US Open: Alexander Zverev gewinnt – und ist noch lange nicht fertig

Die Kritik an Alexander Zverevs Sieg von New York kann ihm egal sein. Er hat ein historisches Tennisjahr gespielt – und gezeigt: Er kann es bis an die Spitze schaffen. Als wollte er ein allerletztes Mal bei diesen US Open zeigen, wie ernsthaft er dieses ganze Turnier angegangen ist: Im Moment seines größten Triumphs in New York wollte Alexander Zverev einfach weiterspielen – erst beim zweiten Blick auf die Anzeigetafel realisierte der deutsche Weltranglistenzweite, dass er das letzte Grand-Slam-Turnier des Jahres gerade gewonnen hatte. Und riss dann ungläubig strahlend die Arme zum Jubel hoch. Historischer Triumph: Alexander Zverev gewinnt die US Open Kuriose Szene: Zverev bemerkt eigenen Sieg nicht Bewegender Moment nach Finalsieg: Zverev-Vater kämpft mit Tränen Mit diesem seinem zweiten Grand-Slam-Sieg 2026 hat Zverev ein aus deutscher Sicht historisches Tennisjahr abgeschlossen: Bei gleich zwei Major-Turnieren innerhalb eines Kalenderjahres zu reüssieren, das war bei den deutschen Herren bis dahin einzig Boris Becker gelungen, der 1989 sowohl Wimbledon als auch die US Open gewann. Zverevs Erfolg in New York – und zuvor sein erlösender Premierenerfolg im Juni bei den French Open – toppen Beckers Glanzjahr nochmal. Der Erfolg von Paris setzte neue Kräfte frei Zverev nämlich vollbrachte dazu das Kunststück, in allen vier Grand Slams dieses Jahres mindestens das Halbfinale zu erreichen. Das schaffte im Herrentennis zuvor nur ein elitärer Kreis aus seinem aktuellen Rivalen Jannik Sinner und den vier Legenden Novak Djokovic , Andy Murray, Rafael Nadal und Roger Federer . Nun gehört auch der Hamburger in diesen illustren Kreis. 2026 ist damit das Tennis-Jahr des 1,98-Meter-Manns. In den vergangenen Monaten hat sich der Eindruck nicht nur verstärkt, sondern bestätigt: Das ist der beste Alexander Zverev, den es je gab. Spielerisch und taktisch stärker, variabler, auch reifer. Mental fokussierter, gefasster und stabiler. Schon der Erfolg von Paris setzte dazu neue Kräfte frei: Die eines Spielers, der sich vom Jäger zum Gejagten entwickelt hat. Alexander Zverev muss niemandem mehr etwas erklären. Dafür kann Zverev nichts Dass er auf seinem Weg ins Finale von New York keinen einzigen Spieler aus den Top-Ten der Weltrangliste besiegen musste und einen vermeintlich „leichten“ Weg ins Endspiel hatte? Diese Vorwürfe sind absurd. Im Gegenteil sogar: Sie können und müssen ihm egal sein. Die Auslosung durch die Turnierleitung kann ihm schließlich kaum zum Vorwurf gemacht werden, ebensowenig die Tatsache, dass er nach den French Open nun auch seinen zweiten Triumph in Quasi-Abwesenheit von Sinner und Carlos Alcaraz feiern konnte. Beide sind die aktuell einzigen Akteure, die ihm mindestens ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen sind. Der Weltranglistenerste Sinner fehlte wegen einer Knieverletzung, Alcaraz startete nach über vier Monaten Pause wegen einer Handgelenksblessur ohne Matchpraxis in New York, scheiterte im Viertelfinale am späteren Finalisten Ben Shelton. Was der 29-Jährige in diesen zwei Wochen in Flushing Meadows, Queens abgeliefert hat, war nämlich trotzdem ein Meisterstück. Runde für Runde ist Zverev bei sich geblieben, hat gegen seine Gegner ernsthaft, seriös, professionell gekämpft. Kein Gegenüber – ob der Weltranglisten-89. Lorenzo Sonego in Runde eins, der 29. Alejandro Tabilo in Runde drei oder der 40. Botic van de Zandschulp im Viertelfinale – hat er unterschätzt, er war stets top vorbereitet und ließ in keinem Match Zweifel an sich aufkommen. Das war zwar nicht immer wirklich spektakuläres, begeisterndes Tennis, aber in seiner Konstanz und Souveränität nicht weniger überragend. Der Weg zum Titel war absehbar, er galt deshalb als Topfavorit – und genau diese Erwartung hat er erfüllt. Und jetzt? Jetzt kann sich Alexander Zverev neuen Zielen zuwenden: Platz eins der Weltrangliste könnte nun ein bald zu erreichendes Ziel sein, sollte der aktuell führende Sinner noch länger ausfallen. Und im kommenden Jahr ist er dann nicht nur bei gleich zwei Grand-Slam-Turnieren Titelverteidiger, er wird auch die Erfolge in Melbourne und London erneut anvisieren. Ob er einen Triumph dann gleich realisiert oder erst noch mal auf die Anzeigetafel schauen muss, wird sich zeigen.