seine Reise noch nicht zu Ende. Da er eine Karriere im Boxen anstrebte, wollte der damals 25-Jährige eigentlich weiter nach England reisen, wo er die besten Voraussetzungen vermutete. Doch es gab ein Problem: „Ich wollte eigentlich nach England, aber England war nicht Teil des Schengen-Raums“, erinnerte sich Ngannou im Cormier-Podcast. „Also selbst, wenn du nach Europa gekommen bist, wäre es eine weitere Mission gewesen, nach England zu kommen.“ Ngannou änderte seinen Plan: „Also habe ich mit der Zeit gesagt: Wenn ich nach Europa komme, finde ich einfach einen Ort in Europa, an dem ich bleiben kann.“ Dieser Ort habe eigentlich Deutschland sein sollen, denn zu dieser Zeit dominierten die Brüder Wladimir und Vitali Klitschko das Schwergewichtsboxen, der Sport sei im Land populär gewesen. „Dann bin ich aber in einer Gruppe von Leuten gelandet, die in Spanien aus dem Gefängnis freigelassen wurden, und viele von ihnen wollten nach Frankreich. Also dachte ich, schaue ich da auch mal vorbei und sehe das berühmte Frankreich, bevor ich weiterreise“, so Ngannou. Einmal in Paris angekommen, habe er sich schnell zurechtgefunden. „Eins führte zum anderen und dann bin ich da geblieben.“ Doch von einer erfolgreichen Kampfsportkarriere war Ngannou auch in Paris noch weit entfernt. Er hatte kein Geld und war obdachlos, verbrachte seine Nächte teils in Parkgaragen. Dennoch suchte er nach Trainingsmöglichkeiten – und hatte dabei großes Glück. Denn das Gym, das er wählte, war nicht nur auf Boxen, sondern auch auf andere Kampfsportarten ausgelegt. Vor allem fand er dort aber einen Trainer vor, der ihn auch dabei unterstützte, in der Stadt Fuß zu fassen. „Er hat mir finanziell geholfen. Meine ersten Schuhe in Paris habe ich von ihm bekommen, er hat mir ein neues Handy gegeben, er hat mir für zwei Monate eine Wohnung gegeben“, sagte Ngannou im „High Performance“-Podcast. „Ich hatte keine Ahnung, was MMA war“ Jener Trainer war es auch, der Ngannou zum MMA brachte. „Als ich nach Frankreich kam, hatte ich keine Ahnung, was MMA war“, so Ngannou. „Nach ein paar Wochen Training sagte er: ‚MMA wird besser für dich sein'“, erinnerte sich der Kameruner. Es brauchte etwas Überzeugungskraft, um Ngannou tatsächlich von der neuen Sportart zu begeistern. Der war zu diesem Zeitpunkt schon Mitte 20 und skeptisch, ob er noch genug Zeit habe, zusätzliche Kampfsportarten zu erlernen. Doch letztlich ließ er sich darauf ein. Was folgte, war ein steiler Aufstieg. Nur sechs Profikämpfe brauchte Ngannou, um sich einen ersehnten UFC-Vertrag zu erkämpfen. Auch in der berühmtesten aller MMA-Organisationen angekommen, siegte er einfach weiter. Jeden seiner ersten sechs UFC-Kämpfe gewann Ngannou – allesamt vorzeitig. Dabei beeindruckte er vor allem mit einer enormen Schlaghärte. Vier seiner Siege endeten in der ersten Runde nach nicht einmal zwei Minuten, die anderen beiden Siege errang er in der zweiten Runde. Der erste Rückschlag Im Januar 2018, nach nur etwas mehr als zwei Jahren in der UFC und knapp fünf Jahren als MMA-Kämpfer, durfte Ngannou gegen den erfahrenen Star Stipe Miocic um den Titel im Schwergewicht kämpfen – doch er verlor. Nur sechs Monate später ließ er in einem äußerst ereignislosen Kampf gegen den ebenfalls erfahreneren Derrick Lewis eine weitere Niederlage folgen. Nach eigenen Aussagen spielte UFC-Präsident Dana White in der Folge sogar mit dem Gedanken, Ngannou zu entlassen. Doch der Kameruner durfte bleiben und fing sich wieder. Vier beeindruckende K.o.-Siege reihte Ngannou aneinander, drei davon gewann er in unter einer Minute. Es folgte eine zweite Titelchance gegen Miocic – und dieses Mal schlug er auch den US-Amerikaner in der zweiten Runde K.o. Seinen Thron als Schwergewichtschampion gab Ngannou aber schnell wieder her. Er hatte sich mittlerweile einen Namen in der Kampfsportszene gemacht. Weil er sich nach nur einer Titelverteidigung mit der UFC nicht über einen neuen Vertrag einigen konnte, wurde ihm der Titel aberkannt und Ngannou wandte sich anderen Herausforderungen zu. Sein Weg führte ihn doch nochmal zurück zum Boxen – und zum Duell mit Tyson Fury. Der Showkampf zwischen dem ungeschlagenen Boxweltmeister und dem zwar schlagkräftigen, aber nicht auf das Boxen spezialisierten Ngannou wurde von vielen Experten als genau das belächelt: reine Show. Doch mit seinem wuchtigen Treffer in der dritten Runde bewies Ngannou, dass er eine ernstzunehmende Gefahr für den Favoriten sein kann. Am Ende zwang der Box-Novize den Champion über die volle Distanz von zehn Runden. Dass die Ringrichter den Kampf am Ende knapp für Fury werteten, wurde kontrovers diskutiert. Doch Ngannou sah sich trotzdem als Gewinner: „Es war mein ursprünglicher Traum: das Boxen. Auf diesem Niveau zu kämpfen“, sagte er im Podcast mit Cormier. „Es war das Größte, was ich je erlebt habe. Es war wie in einem Film.“ Vom bitterarmen Kinderarbeiter in der Sandmine und Obdachlosen auf den Straßen von Paris hatte er sich innerhalb weniger Jahre zum Millionär hochgekämpft. Seine beeindruckende Leistung brachte ihm darüber hinaus gleich noch einen weiteren lukrativen Boxkampf gegen Ex-Champion Anthony Joshua ein, im aktuellen Schwergewichtsboxen eine ähnlich große Nummer wie Fury. Doch damit war sein Höhenflug erst einmal beendet: Den Kampf gegen Joshua im März 2024 verlor Ngannou durch einen krachenden K.o. in der zweiten Runde, der ihn mehrere Minuten lang reglos am Boden liegen ließ. Der Schicksalsschlag Doch der wesentlich härtere Schlag folgte einen Monat später: Im Alter von nur 15 Monaten starb Ngannous Sohn Kobe an einem unentdeckten Hirnfehler. „Warum ist das Leben so unfair und gnadenlos?“, schrieb Ngannou in einem emotionalen Instagram-Beitrag. Damals erwog Ngannou ein Karriereende. „Ich wollte nicht mehr kämpfen“, erinnerte er sich rund zwei Jahre später. „Ich konnte keinen Grund mehr dafür finden, den Sinn nicht mehr sehen. Warum sollte ich kämpfen, wenn ich nicht mal für meinen Sohn kämpfen kann?“ Doch am Ende entschied er sich für eine Fortsetzung seiner Karriere: „Ich habe mich gefühlt, als würde ich die Verantwortung für das Ende meiner Karriere auf ihm (seinem Sohn, Anm. d. Red.) abladen“, erklärte Ngannou seine Beweggründe. „Diese Verantwortung hatte er nicht verdient. Das wollte ich ihm nicht aufbürden. Ich musste für ihn weitermachen.“ Seither kehrte Ngannou in seine Sportart MMA zurück, bestritt 2024 und 2026 zwei Kämpfe und gewann zweimal durch K.o. in der ersten Runde. Wie es sportlich für ihn weitergeht, ist dennoch offen. Doch sein Vermächtnis möchte er ohnehin nicht an seinen sportlichen Errungenschaften festmachen: „Es ging für mich nie um meinen Ruf als Kämpfer. Da missverstehen mich die Menschen manchmal. Ich sehe mich nicht als professionellen Kämpfer“, sagte er. „Ich sehe mich mehr als einen Kämpfer im Leben. Als jemanden, der Hindernisse überwindet und weitermacht, was auch immer passiert.“