DFB-Elf verliert mit Jürgen Klopp: Stefan Effenberg beurteilt Niederlage

Die deutsche Nationalmannschaft patzt beim Heimdebüt des neuen Bundestrainers. Die Niederlage hätte zu keinem unpassenderen Zeitpunkt kommen können, meint t-online-Kolumnist Stefan Effenberg – und wird deutlich. Ich sage es ganz offen: Es hat tatsächlich einen Moment gedauert, bis ich dieses 0:1 der deutschen Nationalmannschaft gegen Griechenland verarbeitet hatte. Und ich komme nicht drumherum, so deutlich zu werden: Ein schlechteres Ergebnis hätte Neu-Bundestrainer Jürgen Klopp so früh in seiner Amtszeit nicht passieren können. Aber nicht nur das: Ein schlechteres Ergebnis hätte auch Fußball-Deutschland und der Euphorie, die mit Klopps Amtsantritt entfacht wurde, nicht passieren können. Es ist genau das eingetreten, wovor ich noch in meiner letzten Kolumne nach der Kadernominierung gewarnt habe: Ein ganz heftiger Dämpfer für die gerade erst wieder entwickelte Begeisterung und Vorfreude rund um die DFB-Elf . Allen, die etwas anderes erhofft hatten, muss ich nun leider sagen: Willkommen in der Realität. Und diese Realität kann jetzt endgültig niemand mehr verleugnen oder schönreden: Deutschland ist keine Spitzennation mehr, sondern nur noch Mitläufer im Weltfußball. Fünfmal Note 5: DFB-Stars verpatzen Klopps Heimdebüt Kein Heilsbringer: Löwenmutter Klopp „wusste es schon vorher“ 44 Spieler hat der neue Bundestrainer für die vier Partien in der Nations League nominiert, darunter zahlreiche Debütanten, junge Spieler und Talente. Es ehrt ihn, dass er viel versuchen will, dass er so vielen eine Chance geben will, sich zu beweisen. Aber schon der Eindruck der ersten 22 Spieler aus den Partien gegen Griechenland und am vergangenen Donnerstag gegen die Niederlande hat auf unangenehme Weise gezeigt: Ein personeller Umbruch könnte, wenn nicht sogar fast wirkungslos verpuffen, zumindest mehr Zeit in Anspruch nehmen, als es viele wahrhaben wollen. Die Qualität, die wir derzeit vorweisen können, ist von der Weltelite, von Spanien, England, Frankreich, Argentinien, weit entfernt. Das müssen sich Klopp und sein Trainerteam vorwerfen lassen Haben Sie gehört, was Klopp nach dem Griechenland-Spiel gesagt hat? Es sei „ein Prozess“, die deutsche Mannschaft nach vorn zu bringen, wieder in der Spitze mitzuspielen. Dieser „Prozess“ wird schwer genug. Zumindest, wenn man so auftritt wie gegen Griechenland, das aktuell auf Platz 42 der Weltrangliste steht und noch nicht mal die Qualifikation zur XXL-WM diesen Sommer geschafft hat. Können Sie sich an eine einzige hochkarätige deutsche Torchance aus den 90 Minuten in Augsburg erinnern? Ich auch nicht. Die Griechen, die viel mit langen Bällen agierten und eigentlich nicht schwer auszurechnen waren, hatten dagegen gleich zwei hundertprozentige: Die Möglichkeit für Fotis Ioannidis in der 67. Minute, als er allein vor dem deutschen Torwart Alexander Nübel vergab – und dann kurz darauf die Gelegenheit, die Dimitrios Kourbelis zum 1:0-Siegtreffer verwertete. Was mich dabei auch verwundert: Dass die Griechen tief stehen würden, war ja keine Überraschung, dafür kennen wir sie seit über 20 Jahren. So sind sie 2004 unter Otto Rehhagel Europameister geworden. Sowohl die deutsche Mannschaft als auch Klopp und sein Trainerteam müssen sich vorwerfen lassen, dass sie nun gegen diese altbekannte Spielweise kein Rezept hatten, keine Lösung gefunden haben. Eine Mannschaft, die so spielt wie Deutschland am Sonntagabend, die hat es auch verdient, nur noch als Mittelmaß wahrgenommen zu werden. Das Griechenland-Spiel erinnerte an Klopps Vorgänger Denn was man auch nicht vergessen darf: Schon das erste Spiel gegen die Niederlande hätte verloren werden können. Da war der Auftritt der deutschen Elf zwar gut, aber nicht überragend. Es war klar, dass wir gegen die Niederlande nicht übermäßig viel Ballbesitz haben würden – aber es waren doch enorm viele Wackler im deutschen Spiel. Über den Punkt können wir am Ende froh sein, denn das 1:1 schmeichelt eher uns als den Niederlanden. Torwart Marc-André ter Stegen hat – trotz einiger Unsicherheiten – mehrfach glänzend gerettet, ansonsten hätte schon diese Partie böse enden können für die DFB-Elf. Stattdessen passierte das Unvermeidliche drei Tage später. Natürlich konnte nicht erwartet werden, dass nach nur kurzer Vorbereitung unter dem neuen Bundestrainer Deutschland die Niederlande und Griechenland mit Zauberfußball vorführt. Und selbstverständlich muss sowohl Klopp als auch den Spielern etwas Zeit gelassen werden, einander zu finden. Gerade das zweite Spiel aber erinnerte an viele Auftritte unter Klopps Vorgängern in den vergangenen Jahren. Es war kein Fortschritt erkennbar, keine neue Spielidee. Und das muss – bei aller Perspektive – Sorgen machen. Klopp weiß natürlich, worauf er sich eingelassen hat beim DFB , ist erfahren genug, die Situation und die Aufgabe richtig einzuschätzen. Er weiß ganz genau: Die Öffentlichkeit verzeiht ihm mehr als anderen Trainern. Aber: An ihn werden auch größere Erwartungen gestellt als an andere Trainer. Deshalb muss er jetzt aufpassen: Sollte in den nächsten Spielen weiter keine Besserung eintreten, wird sich der Ton auch ihm gegenüber schnell verschärfen. Darauf muss er vorbereitet sein. Der große Haken an diesem Job wird ihm nun gerade vor Augen geführt: Als Bundestrainer nämlich kann er nicht einfach einen neuen Spieler für 100 Millionen Euro holen wie als Vereinscoach. Er muss mit dem arbeiten, was ihm die Vereine liefern. Das ist sein Dilemma. Jetzt haben die erst einmal die nächsten 22 Spieler die Möglichkeit, sich zu beweisen. Gegen Serbien am Donnerstag in München ist ein Sieg jetzt Pflicht. Dazu ist einerseits die Nations League zu wichtig – und anderseits würde so die Anfangseuphorie neuen Auftrieb erfahren. Die DFB-Elf muss jetzt zeigen: Es tut sich was. Für ein gutes Gefühl sowohl bei den Spielern als auch bei den Fans.