Mit zwei Euro von Köln zum WM-Finale nach New York? Diese Aufgabe haben sich drei mutige Deutsche gestellt. Das Besondere: Einer von ihnen sitzt im Rollstuhl. Was machen ein Rapper, ein Extremsportler im Rollstuhl und ein Filmemacher nur mit Unterhose bekleidet vor der größten Kathedrale Deutschlands? Das ist nicht der Beginn eines schrägen Witzes, sondern der Anfang einer verrückten Reise, die vom Kölner Dom bis nach East Rutherford in der Nähe von New York führen soll. In jenes imposante Stadion, in dem am kommenden Sonntag das Finale der Fußball-WM stattfinden wird. Fast wie Gott sie schuf standen Johannes Grasser, Simon Spädtke und Patrick Deus am Donnerstag mitten in Köln und erklärten den staunenden Passanten, was sie da halbnackt treiben. Touristen strömten vorbei, vom Hauptbahnhof schoben sich die Pendler und Reisenden Richtung Fußgängerzone – und mittendrin zogen die drei ihren Bollerwagen durch die Massen und baten wildfremde Menschen um Geld. 5.000 Euro wollen sie sammeln. So viel kosten die Flugtickets nach New York. „Das war wild“, sagt Grasser später im Gespräch mit t-online. „Es war schon eine ganz schön komische Situation, sich auf der Domplatte nackt auszuziehen“. Grasser, Spädtke und Deus wollen nach New York, zum Finale der Fußball-WM. Mit zwei Euro Starkapital. Mehr nicht. „Roll to New York“ haben sie die verrückte Mission genannt. Die Aufgabe könnte nicht größer sein, denn das Finale findet schon am nächsten Sonntag in den USA statt. Wie soll das klappen? „Der Plan ist, erstmal nach Brüssel zu kommen“, sagt Grasser, „da müssen wir wohl trampen. Von dort weiter nach Lille und Calais, dann mit dem Zug über den Ärmelkanal und uns nach London durchschlagen. Dann irgendwie an die Flugtickets kommen.“ Erstmal was zum Anziehen kaufen Vier Länder, ein Ozean. Belgien, Frankreich, England und schließlich über den Atlantik in die USA. Dabei müssen sie sich jede Unterkunft, jede Mahlzeit und jeden Schlafplatz erst verdienen. Indem sie Menschen überzeugen, etwa sie aufzunehmen oder etwas zu spenden. Dafür rappen sie, machen lustige Spiele oder gehen einfach ins Gespräch und erzählen leidenschaftlich von ihrer Mission. Vorbild der Reise war ein ähnliches Abenteuer, das drei andere Jungs aus dem Rheinland vor einigen Wochen starteten. Sie hatten es mit einem Euro von Köln nach Südafrika geschafft. Die sogenannten „Ein-Euro-Challenges“ sind die Neuauflage des Rucksackreisens. Per Anhalter in die Ferne, mit kaum mehr als einem Schlafsack und ein paar Klamotten. Klamotten aus dem Second-Hand-Laden Doch nicht mal das hatten Spädtke, Deus und Grasser. Deshalb sind sie mit dem Spendengeld des ersten Tages erstmal in einen Second-Hand-Laden gegangen und haben sich etwas zum Anziehen besorgt. Keine Fashion, sondern nur das Günstigste. „Flamingo, Bingo“, kommentiert Deus das schrille Outfit von Grasser, der in einem knallbunten Hawaii-Hemd vor ihm im Rollstuhl sitzt. „Das Geld ist jetzt weg“, ergänzt Spädtke in dem Video bei Instagram, „aber jetzt geht‘s weiter. Muss halt.“ Es geht den drei Mittdreißigern bei diesem Projekt nicht nur darum, mit leeren Händen in kürzester Zeit über den Atlantik zu kommen. Nicht um das bloße Abenteuer, sondern um mehr: Es geht um Inklusion. Mit dem verrückten Trip wollen sie auf die teilweise extremen Herausforderungen aufmerksam machen, denen Menschen mit Handicap im Alltag begegnen. Grasser, der mit der schwersten Form der Infantilen Cerebralparese lebt, würde normalerweise Wochen der Vorbereitung und umfangreiche personelle Betreuung benötigen, um eine solche Reise zu machen. Für Menschen wie ihn, die mit verkrümmten Gliedmaßen im Rollstuhl sitzen, stellen sich schon bei einer einfachen Zugfahrt in Deutschland enorme Herausforderungen. Ganz zu schweigen von den Komplikationen, die bei einer Reise durch vier Länder und einem Flug über den Atlantik warten. Geld für gemeinnützige Stiftung sammeln „Wir wollen den Menschen, die uns dabei zugucken, die das Ganze vielleicht auf Instagram verfolgen, Mut machen, dass sie sich etwas zutrauen können, auch wenn es erstmal utopisch erscheint“, sagt Grasser. „Wir wollen zeigen, dass man auch mit wenig oder nichts etwas schaffen kann“. Der 36-Jährige weiß genau, wovon er spricht. Er bestieg trotz seines Handicaps schon den rund 400 Meter steil in die Höhe ragenden Corcovado in Rio de Janeiro, er sprang mitsamt Rollstuhl vom 7,5 Meter-Turm und er ist Mitglied des paralympischen Surfteams Deutschlands. „Für uns ist das natürlich auch insofern eine Herausforderung, dass wir aus unserer Komfortzone herausmüssen, uns nackt ausziehen, fremde Leute ansprechen, und so weiter.“ Die Gesamtsumme von 5.000 Euro sollte mindestens zusammenkommen, damit Grasser, Spädtke und Deus ihr Ziel erreichen. Alles, was darüber hinaus gesammelt wird, spenden sie an die Peak-Performer-Stiftung, eine gemeinnützige Organisation, die Kinder und Jugendliche fördert. Schaffen die drei es nicht zum WM-Finale, geht das Geld, das sie eingesammelt haben, ebenfalls an die Stiftung. Dass die Hürden bei diesem Abenteuer groß sind, mussten die drei schon an den ersten beiden Tagen feststellen. In Köln, wo sie starteten, fand sich niemand, der sie aufnehmen wollte. Also blieb ihnen nichts anderes übrig, als zuhause zu schlafen. „Superliebe Menschen, die uns aufgenommen haben“ Das Sammeln des Reisebudgets lief bislang nicht so wie geplant. Spädtke verließ zwischendrin sogar mal kurz der Mut. „Es gab schon einige Situationen, wo ich dachte: ‚Ey, warum mache ich den Scheiß eigentlich?‘“. Aber die Auf und Abs zahlten sich aus, meint er: „Das Gute an der Sache ist, ein paar Minuten später kommt dann jemand an, lacht uns freundlich an und wir haben ein schönes Gespräch.“ Am zweiten Tag, da hatten sie es gerade bis Aachen geschafft, schliefen sie in einem von Punkern besetzten Kloster auf der Couch. Der Ort war alles andere als barrierefrei, zudem waren die Punks nicht unbedingt nüchtern und weckten die drei ständig auf. „Es war jetzt nicht der idealste Ort, wo man übernachten kann“, sagt Deus mit einem Schmunzeln. „Wir sind schon ordentlich aus unserer Komfortzone rausgegangen“. Und Spädtke ergänzt: „Es war zwar wild und dreckig, aber wir haben superliebe Menschen getroffen, die uns einfach bei sich aufgenommen haben.“ Nachdem die ersten beiden Tage in Deutschland schleppend verliefen, ging es plötzlich ganz schnell: Am dritten Tag hatten sie es per Anhalter schon bis ins englische Bristol geschafft. Die erste große Hürde, der Ärmelkanal, ist überwunden, Jetzt wartet der härteste Teil der Reise: bis Sonntag in die USA zu kommen. Ohne Geld, aber mit Rollstuhl. Transparenzhinweis: Der Autor begleitet Johannes Grasser bereits seit mehreren Jahren bei dessen Projekten. Er hat zusammen mit Grasser dessen Autobiografie geschrieben.