Clásico: Schiedsrichter haben schon vor dem Anpfiff verloren

Die Zahlen der aktiven Schiedsrichter sind zuletzt wieder gestiegen. Wer in diesen Tagen als Unparteiischer im spanischen Fußball aktiv ist, braucht jedoch womöglich eine leicht masochistische Ader. Am Sonntag steigt der Höhepunkt einer jeden Saisonhälfte in der spanischen La Liga: der Clásico zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid . Zwei globale Schwergewichte, die in den vergangenen Wochen aber zusehends mit Schiedsrichtern beschäftigt waren. Speziell Real Madrid suggeriert seit einer Weile, dass Barcelona von den Spielleitern systematisch bevorteilt werden würde. Und dazu fährt der 36-fache spanische Meister große Geschütze auf. Zunächst hat der Klub vor drei Wochen dafür gesorgt, dass der „Fall Negreira“ wieder an Fahrt aufnimmt. Dafür sendete Real etliche Dokumente an die Uefa, damit diese nun ermitteln kann. Es geht konkret um das Verhältnis zwischen Barcelona und José María Enríquez Negreira, dem einstigen Vize-Chef der spanischen Schiedsrichterkommission. Im Zeitraum von 2001 bis 2018 sollen Zahlungen in Höhe von insgesamt 8,4 Millionen Euro von Barça an Unternehmen geflossen sein, die mit Negreira in Zusammenhang standen. Barcelona wiederum sagt, dass Negreira in einer beratenden Funktion für Barcelona tätig war und nie Geld an die eigentlichen Schiedsrichter auf dem Feld geflossen wäre. Der Fall wurde zunächst 2023 bekannt, als unter anderem ein Brief von 2019 an die Öffentlichkeit kam. In diesem drohte Negreira dem katalanischen Klub, die Aktivitäten publik zu machen, nachdem Barcelona einen Vertrag mit seinem Unternehmen infolge von Ausgabenkürzungen gekündigt hatte. Die spanische Justiz urteilte zunächst, dass es sich nicht um Beamtenbestechung handeln würde, weil Negreira kein öffentlicher Bediensteter war. Die Ermittlungen wurden dann unter dem Verdacht der „Sportbestechung“ fortgesetzt, verliefen jedoch schleppend. Uefa-Präsident Aleksander Čeferin äußerte sich bereits im April 2023 zum Vorgang, aber der europäische Verband wartete auf die Ermittlungen der spanischen Staatsanwaltschaft Ministerio Fiscal. Real zwingt die Uefa nun, selbst tätig zu werden. Barcelonas ärgster Konkurrent fordert nichts weniger als die Aberkennung aller Titel in dem Zeitraum, in welchem die Zahlungen vonseiten Barças erfolgten. Die Uefa könnte im schlimmsten Fall Barcelona nach Artikel vier der eigenen Statuten von den internationalen Wettbewerben ausschließen. Allein dieser Vorgang könnte im spanischen Spitzenfußball böses Blut schüren. Ligaboss sieht Goebbels-Taktiken Doch das ist bei Weitem nicht alles. Real Madrid geht auch gegen den Chef von La Liga vor. Der 64-jährige Javier Tebas hatte kürzlich die Berichterstattung von Reals vereinseigenem Sender scharf kritisiert, weil dieser laut ihm wiederholt Zusammenschnitte zeigte, welche Fehlentscheidungen zuungunsten Reals suggerieren würden. Tebas verglich die Vorgehensweise mit den Methoden von Joseph Goebbels, einst Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda unter Adolf Hitler. Das führte dazu, dass Real ein fast schon bizarres öffentliches Statement abgab, in welchem der Name Goebbels im ersten Satz genannt wurde. Die Madrilenen fordern den Rücktritt von Tebas. Der Vorsitzende des Nationalen Sportrats von Spanien (CSD), José Manuel Rodríguez Uribes, hat Tebas aufgefordert, sich für die Äußerungen zu entschuldigen, weil „die Grenzen der Meinungsfreiheit“ überschritten wurden. Tebas, der übrigens Unterstützer der nationalistischen VOX-Partei ist, wird ohnehin 2027 nicht für eine fünfte Amtszeit kandidieren. Real Madrid fordert trotzdem, dass er sofort seinen Posten räumt. Nebenher gehen die kleinen Sticheleien weiter. Als Reals Stürmerstar Vinícius Júnior kürzlich wegen einer Tätlichkeit für vier Spiele gesperrt wurde, konnten sich einige Madrilenen Kommentare ob der Behandlung des Brasilianers nicht verkneifen. Oder als Barcelona vor einer Woche bei Real Betis mit 5:2 gewann und während des Spiels der Betis-Spieler Facundo Bernal eine gerechtfertigte Rote Karte sah, war Real-Cheftrainer José Mourinho am nächsten Tag zur Stelle. Er hätte das Spiel nicht gesehen, weil er lieber Bayern München gegen RB Leipzig verfolgte, aber wäre vom Spielverlauf nicht überrascht gewesen. Mourinho kehrte im Sommer nach 13 Jahren zu Real zurück und ist ohnehin bekannt für seine markigen Sprüche in Richtung der Unparteiischen. Liga möchte Mourinho keine Munition liefern Auch über dem Clásico hängt schon vor dem Anpfiff am Sonntagabend ein leichter Schleier der Kontroverse. Berichten der spanischen Zeitung „Marca“ zufolge war Alejandro Hernández die ursprüngliche Wahl als Schiedsrichter für das Topspiel. Mourinhos Kritik am 43-Jährigen führte aber angeblich dazu, dass ein anderer die Spielleitung übernehmen sollte, um dem Real-Trainer keine weitere Munition zu geben. Anfang der Woche galt dann Javier Alberola Rojas als Favorit auf den Job des Clásico-Schiedsrichters, aber die Aktien von Juan Martínez Munuera stiegen zusehends in Richtung Wochenende. Am Samstagmittag wurde schließlich Martínez Munuera als Offizieller für das Topspiel bekannt gegeben. Es wird sein fünfter Clásico sein. Der Verantwortliche für den Videoassistenten (VAR) ist unterdessen Javier Iglesias Villanueva. Er wurde im Februar 2025 von Real scharf angegangen, als er den damaligen Schiedsrichter in einem Spiel zwischen Real und Espanyol nicht auf einen möglichen Tritt gegen Superstar Kylian Mbappé hingewiesen hatte. Die Besetzung des Schiedsrichtergespanns ist bereits im Vorfeld aufgeladen. Egal, wer am Ende die Pfeife im Camp Nou von Barcelona in die Hand nehmen würde, diese Person zusammen mit dem gesamten Gespann steht unter enormem Druck und kann eigentlich nur verlieren. Real Madrid hat zwar gelegentlich mit sportlichen Problemen zu kämpfen und der FC Barcelona ringt weiterhin mit einer angespannten finanziellen Lage, aber man kümmert sich speziell in der spanischen Hauptstadt zuletzt mehr um die Schiedsrichter als um vieles andere.