Skiakrobatin Emma Weiß zählt in ihrer Sportart als einzige Deutsche zur Weltklasse. Ihr Problem: Bei der Förderung fällt sie durchs Raster. Die 26-Jährige über ihr Leben als Einzelkämpferin. Ihre Sportart gehört zu jenen, die eine breite öffentliche Wahrnehmung nur alle vier Jahre erfahren. Dann, wenn Olympia ist. Emma Weiß ist Skiakrobatin. Das heißt, sie fährt auf Skiern bergab auf eine Sprungschanze zu, wird in die Luft katapultiert, macht spektakuläre Überschläge und Drehungen in der Luft und landet auf dem Hang – im besten Falle auf ihren Skiern. Trotz der waghalsigen Manöver sind Ski Aerials, die eine Unterdisziplin von Freestyle-Ski sind, keine Massensportart. Weiß ist seit Jahren die einzige Deutsche im Weltcup, muss mit anderen Nationen trainieren, da es hierzulande keine Trainingsgruppe gibt und ihr Sport ein Nischendasein fristet. Entscheidung offiziell: Olympiasieger wechselt die Sportart „Konto leer sich langsam“ : Biathlon-Weltmeister spricht über finanzielle Sorgen In wenigen Wochen startet die neue Saison. Und für die 26-Jährige von der Schwäbischen Alb beginnt wieder eine Zeit, in der sie sich neben dem Sport noch um viele andere Dinge kümmern muss, für die andere Manager, Vereine oder Verbände haben. t-online: Frau Weiß, was macht eine Wintersportlerin wie Sie im Sommer? Oder anders gefragt: Wie sieht Ihre Saison-Vorbereitung aus? Emma Weiß: Im Sommer sind wir tatsächlich gar nicht im Schnee, sondern trainieren auf einer Wasserschanze. Dazu ist es gut, mehrere Schanzen zu haben, um sich nicht zu sehr an eine zu gewöhnen. Letztes Jahr war ich in den USA, davor in Australien. Dieses Jahr mache ich die Vorbereitung wahrscheinlich komplett in der Schweiz. Je nachdem mit welchem Nationalteam ich gerade unterwegs bin, muss ich dorthin, wo der jeweilige Verband gerade trainiert. Das heißt, weil Sie die einzige Freestyle-Skierin in Deutschland sind, schließen Sie sich Trainingsgruppen anderer Nationen an? Genau, einen eigenen Trainer kann ich noch nicht finanzieren. Ich hätte gerne meinen Papa als Coach dabei, das war aber noch nicht tragbar. Wir hoffen, dass das für die zwei Jahre vor Olympia 2030 möglich ist. Dementsprechend kooperiere ich immer mit anderen Ländern. Wie kommt man da zusammen? Das ist immer ein Verhandlungsprozess. Nicht jedes Land möchte die Konkurrenz besser machen, sondern seine eigenen Leute (lacht). Ich war bis vor knapp drei Jahren lange mit den Schweizern unterwegs. Dann ein Jahr mit dem ukrainischen Team und letztes Jahr mit Tschechien. Wie lange dauert eine Vorbereitung auf eine Wintersaison? Normalerweise beginnen wir im April mit dem Krafttraining. Im Mai starten wir mit dem Training auf der Wasserschanze. Mitte November gehen wir dann wieder in den Schnee, meist nach Ruka in Finnland, bleiben dort fünf bis sechs Wochen und bereiten uns auf die ersten Weltcups vor. Wie kann man sich das Training auf einer Wasserschanze vorstellen? Eine saubere Landung können Sie ja nicht üben, da Sie direkt ins Wasser springen und nicht auf einem Hang wie im Winter aufkommen, oder? Auf der Wasserschanze können wir etwas risikoreduzierter neue Sprünge trainieren und etwas höhere Umfänge gehen als im Winter. Wir haben dabei drei Komponenten, wie wir uns orientieren und versuchen, einigermaßen auf den Füßen zu landen. Zum einen: was sagt unser Trainer, der uns beim Sprung Kommandos gibt? Zum anderen: was fühle ich und was sehe ich? Bei mir gibt es die Besonderheit, dass ich nicht 3D sehen kann, sondern nur 2D. Das dreidimensionale Sehen ist bei der Landung und der Koordination in der Luft gar nicht so unwichtig, denn man muss die Abstände gut einschätzen können. Das ist eine zusätzliche Herausforderung für mich. Die Olympischen Spiele , bei denen Sie den 12. Platz belegten, liegen gerade hinter Ihnen. Welchem Highlight fiebern Sie in der neuen Saison entgegen? Wir haben dieses Jahr als Saison-Abschluss die WM in Österreich auf meinem Hausberg auf der Golm (Vorarlberg, Anm. d. Red.). Dort bin ich praktisch groß geworden. Dementsprechend wird das ein tolles Highlight. Sie sind nach wie vor die einzige deutsche Skiakrobatin im Weltcup. Wie sieht es mit dem Nachwuchs hierzulande aus? Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt, aber es sieht nicht gut aus. Die Frage ist, wenn wir ehrlich sind: wo soll der Nachwuchs herkommen? Ohne Unterstützung, ohne System. Ich habe ja nicht mal einen Trainer. Dazu die komplette Selbstfinanzierung. Wer tut sich das auf gut Deutsch an? Bislang nur Sie. Bei mir war es eine Ausnahmesituation. Mein Papa war auch Leistungssportler, hat Skiballett gemacht. Eine Disziplin, die es mittlerweile in Wettkampfformaten nicht mehr gibt. Er hat Geld in mich investiert, zu einem Zeitpunkt, an dem man noch überhaupt nicht wusste, ob es sich irgendwann auszahlt. Jetzt sind wir recht froh, dass es sich einigermaßen gelohnt hat. Aber das hätte auch anders laufen können. Dass ich mich verletze, dass ich es psychisch nicht packe, dass es finanziell irgendwann nicht mehr aufgeht. Damit Nachwuchs kommen kann, muss förderungsmäßig etwas passieren, anders funktioniert es nicht. Speerwerferin Julia Ulbricht offenbarte kürzlich nach dem Gewinn der Silbermedaille bei der Leichtathletik-EM, dass sie Nebenjobs ausübt, um ihren Sport zu finanzieren. Kommt Ihnen das bekannt vor? Ja, auf jeden Fall. Deutschland in meinem Sport als Einzige auf internationaler Bühne repräsentieren zu dürfen, ist Fluch und Segen zugleich. Ich bin auf der einen Seite sehr dankbar, weil die Herausforderungen, die ich meistern muss, mich zu dem Menschen geformt haben, der ich heute bin. Auf der anderen Seite ist es so, dass ich mich komplett selbst finanzieren muss. Vom Deutschen Skiverband bekomme ich keine Förderung. Was würden Sie sich vom DSV in der Hinsicht wünschen? Wir brauchen eine gewisse strukturelle Förderung, ganz klar. Das wäre das, was ich bräuchte, was der Sport bräuchte. Ich glaube, wir müssten individueller fördern. Athletinnen wie ich fallen oft durchs Raster, das ist schade. Alles ganz allein zu organisieren, kostet Energie, die im Training und im Wettkampf fehlt. Wie decken Sie Ihre Kosten für Trainingslager, Hotels, Reisen? Ich muss mich komplett über Sponsoren und über die Sporthilfe finanzieren. Zusätzlich greift mir der Olympiastützpunkt Stuttgart und auch der Landessportverband Baden-Württemberg immer wieder unter die Arme. In diesem Jahr kommt glücklicherweise noch der Tipico-Fonds hinzu, in den ich für diese Saison aufgenommen wurde und der mich bei der Finanzierung meines Sommertrainings unterstützt. Das ist echt Gold wert. Das heißt, nächstes Jahr haben Sie wieder eine größere Ungewissheit, was die Finanzen angeht, weil der Fonds immer nur für ein Jahr gilt? Korrekt. Mein Leben ist eigentlich eine einzige Ungewissheit (lacht). Aber ich bin sehr gläubig und habe die Erfahrung gemacht, dass es trotz vieler Fragezeichen am Ende des Tages irgendwie weitergeht. Hatten Sie schon mal Gedanken, aufgrund der schwierigen Finanzierung Ihre Karriere vorzeitig zu beenden? Klar, die Gedanken gibt es immer mal wieder. Wenn man sich nicht mehr finanzieren kann, muss man zwangsläufig irgendwann aufhören. Ich kann schließlich nicht mit 100.000 Euro Schulden oder noch mehr aus meiner Karriere gehen. Was müssen Sie aufbringen, um eine Saison inklusive Vorbereitung bestreiten zu können? Etwa 100.000 Euro. Das kommt immer darauf an, mit welchem Team ich unterwegs bin. Wie sieht es mit Preisgeldern aus? Wenn du jeden Weltcup gewinnst, kannst du dich ganz gut finanzieren. Aber wir sind eine Sportart, in der niemand derart dominiert, dass er oder sie wirklich jedes Event gewinnt. Für einen Weltcup-Sieg bekommt man etwa 14.000 bis 15.000 Schweizer Franken . Für einen zehnten Platz gibt es noch 450 Franken. Davon gehen noch Steuern ab. Wir haben diesen Winter lediglich sechs Weltcups. Es könnten gerne ein paar mehr sein. Klar ist: Ohne meine Sponsoren könnte ich den Sport nicht ausüben. Mit den meisten habe ich Prämien-Vereinbarungen. Wenn ich besser springe, bekomme ich einen Bonus. Aber meist reicht es trotzdem nicht, um den Weltcup zu finanzieren. Um was kümmern Sie sich abseits von Training und Wettkämpfen noch „nebenbei“? Wie sieht eine normale Woche bei Ihnen aus? Ich trainiere rund 40 Stunden pro Woche. Dazu habe ich ungefähr 20 Stunden Reisezeit, manchmal auch ein bisschen mehr. Ich studiere, mache gerade meinen Master in General Management. Dazu arbeite auch noch ein wenig bei meinem Sponsor Interstuhl. Die Sponsorenakquise mache ich komplett selbst. Zusätzlich muss ich meine Reisen organisieren. Ich muss schauen, ob es günstiger ist, einen Tag früher zu fliegen und noch eine zusätzliche Nacht im Hotel zu haben oder einen Tag später einen teureren Flug zu nehmen, dafür aber eine Hotel-Übernachtung zu sparen. Wenn der finanzielle Spielraum nicht so eng wäre, wäre es deutlich einfacher. Aber so sind es jede Menge Zeit und Energie, die da verloren gehen. Abgesehen von den finanziellen Herausforderungen: Wie lange möchten Sie Ihren Sport noch ausüben, wenn es der Körper zulässt? Ich würde gerne bis 2030 weitermachen, also noch einen olympischen Zyklus. Die französischen Alpen wären nochmal ein toller Ort. Salt Lake City 2034 wäre auch schön, aber da bin ich schon 34. Ich weiß nicht, ob ich das packe. Wenn ich also bis 2030 durchkomme, wäre ich sehr dankbar, denn wir sind leider eine Sportart, in der man selten von Verletzungen verschont bleibt. Was war bislang Ihre schwerste Verletzung? Ein recht komplizierter Oberarmbruch 2019. Mein eigenes Knie hat bei einer Landung meinen Oberarm gebrochen. Da hat man gesehen, wie viel Kraft auf den Körper wirkt. Schlussendlich bin ich stärker zurückgekommen. Bei meinem Comeback-Weltcup bin ich Zweite geworden. Meine beste Platzierung zuvor war ein 21. Platz. An diesen Tag denke ich heute noch gerne zurück, weil es gleichzeitig mein Sprung in die Weltspitze war. Viele Profisportler arbeiten mit einem Sportpsychologen zusammen. Sie auch? Ja, denn wir sind ein sehr mentaler Sport. Es geht viel um Visualisierung, wie kann ich meinen Körper und Geist in den Zustand bringen, dass die Sprünge gut werden. Viele Sportler fallen gerade nach Olympischen Spielen in ein tiefes Loch. Man hat sein ganzes Leben darauf hingearbeitet, dann ist dieses Event und ich sage es ehrlich: Olympische Spiele sind toll, aber sie sind auch sehr schnell wieder vorbei. Die Emotionen, die du vor Ort erlebst, die kann man sich nicht vorstellen, die sind so groß, so intensiv. Und danach ist alles auf einen Schlag still. Da einen Sportpsychologen an der Seite zu haben, ist sehr wertvoll. Gab es irgendwann Überlegungen, eine andere Sportart auszuüben? Tatsächlich habe ich mit Rennen auf der Buckelpiste begonnen. Schon als Kind habe ich oft in der Schweiz trainiert, wo die Skiakrobaten trainieren. Als ich 14 war, hat mich der Schweizer Bundestrainer gefragt, ob ich die Disziplin wechseln möchte, weil er Potenzial in mir sieht. Ich weiß noch genau, wie mein Papa zu mir gesagt hat: „Emma, ob ich jetzt Aerials finanziere oder die Buckelpiste, ist mir eigentlich egal.“ Da war klar: Ich kann in dieses funktionierende Schweizer System eintauchen, wenn ich möchte. Dazu habe ich Ja gesagt und habe es keine Sekunde bereut. Stand für Sie irgendwann einmal zur Debatte, für die Schweiz zu starten? Ja, auf jeden Fall. Aber dafür braucht man einen Pass, der in der Schweiz nicht so einfach zu bekommen ist – selbst nicht für Leistungssportler (lacht). Haben Sie schon Pläne, was Sie nach Ihrer Karriere machen möchten? Ich habe direkt nach dem Abitur angefangen zu studieren, weil es mir wichtig war, ein zweites Standbein aufzubauen. Ich kann mich morgen so schwer verletzen, dass ich aufhören muss. Dementsprechend absolviere ich jetzt das Managementstudium. Zuvor habe ich einen Bachelor im Gesundheitsmanagement gemacht und bin auch bei meinem Sponsor Interstuhl tätig, wo ich schon ein bisschen Arbeitsluft schnuppern kann. In welche Richtung es genau gehen wird, ist noch offen.