Stefan Effenberg zu Klopps DFB-Kader: „Das ist seine verdammte Pflicht“

Jürgen Klopp hat 44 Spieler für die anstehenden Länderspiele nominiert. t-online-Kolumnist Stefan Effenberg sieht dafür einen besonderen Grund – und spricht eine Warnung aus. Haben Sie die Mütze gesehen, die Bundestrainer Jürgen Klopp auf der Pressekonferenz zu seiner ersten Kadernominierung trug? „Einer von 83 Millionen“ stand da drauf – und das war wieder typisch für ihn. Klopp versteht es, die Menschen auf seine Seite und damit jetzt auch auf die Seite der deutschen Nationalmannschaft zu ziehen. Er weiß eben genau, was er macht. Und diesen Eindruck habe ich auch beim Blick auf den runderneuerten DFB-Kader. Die Rekordzahl von 44 Spielern hat Klopp für den Auftakt mit der deutschen Nationalmannschaft in der Nations League nominiert, der Kader wird zwischen den ersten beiden und den letzten beiden Spielen aufgeteilt. Ein ungewöhnlicher Ansatz, den wir von einem Bundestrainer so noch nicht gesehen haben. Aber: Ich verstehe genau, warum Klopp sich das so überlegt hat. Er weiß genau, was er da macht. Er will so schnell wie möglich Eindrücke gewinnen von so vielen Spielern wie möglich, und diese nun fast dreiwöchige Länderspielpause ist eine fast einmalige Gelegenheit dazu. Kommentar zu Klopps Kadernominierung: Endlich kein „Weiter so“ Nach Klopp-Gerüchten: Schalker entscheidet sich gegen den DFB Und da kommt auch noch klar der Vereinstrainer in Klopp durch – er kennt das ja schließlich aus eigener Erfahrung beim FC Liverpool , bei Borussia Dortmund oder auch Mainz 05 . Gerade in der Sommervorbereitung auf die neue Saison wird der Kader doch oft mit jungen Spielern aus den Nachwuchsmannschaften aufgefüllt, die dann in Testspielen ihre Chancen bekommen und sich dort präsentieren können. Sie werden es ihm danken Genau dieses Muster wendet Klopp nun auch bei der Nationalmannschaft an. So gibt er auch Spielern die Möglichkeit, erste Eindrücke abzugeben, die sonst im Alltag eher nicht komplett im Fokus stehen. Kevin Schade und Vitaly Janelt vom Premier-League-Klub FC Brentford oder Yann Aurel Bisseck von Inter Mailand , zum Beispiel. Das muss für die Spieler eine große Motivation sein. Sie werden es ihm danken. Jetzt darf niemand mehr herumheulen, er würde keine Chance kriegen. Alle müssen nun unter Beweis stellen, dass sie zurecht zur Nationalmannschaft eingeladen wurden – und auch wieder eingeladen werden wollen. Natürlich aber geht Klopp mit dieser Aufteilung in zwei Kader für die vier Länderspiele auch ein Risiko ein. Angenommen, es klappt nicht, wie erhofft – eine Auswahl fällt im Vergleich zur anderen deutlich ab, die Spiele verlaufen enttäuschend –, dann wird es wieder Stimmen geben, die ihn dafür kritisieren werden. Da wird er drüberstehen müssen. Sein Ansatz ist richtig, und von dem wird er sich auch nicht durch Stimmen von außen abbringen lassen. Ist es Ihnen übrigens auch aufgefallen? Klopp hat bei der Kadervorstellung mehrmals den Begriff „Entwicklung“ verwendet. Hier muss differenziert werden: Natürlich möchte und sollte Klopp seine jungen Nationalspieler sowohl spielerisch als auch taktisch und charakterlich voranbringen – diese Aufgabe liegt aber vorrangig bei ihren Vereinstrainern, die tagtäglich mit ihnen arbeiten. Klopp meinte mit „Entwicklung“ auch: die Entwicklung der Mannschaft insgesamt – ein Mannschaftsgefüge, ein Zusammenhalt, eine Spielidee. Das ist seine große Aufgabe. Genau das ist es Und: Diese Aufbruchstimmung, die mit seinem Amtsantritt wieder aufkam, die müssen er und die Mannschaft unbedingt erhalten. Denn was auch nicht vergessen werden darf: Deutschland startet nicht bei null. Zwar ist die DFB-Elf aktuell weder in der Welt noch in Europa Spitze – aber eben auch nicht weit dahinter. Deshalb sollte eine positive Entwicklung schon zeitnah erkennbar sein dürfen – ohne die Dinge zu überstürzen und ohne zu viel zu erwarten. Klopp hat es richtig gesagt: Er könne nicht versprechen, dass alle vier Spiele zum Start in die Nations League gewonnen würden. Aber: „Ich wäre bloß happy, wenn man uns ansieht, dass wir es wollen.“ Und genau das ist es. Das ist es, was Fußballfans erwarten, ob von ihrem Lieblingsverein zu Hause oder von der Nationalmannschaft: Klar kann es mal ein unschönes Ergebnis geben, aber es müssen Leidenschaft, der Wille, eine Idee, auch die Freude am Spiel erkennbar sein. Das will Klopp erkennen, das wollen wir erkennen – und dann wird auch mal eine Niederlage verziehen. Die WM ist da mahnendes Beispiel: Natürlich hatte Deutschland da die besseren Spieler als Ecuador oder Paraguay, aber diese kamen eben als funktionierende, kämpferische Teams, die bereit waren, alles zu geben. Das Ergebnis kennen wir. Und das möchte ich nicht mehr sehen von einer deutschen Nationalmannschaft – und Klopp sicherlich auch nicht. Klopp entlastet seine Spieler Das würde nämlich auch diese neue Euphorie komplett zerstören. Auch deshalb bin ich noch vorsichtig mit meinen Erwartungen. Erinnern Sie sich noch? Hansi Flick kam 2021 mit dem Sextuple im Rücken, das er gerade mit dem FC Bayern gewonnen hatte. Und als Bundestrainer führte er die DFB-Elf zu einem Startrekord mit acht Siegen in Folge. Dann kam aber leider nur noch ganz wenig nach. Das habe ich noch im Hinterkopf, und viele Fans sicherlich auch. Klopp stellt sich schon jetzt schützend vor seine Spieler, so wie es sein sollte. Man müsse einen Spieler wie den seit längerer Zeit strauchelnden Florian Wirtz nicht nur an Toren und Vorlagen messen, sondern an dem, was er insgesamt für die Mannschaft tue, sagte der Bundestrainer. Und das ist sehr richtig. Er gibt seinen Spielern Rückhalt, setzt sie nicht zusätzlich unter Druck, nimmt stattdessen etwas Last von ihren Schultern. Das wird auch Marc-André ter Stegen spüren. Klopp hat der zuletzt verletzungsgeplagten Nummer eins im deutschen Tor das Vertrauen ausgesprochen und setzt vorerst auf ihn als Stammkeeper. Eine Entscheidung, die auch absolut Sinn ergibt und fair ist. Denn ter Stegen war ja auch vor der WM die unangefochtene deutsche Nummer eins, ehe ihn eine Verletzung die Teilnahme am Turnier kostete. Bei Ajax blieb er nun nach seiner Rückkehr in fünf Spielen zweimal ohne Gegentor. Es liegt an ter Stegen, Klopps Vertrauen zu rechtfertigen – und verletzungsfrei zu bleiben. Es ist seine letzte Chance – denn hinter ihm lauern schon zahlreiche junge Torhüter. Mit Frankfurts Noah Atubolu, Augsburgs Finn Dahmen und Bayerns Jonas Urbig hat Klopp drei von ihnen jetzt auch schon nominiert. Aufgefallen ist auch, dass im neuen DFB-Kader weder für Leroy Sané noch für Leon Goretzka Platz war – und das auch zu Recht. Sané und Goretzka sind Klopps deutlichstes Signal: Er meint es ernst mit dem Neuanfang. Beide waren schließlich schon in der Vergangenheit oft Wackelkandidaten – hätte Klopp die beiden doch wieder mitgenommen, hätte er sich selbst und seinem hehren Ansatz widersprochen. Nein, er setzt voll auf die Jugend, er macht einen recht radikalen Schnitt und setzt ein Zeichen. Leidige Zeiten Eine andere Erkenntnis aus diesem Kader von 44 Spielern aber ist diese: Die Zeit der Positionsexperimente ist endgültig vorbei. Unter Klopps Vorgänger Nagelsmann nämlich bekamen wir mitunter wilde Versuche in den Aufstellungen zu sehen – Kai Havertz musste mal als Außenverteidiger ran, dann kam auch noch die Diskussion um Joshua Kimmich , den er immer wieder als Rechtsverteidiger spielen ließ. Dann versuchte er es mal mit einer Dreierkette, ging wieder zurück zur Viererkette – und die Verunsicherung war komplett. Bei einem Blick auf die Spieler, die nun nominiert wurden, ist klar: Da wird niemand positionsfremd spielen müssen – ein ganz einfacher, aber nichtsdestotrotz genialer Schachzug des neuen Bundestrainers. Denn so verhindert er die zwangsläufige Verunsicherung und die Diskussionen, die noch bei Nagelsmann sowohl bei den Spielern als auch in der Öffentlichkeit aufkamen. Diese leidigen Zeiten müssen endgültig vorbei sein. Nagelsmann hatte die Angewohnheit, einfachste Personalentscheidungen, Überlegungen und Abläufe unnötig zu verkomplizieren und zu verwissenschaftlichen. Herausgekommen sind dabei ein EM-Aus im Viertelfinale und jetzt das Scheitern im Sechzehntelfinale der WM. Was sagte Klopp nun? Er vertraue vor allem auf sein eigenes Urteil und das seines Trainerstabs. „Ich kann die Informationen, die ich über meine Augen bekomme, richtig interpretieren.“ Er wolle sich viele Spiele in den Stadien ansehen, um Spieler zu beobachten und Eindrücke zu gewinnen – endlich. Was bei Nagelsmann oft bemängelt wurde, setzt Klopp um: Er reist umher, um zu scouten. Und das ist auch seine verdammte Pflicht. „Das, was ich höre, wenn ich mit dem Spieler spreche, und das, was ich dann sehe, wenn ich mit ihm arbeite, das macht mein Bild.“ Besser kann man es nicht sagen. Er will nah dran sein, in vorderster Reihe, er setzt um, was er ankündigt – und bleibt damit glaubwürdig. Klopp hat seinen Vorgängern gegenüber ohnehin den Vorteil, dass man ihm durch seinen hervorragenden Ruf als Erfolgstrainer und Publikumsliebling ohnehin mehr durchgehen lässt als den meisten anderen Trainern. Und das tut am Ende auch seinen Spielern gut, die sich dann nicht beim ersten Fehler sofort vor 83 Millionen Bundestrainern rechtfertigen müssen. Einfach an Klopps Mütze denken, die er bei dieser Pressekonferenz trug.