Gladbach muss wieder einmal den Reset-Knopf drücken. Die Probleme gehen weit über die sportliche Talfahrt der letzten Wochen hinaus. Bei Borussia Mönchengladbach erleben sie gerade ein bitteres Déjà-vu: Der Trainer entlassen, der Klub im Tabellenkeller auf Platz 17. Das Aus von Übungsleiter Eugen Polanski am vergangenen Sonntag und die aktuelle sportliche Krise trüben die Stimmung am Niederrhein schon früh in der Saison, nach nur drei Spieltagen. Bereits 2025/26 erlebten die Gladbacher einen turbulenten Start in die Spielzeit: In der vergangenen Saison entließ die Borussia ihren Trainer nach nur drei Ligaspielen ohne Sieg. Damals musste der glücklose Schweizer Gerardo Seoane gehen. Polanski übernahm. Bis letzte Woche. Drei Niederlagen in den ersten drei Bundesliga-Spielen, zuletzt ein 0:5 gegen den SC Freiburg , waren zu viel. Investoren mit Doppelrolle: Neue Aufgabe für Thomas Müller und Mats Hummels DFB-Star emotional: Schlotterbecks „bisher schwerste Zeit“ „Ja, Eugen Polanski hat Gladbach letzte Saison gerettet und sie auch ein Stück weit stabilisiert“, sagt t-online-Kolumnist Stefan Effenberg . Dem 58-Jährigen, der von 1987 bis 1990 und nochmals von 1994 bis 1998 für die „Fohlen“ spielte, liegt der Klub noch immer am Herzen. „Die Entscheidung, mit Polanski auch in die neue Spielzeit zu gehen, fand ich auch nicht verkehrt“, meint er. „In der Vorbereitung hat man aber wenig Ansätze gesehen, die den Eindruck vermittelten: In dieser Mannschaft steckt mehr.“ Effenberg konstatiert daher: „Die Entscheidung, sich von Polanski zu trennen nach den Auftritten zum Auftakt gegen Leipzig, Elversberg und Freiburg, war letztlich richtig.“ Polanski habe „sich auch überhaupt keinen Gefallen getan mit seinem Auftritt auf der Pressekonferenz nach dem 0:5 gegen Freiburg, als er sich ja quasi selbst infrage gestellt hat. Das darfst du in so einer Situation nicht ausstrahlen.“ Der Ex-Nationalspieler ist überzeugt: „Für ihn wird das auch eine Lehre sein für die Zukunft.“ Wenn der fünfmalige deutsche Meister nicht schnell wieder in die Spur findet, droht in dieser Saison wieder einmal der Kampf gegen den Abstieg. Ein Szenario, das man in Gladbach inzwischen nur allzu gut kennt. Effenberg sieht große Schwachstellen im Kader. Und wird deutlich: „Die Mannschaft hat keine Führungsspieler, keine richtig feste Achse innerhalb des Teams. So spielst du bis zum letzten Spieltag gegen den Abstieg, wenn sich da nichts ändert.“ Eberls Rücktritt deckt Probleme auf Mönchengladbachs „goldene Jahre“ unter Ex-Sportdirektor Max Eberl, in denen die Borussia zwischen 2011 und 2020 sich jeweils dreimal für die Champions League und die Europa League qualifizierte, sind längst vorüber. Sein Abgang im Januar 2022 konnte noch immer nicht adäquat kompensiert werden – ebenso wenig die namhaften Abgänge. In den Folgejahren verließen Leistungsträger wie Breel Embolo, Matthias Ginter (beide 2022), Jonas Hofmann, Marcus Thuram , Ramy Bensebaini, Yann Sommer (alle 2023), Manu Koné (2024), Alassane Pléa (2025) und zuletzt Rocco Reitz sowie Nico Elvedi den Klub. Auch dadurch hat die Mannschaft nichts mehr mit dem internationalen Geschäft zu tun. In den Jahren nach der letzten Qualifikation zur Champions League 2020 beendeten die Gladbacher die Bundesliga-Saison nur noch ein weiteres Mal auf einem einstelligen Tabellenplatz. Infolgedessen fehlt der Borussia neben Spielererlösen auch das Geld aus dem internationalen Geschäft, auf das der Verein jahrelang zählen konnte. „Man hat mit Reitz einen Spieler verloren, der eine höhere spielerische Qualität mitgebracht hat – den kannst du nicht mit Nachwuchsspielern ersetzen“, meint Effenberg nun kritisch zu den Abgängen aus diesem Sommer. „Und ob Rückkehrer Kō Itakura wirklich ein gleichwertiger Ersatz für Nico Elvedi ist, weiß ich auch nicht.“ Kaderzusammenstellung ohne klare Linie Hinzu kommt eine fehlende Konstanz auf der Trainerbank, der Nachfolger Polanskis wird bereits der fünfte Übungsleiter in den vergangenen fünf Jahren sein. Die ständigen Wechsel wirken sich auch auf die Kaderplanung aus: Sowohl für Polanski als auch für seinen Vorgänger Seoane wurden Wunschtransfers getätigt. Der neue Trainer wird eine Mannschaft vorfinden, die mit vielen verschiedenen Fußballideen eingekauft wurde. „Ich mache diese Krise nicht nur an Eugen Polanski und der Mannschaft fest. Die Spitze des Vereins steht für mich in der absoluten Hauptverantwortung“, wird Effenberg deutlich. „Klubpräsident Rainer Bonhof , Präsidiumsmitglied Uwe Kamps, Stefan Stegemann (CEO, Anm. d. Red.) oder Markus Aretz (Geschäftsführer Sport und Kommunikation, Anm. d. Red.) – Personen, die im Endeffekt die Entscheidungen treffen.“ Effenberg: Gladbacher Klubführung in der Bringschuld Er nimmt die Chefetage in die Pflicht und fordert mehr Sichtbarkeit. „Mir fehlt, dass sich diese Personen in so einer Situation auch mal öffentlich äußern. Da wird ein Trainer entlassen, und du hörst und siehst nichts von der Klubführung.“ Mehr noch: „Ich habe da eher das Gefühl, man geht in Deckung. Das sollte bei einem Traditionsklub wie Borussia Mönchengladbach anders sein.“ Auch den aktuellen Gladbacher Sportchef sieht er kritisch. „Rouven Schröder hat in seiner bisherigen Karriere als Vereinsfunktionär nicht immer das beste Händchen bewiesen“, sagt Effenberg. Sowohl bei Schröders Stationen in Mainz, auf Schalke und nun in Gladbach hatten einige Trainer keine lange Halbwertszeit. Es ist aktuell eine Spirale aus Abgängen von Leistungsträgern, sportlichem Absturz, ausbleibenden Geldern aus den europäischen Wettbewerben und fehlender Konstanz sowohl im Kader als auch auf der Trainerposition, die dem Klub zu schaffen machen. Warnende Beispiele von ehemaligen Bundesliga-Riesen mit sportlichem und finanziellem Absturz gibt es genug: Schalke 04 , der HSV oder Werder Bremen galten lange als zu groß, um abzusteigen. Bis es eines Tages doch so weit war. Genug für die Gladbacher, um aus vergangenen Fehlern lieber früher als später zu lernen. Sonst könnte der Verein sich einreihen in die Liste abgestürzter großer Traditionsvereine – und zum ersten Mal seit 2007 wieder den Gang in die 2. Bundesliga antreten müssen.