Englands Frauen-Fußball: London City Lionesses greifen die Eltie an

Die London City Lionesses starten mit Toptransfers den Angriff auf die Spitze. Das Vorbild ist groß, die Zielsetzung geht weit über den sportlichen Erfolg hinaus. Wenn am 4. September die neue Saison der Women’s Super League (WSL), Englands höchster Spielklasse im Frauenfußball , startet, konkurrieren eine Reihe weltweit bekannter Vereine um den Titel. Meister Manchester City , der einstige Seriensieger Chelsea, Champions-League-Halbfinalist Arsenal und Traditionsklubs wie Liverpool, Manchester United oder Tottenham mischen in der Liga mit. Ein anderes der insgesamt 14 Teams sticht aber besonders heraus: die London City Lionesses. Dafür gibt es mehrere Gründe, ein augenscheinlicher ist die Struktur des Klubs. Denn London City ist der einzige reine Frauenverein in der WSL-Geschichte. 2019 ist der eigenständige Klub aus dem Frauenteam des FC Millwall hervorgegangen. Trotzdem hat der Verein keinen großen Nachteil gegenüber all den Konkurrenten, die auf die finanzkräftige Unterstützung ihrer Herrenteams setzen können. Denn hinter London City steht mit Michele Kang eine milliardenschwere Investorin – und die macht mit ihrem Projekt Ernst. „Wir wollen an die Spitze“, sagte sie in diesem Sommer im Gespräch mit Sky. „Was auch immer der Verein erreichen will, ich werde ihn dabei unterstützen. Ich möchte, dass er den WSL-Titel gewinnt, und ich möchte, dass er sich für einen europäischen Wettbewerb qualifiziert.“ London City holt Ex-Weltfußballerin und weitere Stars Allein in Anbetracht der nationalen Konkurrenz liest sich das überaus ambitioniert. Das gilt umso mehr vor dem Hintergrund, dass London City die Spielzeit vor zwei Jahren noch auf dem achten Rang der zweiten Liga abschloss. Ein halbes Jahr zuvor hatte Kang, deren Vermögen auf 1,2 Milliarden US-Dollar geschätzt wird, den Verein übernommen. Mit ersten beachtlichen Transfers – darunter die 207-fache schwedische Nationalspielerin Kosovare Asllani – gelang ein Jahr später der Aufstieg. Es folgten weitere Verstärkungen und ein bemerkenswerter sechster Platz in der ersten Erstligasaison. Nun wollen Kang und Co. noch mehr. Den verbalen Angriff auf die Spitze untermalte der Verein in der Sommertransferperiode mit Transfers, die es in sich haben. Neben der deutschen Nationalspielerin Nicole Anyomi kamen die ehemalige Welttorhüterin Mary Earps, für die Abwehr Champions-League-Siegerin María León und für den Angriff Champions-League-Torschützenkönigin Kadidiatou Diani. Das sind für sich genommen schon vier beachtliche Verpflichtungen, sie alle aber verblassen in Anbetracht des Königstransfers: Aus Barcelona kam die zweimalige Ballon-d’Or-Siegerin Alexia Putellas. Die Spanierin passt nicht nur aufgrund ihrer Strahlkraft zu dem ambitionierten Projekt. „Ich will immer alles gewinnen – die Spiele, sogar die Trainingseinheiten“, sagte sie kurz nach ihrem Wechsel im Sender CBS. „Das ist meine Mentalität, und genau das möchte ich hier umsetzen.“ Für den Erfolg hat der Verein aber nicht nur in große Namen auf dem Platz investiert. 2024 erwarb der Klub ein etwa elf Hektar großes Areal. Auf dem soll zwar kein neues Stadion entstehen – London City teilt sich mit dem Herrenteam des drittklassigen Bromley FC derzeit die Hayes Lane. Dafür will der Klub aber ein eigenes Trainingszentrum errichten. Die Behörden gaben im September 2025 ihre Genehmigung, 2027 soll der Bau fertiggestellt werden. „Es wird ein hochmodernes Trainingszentrum, das sogar viele der Trainingszentren der Herren-Premier-League übertrifft“, ordnete Kang die Dimension ein. Meilenstein im englischen Fußball: Trainerinnen in der Überzahl „Wirklich ich?“ DFB-Star Gwinn wundert sich über hohe Auszeichnung Der Campus soll speziell auf die Bedürfnisse von Frauen angepasst sein und fügt sich damit in das Bild ein, das Kang mit ihren Investments im Sport zeichnet. Die selbst ernannte Philanthropin spendete 30 Millionen US-Dollar an den US-Fußballverband, vier Millionen US-Dollar an das US-Frauen-Rugbyteam und investiert zudem immer wieder in frauenspezifische Forschung. Sie möchte „allen jungen Mädchen ermöglichen, ihre Träume zu verwirklichen“. Kang besitzt neben London City weitere Teams Die Chance sieht die Milliardärin vor allem im Fußball. Deshalb ist Kang nicht nur in London beteiligt, sondern seit 2020 auch bei Washington Spirit aus der US-amerikanischen National Women’s Soccer League (NWSL) und seit 2023 bei Champions-League-Rekordsieger OL Lyonnes. „Ich habe ein unglaubliches Potenzial erkannt – zwischen dem, was bereits vorhanden war, und dem, was möglich sein könnte“, berichtete sie im Gespräch mit der BBC. „Die Lücke erschien mir enorm, und ich war wirklich überrascht, dass niemand das erkannt hat, geschweige denn in die Schließung dieser Lücke investiert hat.“ Aus Kang spricht dabei nicht nur die Wohltäterin, wie US-Nationaltrainerin Emma Hayes weiß. „Sie ist eine kluge Geschäftsfrau. Sie weiß, dass der Frauensport einer der Bereiche im Sport ist, der das Potenzial hat, einen regelrechten Boom zu erleben.“ Über einen solchen wird in der Branche seit der EM 2022 regelmäßig gesprochen, doch die große Flut an Investoren gibt es bisher trotzdem nicht. „Der Frauenfußball ist wahrscheinlich das bestgehütete Geheimnis“, sagte Kang 2025. „Er ist das unterhaltsamste und unglaublichste Produkt mit dem höchsten sportlichen Niveau, und dennoch wird er stark unterschätzt.“ Die 67-Jährige will das ändern. Sie sieht es als ihre Aufgabe, „die Vision vorzugeben und ein Umfeld zu schaffen, in dem alle Beteiligten – in diesem Fall die Spieler und die Mitarbeiter – wirklich erfolgreich sein können“. Die Bündelung ihrer drei Vereine unter dem Dach von Kynisca Sports International zählt sie dazu. „Ich freue mich sehr über diese Chance für uns alle. Nicht nur bei den London City Lionesses, dem Washington Spirit oder Lyon, sondern für uns alle im Frauenfußball.“ Kang bedient sich immer wieder beim FC Barcelona Trotz ihres großen Einflusses will Kang nicht als Alleinherrscherin auftreten. „Ich bin ganz sicher keine Fußballexpertin. Wenn ich die Klügste im Raum bin, habe ich kläglich versagt“, ordnete sie süffisant ein. Die aus ihrer Sicht logische Konsequenz: „Ich hole die besten Leute.“ Und die holt sie erstaunlich oft aus Barcelona. Im aktuellen Kader von London City stehen fünf Spielerinnen mit einer Vergangenheit bei Barça, dazu kommen Markel Zubizarreta als Global Sporting Director der Multi-Klub-Organisation Kynisca sowie weitere Spielerinnen und Trainer in Washington, D.C. und Lyon. Kang selbst hat sich zu den Beweggründen bisher nicht geäußert, das Team aus Katalonien mutet aber wie ein logisches Vorbild an: Seit einigen Jahren dominieren sie den europäischen Klubfußball der Frauen, zudem stellen sie den Kern von Weltmeister Spanien. Zugleich bringt das regelmäßige Bedienen bei einem Verein Kritik von Fans mit sich. So wie das Multi-Klub-Modell selbst. „Ich weiß, dass das im Männerfußball negative Assoziationen weckt – mit Gier und all diesen Dingen“, ist sich die gebürtige Südkoreanerin bewusst. „Aber im Frauenfußball ist es eine Notwendigkeit, bis uns angemessene kommerzielle Ressourcen zur Verfügung stehen.“ Der Ansatz trägt nicht nur auf sportlicher Ebene Früchte, er überzeugt auch die Stars selbst. „Da ist eine Frau, die investiert, nicht nur redet, sondern uns tatsächlich alle Ressourcen zur Verfügung stellt, die wir brauchen, um erfolgreich zu sein“, berichtete Asllani von ihrem ersten Eindruck von Kang. „Man muss investieren, damit wir Erfolg haben können, und genau dafür steht Michele. Sie ist eine Powerfrau, sie redet nicht nur, sie handelt.“ Das soll künftig auch Englands Elite zu spüren bekommen. Wie passend, dass es zum Auftakt gegen Manchester United geht – im Herrenbereich Englands Rekordmeister.