Vincent Kompany: Kollaps des Bayern-Trainers regt eine Diskussion an

Der Job eines Fußballtrainers ist anstrengend und kräftezehrend. Der Einsatz wirkt oft alternativlos. Aber ist er das? Fast anderthalb Jahre ist es her, da machte Ralf Kettemann auf sich aufmerksam. Kettemann wurde als neuer Cheftrainer des SC Paderborn vorgestellt und sagte bei seiner ersten Pressekonferenz: „Ich habe für einen Deutschen sicher etwas von einem Freigeist. Ich werde nicht immer der Erste auf dem Trainingsgelände sein und auch nicht immer der Letzte, der geht.“ Das Besondere an dieser Aussage war ihre Seltenheit. Viele Trainerinnen und Trainer wollen als „Arbeitstiere“ gesehen werden, damit bloß keine Zweifel an ihrem Einsatz aufkommen. Trainer stehen permanent unter Beobachtung der eigenen Klubführung, der eigenen Mannschaft, der eigenen Fans, der medialen Öffentlichkeit. Früh kommen, spät gehen, das ist das Mantra. Für eigene Hobbys bleibt wenig Zeit. Erfolgstrainer Pep Guardiola schaute laut Biograf Guillem Balagué bis tief in die Nacht stundenlang Videomaterial seines nächsten Gegners, um Schwächen in dessen System zu finden. Der Augsburger Trainer Manuel Baum rechnete vor vielen Jahren in der „Sport Bild“ vor, dass sein Arbeitstag durchschnittlich 14 Stunden lang sei. „Man kann sagen, dass für 90 Minuten auf dem Spielfeld 90 bis 100 Stunden Arbeit notwendig sind. Das ist keine Übertreibung“, so Baum. Ex-Nationalspieler Torsten Frings erklärte vor sieben Jahren bei t-online : „Du bist 24 Stunden lang an deinen Job gefesselt, denkst am Frühstückstisch, beim Autofahren, im Bett darüber nach, wie du dein Team weiterbringen kannst. Die Arbeit ist extrem komplex.“ Vincent Kompany : Stefan Effenberg nimmt FC Bayern in die Pflicht „Kein schöner Moment“ : Bayern-Boss gibt Update zu Kompany Auch Vincent Kompany wird nachgesagt, extrem viel und lange zu arbeiten. Der Trainer des FC Bayern verlässt das Trainingsgelände in der Regel weit nach seinen Spielern. Die „Sport Bild“ berichtete, dass zu spät kommende Profis zur Strafe so lange auf dem Gelände bleiben müssen, bis Kompany die Säbener Straße verlässt. Das bedeutet meist mehrere Stunden Wartezeit. Seinem Vater zufolge arbeitet der 40-Jährige gerne mal 18 Stunden am Tag. Am vergangenen Freitag brach Kompany beim Training der U23 des FC Bayern zusammen. Der Belgier hatte zuvor an einem Infekt gelitten und zwei Tage pausiert. Gegen den FC Arsenal am Mittwoch stand er trotzdem an der Seitenlinie. „Als Trainer will man immer alles tun und alles machen. Ich habe einen ziemlich saftigen Virus bekommen letzte Woche, habe dann natürlich nicht auf meinen Körper gehört und dann hat der Körper irgendwann gesagt: Jetzt hör mal auf“, sagte er nach dem Spiel. Zwei Tage später folgte dann die Einlieferung ins Krankenhaus. Es sei eine Frage von Wochen bis zu Kompanys Rückkehr, nicht von Tagen, so Sportvorstand Max Eberl . Oberste Priorität habe es, die genaue Ursache für Kompanys Zusammenbruch zu finden. Denn noch ist nicht klar, ob es der Infekt, die hohe Belastung, eine Kombination aus beidem oder etwas anderes war. „Wer passt schon auf den Trainer auf?“ Der „Bild“ zufolge machten sich aber einige Spieler schon seit geraumer Zeit Sorgen um ihren Trainer. Dabei soll es um das Arbeitspensum des Belgiers gegangen sein. Dem Bericht zufolge fiel den Profis der Schlafmangel des Trainers auf. Und dass Kompany weniger Sport als zuvor treibe und unregelmäßig esse. Auch dass er viel Kaffee trinke und sich zu viel Arbeit aufhalse, war in der Kabine demnach Gesprächsstoff. Seit Kompanys Zusammenbruch ist das Thema Belastung für Trainer ein vieldiskutiertes geworden. Leipzigs Martín Demichelis sagte: „Wir als Trainer denken 24 Stunden darüber nach, was wir verbessern können. Unser Kopf arbeitet wahrscheinlich viel zu viel.“ Dortmunds Niko Kovač fragte: „Wer passt schon auf den Trainer auf? Wenn der Trainer nicht auf sich aufpasst, beziehungsweise die Familie, dann ist es, glaube ich, ein bisschen schwieriger.“ Freiburgs Julian Schuster ging der Vorfall ebenfalls nahe. „Das nimmt man schon mit und macht sich auch Gedanken, und war natürlich auch Thema bei uns im Trainerteam und auch zu Hause“, so der 41-Jährige. „Wir Trainer sind nicht immer so sehr gut darin, auf uns selbst dann auch immer wieder zu achten, weil du natürlich auch diese Verantwortung hast.“ Ralf Kettemann hat das auch auf die harte Tour lernen müssen, wie er Anfang September der „Sport Bild“ erzählte. Als Kettemann Spielertrainer beim Amateurklub TSV Ilshofen war, geriet er in eine „Arbeitsspirale, habe mich nach Sieg und Niederlage definiert. Das hatte damals Spuren bei mir hinterlassen, mir fehlte phasenweise die Kraft, sodass ich vereinzelt zu Spielen gefahren werden musste.“ Erst mit professioneller Hilfe schaffte er es aus dieser Situation heraus. Zwar haben Trainer im Profifußball meist mehrere Assistenten zur Verfügung, die das Training übernehmen, die Spiele analysieren und sich teilweise auch individuell um die Spieler kümmern. Dennoch wollen viele Coaches selbst über das kleinste Detail entscheiden und sind von einem Perfektionismus angetrieben, der den Arbeitsaufwand in die Höhe schießen lässt. Die Frage, ob es dafür einen Weg raus gibt, müssen sich die Trainer und ihre Vereine selbst stellen. Denn sowohl die Belastungsgrenzen der Coaches als auch die Voraussetzungen der Vereine unterscheiden sich deutlich voneinander. Das ungewöhnliche Modell Eine denkbare Option wäre die Arbeitsteilung. Viking Stavanger, der norwegische Champions-League-Teilnehmer und Gegner des FC Bayern, etwa hat ein Trainerduo. Bjarte Lunde Aarsheim und Morten Jensen stehen beim norwegischen Tabellenführer gleichberechtigt an der Seitenlinie. Das eher ungewöhnliche Modell funktioniert, beide übernehmen unterschiedliche Aufgaben, entscheiden aber am Ende gemeinsam. Mit Erfolg: Vergangenes Jahr gewann Stavanger die erste Meisterschaft seit 1991. Auch der kommende Bayern-Gegner hat zwei verschiedene Cheftrainer. Beim 1. FC Magdeburg sind Petrik Sander und Pascal Ibold gemeinsam im Amt. Der 65 Jahre alte Sander bringt viel Erfahrung ein und übernimmt zudem die Medienauftritte. Ibold wiederum kannte die Mannschaft bereits aus seiner Zeit als Assistent seiner beiden Vorgänger und übernimmt meist das aktive Coaching an der Seitenlinie. Bei einem Topklub wie dem FC Bayern ist ein solches Modell bisher undenkbar. Womöglich würde Kompany das auch nicht wollen. Gleichzeitig stößt der Fall eine wichtige Diskussion an, von der der Belgier in Zukunft – in welcher Form auch immer – selbst profitieren kann.