Nick Kyrgios wird positiv auf Kokain getestet. Für den Tennissport kein neues Problem – schon vor Jahrzehnten gab es Aufregung. Aus New York berichtet Jannik Schneider Ein Foto vom Fischessen in einem feinen griechischen Restaurant, ein Foto aus der griechisch-orthodoxen St. Demetrios-Kathedrale in New York – Stefanos Tsitsipas hat aktuell Zeit für solche Posts in seiner Story bei Instagram. Der griechische Tennisstar ist bei den US Open im New Yorker Stadtteil Queens schließlich zu Wochenbeginn ausgeschieden, gegen den Lokalmatador Ben Shelton war Tsitsipas beim 2:6, 3:6, 4:6 relativ chancenlos in der dritten Runde des Grand-Slam-Turniers. Nun also Fotos in gelassener Urlaubsstimmung. Dabei hatte der 28-Jährige zuvor nicht nur bis zum Shelton-Match durch starke Auftritte Aufsehen erregt, sondern auch durch bemerkenswerte Aussagen über einen Kollegen. Späte Ekstase: BVB ringt Villarreal in Krimi nieder Bei Einzug ins WM-Viertelfinale: Deutsche Basketballerinnen schreiben Geschichte Auf einer Pressekonferenz vor Turnierstart wurde Tsitsipas gefragt, ob er von der Suspendierung seines Kollegen Nick Kyrgios wegen Dopings überrascht gewesen sei. „Werde nicht versuchen, jemanden zu decken“ Tsitsipas, der mit dem griechischstämmigen Australier Kyrgios über die Jahre verschiedenste Fehden ausgetragen hat, lächelte, dachte vermutlich einen Moment über mögliche Konsequenzen nach und antwortete dann vielsagend: „Um ganz ehrlich zu sein, ich wusste schon vor der Ankündigung davon. Was soll ich Ihnen also groß erzählen?“ Dann setzte er fort: „Ich wusste schon vor der Ankündigung von all dem, und als ich es in den sozialen Medien sah, dachte ich mir: ‚Na also.‘ Ich habe es ehrlich gesagt irgendwie erwartet.“ Kyrgios war am 4. August vorläufig gesperrt worden , nachdem in einer Dopingprobe, die er während der Mallorca Open abgegeben hatte, Benzoylecgonin, ein Metabolit von Kokain, nachgewiesen worden war. Ermittlern der International Tennis Integrity Agency (ITIA) erklärte er, dass er in den frühen Morgenstunden des 20. Juni in einem Nachtclub in Magaluf Kokain konsumiert habe – zwei Nächte vor seiner Niederlage. Die Droge sei ihm von einem Partygast angeboten worden. Weiter erklärte Tsitsipas: „Ich wusste, dass das Dinge sind, die abseits der Tennisplätze passieren.“ Er legte gegen Kyrgios nach: „Ich werde nicht versuchen, jemanden zu decken, von dem ich die Wahrheit kenne.“ Er selbst halte sich für einen offenen, netten Menschen, „aber“, fuhr er fort, „das waren Verhaltensweisen, die ich persönlich auf der Tour mitbekommen habe, und ich habe gehört, wie andere Leute in demselben Umfeld solche Dinge zu mir gesagt haben. Als ich es sah, dachte ich mir: ziemlich erwartbar.“ Tsitsipas sagte noch, er sei überrascht gewesen, dass der positive Test so spät kam. Es gelten neue Regeln der Dopingjäger Die Aussagen des Griechen gingen, wie heute üblich, in Schrift- und Bildform für einen Tag viral, schafften es aber kaum über die Tennisblase hinaus. Angesichts der Größe der US Open und der Vielzahl der Ereignisse verschwand das Thema. Auch die Veröffentlichung der Dopingjäger wenige Tage später, Kyrgios sei nur rückwirkend für einen Monat gesperrt worden und wieder spielberechtigt, ging im Grand-Slam-Wahnsinn unter. Dass Kyrgios mit nur einem Monat Sperre davonkam, liegt an einer Regeländerung der Dopingjäger. Bei der Einnahme außerhalb von Wettkämpfen gelten für missbräuchlich verwendete Substanzen seit ein paar Jahren mildere Sanktionen von drei Monaten bis vier Wochen, wenn sich der Sportler einem Therapieprogramm unterzieht. Exakt auf dieses Szenario ließ sich Kyrgios ein, seine einmonatige Sperre endete vergangenen Donnerstag. Aufgrund der gemessenen Menge bei Kyrgios, so die ITIA, sei davon auszugehen, dass Kyrgios die Droge zu Partyzwecken und nicht als Aufputschmittel vor dem Wettkampf nutzte. Tennislegende Yannick Noah erregte einst Aufsehen Dabei wirft der Fall eine Frage auf, die weit über Kyrgios hinausgeht: Ist Kokain im Profitennis vor allem eine Partydroge – oder auch ein Dopingmittel? Auf der Verbotsliste der Weltantidopingagentur (Wada) steht Kokain unter den im Wettkampf verbotenen „Stimulanzien“, die „sowohl die körperliche als auch psychische Leistungsfähigkeit kurzfristig verbessern“ können. Deshalb gab es auf einen positiven Kokaintest im Weltsport bis vor ein paar Jahren – unabhängig vom Zeitpunkt der Einnahme – eine ordnungsgemäße zweijährige Sperre, wie bei leistungssteigernden Mitteln üblich. Im Tennis wurden die Verantwortlichen erst spät auf die Problematik aufmerksam. Yannick Noah, der spätere French-Open-Sieger, brach 1980 das Schweigen aufseiten der Spieler. In einem Interview mit „Rock & Folk“, dem französischen Pendant zum Magazin „Rolling Stone“, gab er selbst zu, Haschisch zu rauchen, beschuldigte jedoch andere Spieler, Kokain zu konsumieren. Darüber hinaus – und das sei seiner Meinung nach noch schlimmer – nähmen einige Amphetamine ein. Das ärgere ihn, so Noah, weil es die „sauberen“ Spieler benachteilige. Er beklagte, dass diese möglicherweise Kokain oder Amphetamine nehmen müssten, um mit den Drogenabhängigen mithalten zu können. Noahs Äußerungen zu Kokain und Speed wurden ignoriert, ebenso wie die Spieler, von denen er in jenem Interview sagte: „Die nehmen während eines Turniers Drogen und brechen danach zusammen. Es gibt Spieler, die bei einem Turnier großartig gespielt haben und die man danach nie wieder gesehen hat.“ Becker: „Ja, beim besten Willen, ja“ Mitte der 80er-Jahre wurden dann im Tennis erste Tests eingeführt. Zuvor waren zahlreiche weitere Spieler in Berichten und Büchern des Missbrauchs bezichtigt worden. Während seines Comebacks Anfang der 1990er-Jahre wurde der siebenmalige Grand-Slam-Sieger Mats Wilander, heute TV-Experte, zusammen mit Karel Novacek positiv auf Kokain getestet. 1994 sagte Boris Becker der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ auf die Frage, ob Tennisprofis verbotene Mittel einnehmen würden: „Ja, beim besten Willen, ja. Ich will nicht sagen, dass das unbedingt Anabolika waren – aber Koks, Speed, Marihuana bestimmt.“ Becker: „Die Frage ist, ob die Spielergewerkschaft ATP eine Probe überhaupt positiv ausfallen lassen kann, weil dann die ganze Szene in Verruf gerät und die Sponsoren erst recht weggehen.“ Der große Björn Borg, für viele einer der besten Spieler der Tennis-Historie, berichtete Jahre nach dem Ende seiner Laufbahn. „Als ich das erste Mal Kokain genommen habe, habe ich einen so starken Schub verspürt wie einst beim Tennis“, beschrieb der Schwede seinen ersten Kontakt mit der Droge Anfang der 1980er-Jahre in der damals berühmten New Yorker Diskothek „Studio 54“. Borg beendete seine Karriere 1983 mit erst 27 Jahren. In der neueren Zeit wurden unter anderem Stars wie Martina Hingis , Richard Gasquet und Daniel Evans positiv auf Kokain getestet. Hingis beendete 2007 daraufhin ihre Karriere, um die Zwei-Jahres-Sperre, die damals noch inkraftgetreten wäre, zu umgehen. Gasquet leugnete 2009 erst die Vorwürfe und entwickelte später mit Anwälten eine Verteidigungsstrategie: In einem Nachtclub in Miami habe ihn eine Stripperin namens „Pamela“ geküsst, und diese habe vorher Kokain konsumiert. Ergebnis: verkürzte Sperre. Evans wurde 2017 während des ATP-Turniers in Barcelona positiv auf Kokain getestet, übernahm aber die volle Verantwortung und erhielt ein Jahr Sperre. Er spielte sich zurück und war bis 2026 aktiv. „Habe mich hilflos und allein gefühlt“ Auch Nick Kyrgios wird nach seiner kurzen Sperre nun weiter spielen. Der mittlerweile 31-Jährige, der einst als Top-Talent galt und es noch 2022 ins Finale von Wimbledon geschafft hatte, ist aber längst kein Faktor mehr im Sport. Aufgrund von zahlreichen Verletzungen, mentalen Schwierigkeiten und Problemen außerhalb der Tenniscourts ist er in den vergangenen Jahren zu einer Art Stand-by-Profi verkommen. In der Weltrangliste ist er auf Rang 918 abgerutscht. „Die letzten Jahre haben Spuren hinterlassen, sowohl körperlich als auch mental“, schrieb Kyrgios nach Bekanntwerden seines Vergehens in seiner Instagram-Story. „Mein Körper ist nicht mehr zu dem fähig, was mein Kopf von ihm erwartet, und damit zurechtzukommen, dass ich mich dem Ende meiner Karriere nähere, ist schwerer, als ich es mir je hätte vorstellen können.“ Mehr noch: „Zeitweise habe ich mich hilflos und allein gefühlt.“ Dies solle aber keine Rechtfertigung sein. „Ich habe einen großen Fehler gemacht und übernehme die volle Verantwortung.“ Was Intimfeind Stefanos Tsitsipas dazu sagt, ist nicht bekannt.