DFB-Kader: Jürgen Klopp hält Ruckrede und meint nicht nur die Nationalelf

Bei seiner Kaderbekanntgabe formuliert der neue Bundestrainer einen Satz, der die mit Spannung erwarteten Namen seiner 44 Schützlinge in den Schatten stellt. Es geht dabei um Patriotismus, und jemand in Berlin sollte genau zugehört haben. Die Frage des Reporters zielte auf die Baseballkappe des Bundestrainers ab, auf der unter den Farben Schwarz-Rot-Gold zu lesen stand: „Einer von 83 Millionen“. Viele Botschaften steckten darin, antwortete Jürgen Klopp und erklärte die wichtigste: „Ich würde uns gerne die Fahne zurückholen.“ Au Backe. Patriotismus und Deutschland. Stolz und die Nationalelf. Krise, Transformation und Gemeinschaft. Der Weg, auf den sich der Bundestrainer da machte, war mit Fallstricken und Stolperdrähten übersät. Doch Klopp umschiffte sie lässig. Mehr noch: Er behielt die deutsche Fahne als Motiv und malte einen politischen Gedanken in die Pressekonferenz, über den Deutschland nun nachdenkt und spricht. „Ich möchte, dass, wenn man sie schwingt, niemand denkt: ‚Was ist mit dir nicht in Ordnung?‘ Sondern, dass man einfach nur das Gefühl hat: Ja, du bist happy und verstehst, dass du Glück hattest, dass du in diesem wundervollen Land geboren bist, aufgewachsen, zugezogen und wie auch immer, dass du hier lebst.“ Und: Positiver Patriotismus? Gerne!“. Der Satz hallte nach durch den Saal, obwohl Klopp längst weiterredete. Klopp trifft immer den richtigen Ton Was der neue Bundestrainer eben traumwandlerisch beherrscht: Er formuliert große Sätze jovial, beinahe beiläufig so, dass sie zünden, motivieren und mitnehmen. Und so abwegig es meist ist, vom Sport auf die Politik schließen zu wollen: Es fällt unweigerlich auf, dass der Bundeskanzler regelmäßig genau das verfehlt, was Klopp fast immer trifft: den richtigen Ton. Wie viel leichter fiele Friedrich Merz seine Kanzlerschaft, könnte er die Gefühle der Menschen in Deutschland so virtuos bespielen, wie es Jürgen Klopp im Blut liegt. Natürlich bewegen sich beide auf völlig verschiedenen Terrains. Im Kanzleramt wird die Zukunft Deutschlands verhandelt, in der DFB-Zentrale geht es „nur“ um Fußballspiele, die gewonnen oder eben verloren werden. Und doch gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den Aufgaben, vor denen Friedrich Merz und Jürgen Klopp stehen. Von ihren Schreibtischen aus werden tiefe Krisen gemanagt. Der deutsche Fußball liegt darnieder nach drei heillos missglückten Weltmeisterschaften. Nicht anders geht es dem Land, das Friedrich Merz politisch führt: Wirtschaft, Infrastruktur, Parteienlandschaft – überall Probleme. Klopp wie Merz stehen an der Spitze von Institutionen, die den Rückhalt der Menschen verloren haben. Deutschlands Fußballfans schauten vor Klopps Amtsantritt mit einer Mischung aus Enttäuschung, Wut und Galgenhumor auf die Kickerelite des Landes. Mit der Arbeit des Regierungschefs sind nur noch zehn Prozent der Bundesbürger zufrieden, gerechnet über alle Parteien hinweg, auch seine eigene. Fast ein Drittel der Menschen in Deutschlands gibt in Umfragen an, eine in Teilen rechtsextreme Partei wählen zu wollen. So unterschiedlich die Aufgaben von Bundestrainer und Bundeskanzler also sind: Sie sind im gleichen Modus unterwegs. Sie sind Krisenmanager. Klopp beschwört in dieser Rolle Gemeinschaft und Augenhöhe. Er will einer „einer von 83 Millionen“ sein. Es geht ihm um Begeisterung, Aufopferung, Sinnhaftigkeit. „Purpose“ nennt man das neudeutsch. Er lädt alle ein – Spieler, Fans, sogar die Medien – anzupacken, dabei zu sein. Deutschland soll stolz auf „seine“ Mannschaft werden. Freude an ihr haben. Sie anfeuern, ihre Siege feiern. Zumindest klingt Klopp so, und man möchte ihm so gerne glauben, dass Zweifel freiwillig in den Hintergrund rücken. Merz fordert Zuversicht ein, Klopp verbreitet sie Merz neigt zum Gegenteil. Wenn er über Deutschlands Krise spricht, dann umarmt er nicht. Merz doziert von oben herab, belehrt, liest Leviten. Schluss muss sein mit „Lifestyle-Teilzeit“, endlich mehr gearbeitet werden. Schmerzhafte Mühen und Einschnitte erklärt er schroff mit Mathematik. Er fordert Zuversicht ein, statt sie zu verbreiten. Und wenn er von den Deutschen verlangt, dass sie weniger jammern sollen, hat er keine Gefühlsalternativen im Gepäck. Überspitzt formuliert: Als neuer Bundestrainer hätte Merz zuerst die Fans beschimpft. Auch das spielt eine Rolle dabei, dass er die Zustimmungswerte seiner eigenen Partei halbiert hat statt wie versprochen die der AfD . Vor knapp einem Jahr versuchte er sich zum 35. Jahrestag der Einheit an einer Art „Ruckrede“. Die Presse kritisierte sie als halbherzigen „Stupser“, und ihre Wirkung zerschellte am dauernden Koalitionskrach. Das kann auch Klopp passieren. In zwei Wochen wird sich niemand mehr an seine Fahnen-Rede erinnern, wenn sein neu zusammengestelltes Team die anstehenden vier Länderspiele verliert. Im Gegenteil: Wenn der Erfolg ausbleibt, werden sich Journalisten daran erinnern, wie der neue Bundestrainer mit ihnen umgeht. In Klopps Welt, das sagt er sehr offen, sollen die Medien den Erholungskurs der Nationalmannschaft wohlwollend begleiten. Nachfragen oder Kritik sind nicht erwünscht. Klopp macht keinen Hehl daraus: Entweder Ihr seid für mich oder gegen mich, und wenn es Euch nicht passt, dann gehe ich eben wieder. In diesem letzten Punkt sind sich Merz und Klopp tatsächlich gar nicht unähnlich.