Nations League: Türkei erlebt Pfeifkonzert – Trainer in der Kritik

Auf das EM-Viertelfinale folgte die erste Qualifikation für eine Weltmeisterschaft seit 24 Jahren. Doch ein frühes WM-Aus und einen verkorksten Nations-League-Start später ist die Stimmung in der Türkei angespannt. Erstklassigen Fußball bekommen die Menschen in Bursa seit 2019 nicht mehr zu sehen. Damals stieg der türkische Ex-Meister Bursaspor in die zweite Liga ab. Und auch am gestrigen Montag wurden die Fußballfans in der Millionenstadt im Nordwesten der Türkei enttäuscht. Eine 1:4-Heimklatsche kassierte die Nationalmannschaft in der Nations League gegen Italien. Dabei war schon nach einer knappen halben Stunde alles entschieden, die Gäste führten bereits mit 3:0. Die Heimfans quittierten den Auftritt ihrer Mannschaft mit Pfiffen. Noch vor wenigen Monaten sah das ganz anders aus. Im Zuge der Qualifikation für die WM in den USA, Kanada und Mexiko war die Euphorie im Land riesig. Fans und Medien erklärten die Mannschaft zum Geheimfavoriten, schließlich hatte es die Türkei zwei Jahre zuvor ins EM-Viertelfinale geschafft und dort die Niederlande am Rande einer Niederlage gehabt. Effenberg-Kolumne nach DFB-Niederlage: Das muss Sorgen machen „Lasst die Jungs in Ruhe“: Nach dem Fehlstart wird Klopp zur Löwenmutter Ex-Nationalspieler Gökhan Zan traute dem Team daher auch bei der Weltmeisterschaft Großes zu. „Diese Nationalmannschaft kann definitiv das Viertelfinale erreichen. Was danach passiert, hängt ganz davon ab, wie sehr die Spieler es wollen und wie sehr sie daran glauben. Mit dem nötigen Zusammenhalt und Mut – warum sollte es nicht noch weiter gehen?“, zitierte ihn das Portal „Turkinform“. Auch der frühere Nationaltrainer Şenol Güneş sah die Runde der besten Acht als realistisches Ziel an. Die mit Stars gespickte Mannschaft um Arda Güler (Real Madrid), Kenan Yıldız (Juventus Turin) und Hakan Çalhanoğlu (Inter Mailand) reiste mit breiter Brust in die USA, erlebte dort aber ein blamables Turnier. Nach Niederlagen gegen Australien und Paraguay war die Türkei bereits ausgeschieden, nur Haiti flog früher raus. Trainer Vincenzo Montella geriet in die Kritik. Medien und Experten forderten seinen Rauswurf, der Verband aber hielt dem Italiener die Treue. Immerhin hatte auch er seinen Anteil an den Erfolgen der jüngeren Vergangenheit. „Schaut euch die Kaderwerte an“ Dennoch ging Montella, zumindest für die Öffentlichkeit, angeschlagen in die aktuellen Länderspiele. Nach den Heimniederlagen gegen Frankreich und Italien ist die Stimmung wohl endgültig gekippt. War das 0:1 gegen Frankreich angesichts der Qualität des Gegners noch verkraftbar, war das 1:4 gegen Italien dann doch ein ordentlicher Dämpfer. Schließlich hatte die „Squadra Azzurra“ ihren Auftakt in die Länderspielsaison unter dem neuen Nationaltrainer Roberto Mancini verpatzt. Dass die Türkei gegen Italien nun so unter die Räder geriet, damit hatten weder Fans noch Medien gerechnet. Das Selbstverständnis in der Türkei war ein anderes. „Vor dem Spiel herrschte die Stimmung, als ob uns ein leichtes Spiel bevorstünde. Aber ich habe meinen Spielern gesagt, dass es kein leichtes Spiel werden würde“, betonte Trainer Montella auf der Pressekonferenz nach der Partie. „Diese Mannschaft spielte vor zweieinhalb Jahren noch in der Liga C, wir haben mit mir die Liga B gewonnen und spielen jetzt in Liga A“, erklärte er mit Blick auf die Nations League. „Das Niveau in dieser Liga ist anders, es ist nicht einfach, alle drei Tage auf diesem Niveau zu spielen. Wir spielen auf einem ungewohnten Niveau, daran müssen wir uns erst gewöhnen. Schaut euch die Kaderwerte der beiden Teams heute an.“ Das Portal „Transfermarkt“ schätzt den Wert der Türkei auf 411 Millionen Euro, den der Italiener auf 856 Millionen. Am kommenden Freitag wartet mit Belgien eine Mannschaft auf Montellas Auswahl, die mit rund 595 Millionen Euro ebenfalls deutlich mehr wert ist. Klar ist aber auch: Fans und Medien in der Türkei ist das wohl ziemlich egal. Sie wollen andere Ergebnisse und andere Auftritte haben. Denn sonst droht der Türkei der Abstieg – und Montella womöglich das Aus.