Auf den pompösen 75-Millionen-Transfer zu Newcastle folgt für Nick Woltemade ein Jahr zum Vergessen. Sein Ausweg heißt Turin. Kann er dort seinen Karriere-Knick reparieren? „Nächstes Kapitel: Turin“. Kurz und bündig kommentierte Nick Woltemade am Dienstag seinen Last-Minute-Wechsel zu Juventus auf seinem Instagram-Kanal. Auf den letzten Drücker macht der Nationalspieler den Abflug aus England, verlässt Newcastle United am „Deadline Day“ nach nur einer Saison leihweise in Richtung Italien. In Bezug auf Vereinsfarben und Trikotdesign muss er sich nicht groß umgewöhnen, läuft Juventus doch genau wie Newcastle schwarz-weiß-gestreift auf. Ansonsten dürfte einiges anders werden. Doch das kennt der gebürtige Bremer nur zu gut – und genau darauf hofft der 24-Jährige, nachdem seine Zeit in Nordengland, die so schwungvoll begann, zunehmend zäh und unbefriedigend für alle Beteiligten endete. Zumindest vorerst. Woltemade involviert: Newcastle United unterbreitete BVB wohl wildes Tauschangebot Nach Kabinenzoff: Ex-Bayern-Star offenbart: „Ich wollte Hoeneß verprügeln“ Turin ist bereits Woltemades fünfter Verein in den vergangenen fünf Jahren. Werder, Elversberg, Stuttgart, Newcastle und nun Juventus. Außer bei Jugendklub Bremen hielt er es nie länger als ein Jahr aus. Bei Werder schaffte er den Durchbruch nicht, wurde nach Elversberg verliehen, für die er 2022/23 zehn Tore erzielte und mit dem heutigen Bundesligisten in die 2. Liga aufstieg. Nach nur zwei Treffern in 30 Liga-Einsätzen in der Folgesaison in Bremen suchte er seine Chance in Stuttgart – und nutzte sie. Er schoss den VfB 2025 mit fünf Treffern im Wettbewerb inklusive eines Finaltores zum DFB-Pokalsieg, traf in der Liga zwölfmal. Von dieser Leistungsexplosion wurden wohl selbst die VfB-Verantwortlichen überrascht. Zumindest meldeten sie Woltemade vor der Saison nicht für den Champions-League-Kader, sodass dieser alle Königsklassenspiele von der Tribüne aus verfolgen musste. Trotzdem wurde es Woltemades Jahr. Auf dem Weg mit der U21 ins EM-Finale erzielte Woltemade dann sechs Tore in fünf Partien, wurde Torschützenkönig des Turniers und bereits kurz vorher A-Nationalspieler. Doch nach der ersten starken Saison seiner Karriere und noch ohne jegliche internationale Erfahrung auf Vereinsebene wollte er den VfB schon wieder verlassen. Am liebsten zu den Bayern. Und auch die wollten ihn. Bayerns „Idioten“-Kritik verstummt – aber nur kurzfristig Doch der Rekordmeister akzeptierte die ambitionierte Ablöseforderung der Schwaben nicht. Es war die Transfersaga des Sommers 2025. Zwischenzeitlich stand eine Ablöse von 90 Millionen Euro im Raum, am Ende wurden es dem Vernehmen nach 75, die schließlich Newcastle bezahlte und dafür Spott aus München erntete. Bayern-Patron Uli Hoeneß polterte, dass Woltemade „keine 90 Millionen“ wert sei. Der 1,98-Meter-Mann sei ja „nicht von Fußball-Fachleuten geholt worden, sondern von irgendeinem Öl-Konzern in Saudi-Arabien“. Sein langjähriger Kompagnon Karl-Heinz Rummenigge stimmte mit ein: „Ich kann denen in Stuttgart nur gratulieren, dass sie einen – ich sage jetzt mal in Anführungszeichen – Idioten gefunden haben, der so viel Geld bezahlt hat, weil das hätten wir in München gesichert nicht gemacht.“ Aber nach vier Toren in seinen ersten fünf Ligapartien auf der Insel wurde Woltemade direkt als „Big Nick“ gefeiert, schlug voll ein. Es schien, als würde er die skeptischen Bayern-Granden Lügen strafen. Inzwischen dürften die sich jedoch ein Stück weit bestätigt sehen. Erst wurden die Tore weniger, dann die Einsatzzeiten und später fand sich Woltemade unter Ex-Trainer Eddie Howe auf einer anderen, defensiveren Position wieder. Wenn er denn mal spielen durfte. Das änderte sich auch zu Beginn der neuen Saison unter dem neuen Trainer, seinem Landsmann Matthias Jaissle, nicht. Nur 19 Minuten durfte Woltemade in den ersten beiden Ligaspielen der neuen Saison ran, legte in der kurzen Zeit sogar einen Treffer per Kopf auf. Doch auch das führte nicht mehr dazu, dass sich Woltemade berechtigte Hoffnungen auf mehr Einsatzzeiten machen durfte. Der Ausweg hieß daher Turin. Bei Juve ist ein alter Bekannter im Sturm gesetzt Beim italienischen Rekordmeister will er wieder regelmäßig spielen. Aber: Als Stoßstürmer ist dort der Ex-Frankfurter Randal Kolo Muani gesetzt. Für den flexibel einsetzbaren Woltemade käme eine Position hinter dem Franzosen infrage. Dort spielte zuletzt Jonathan David, den Juve am Dienstag an Atlético Madrid verlieh. Möglich, dass Woltemade im 4-2-3-1-System von Trainer Luciano Spalletti für genau diese Rolle vorgesehen ist. Das Ziel, das der Torjäger mit seinem einjährigen Italien-Abstecher verfolgt, ist klar. Er will nicht nur für seinen Klub, sondern auch wieder für die Nationalmannschaft unter Bundestrainer Jürgen Klopp ein Faktor werden. Die DFB-Elf und Woltemade – auch so ein unstetes Karriere-Kapitel. Stand Woltemade in der WM-Qualifikation noch in allen sechs Partien in der Startelf und hatte mit vier Treffern großen Anteil, dass die DFB-Elf zur Endrunde in die USA fliegen durfte, war er in Übersee plötzlich komplett außen vor. Keine einzige Spielminute bekam er in der Gruppenphase. Im Sechzehntelfinale gegen Paraguay dann in der 88. Minute eingewechselt, sollte er plötzlich retten, was kaum noch zu retten war. Ohne Spielpraxis und mit wenig Selbstvertrauen leitete Woltemade mit seinem Fehlschuss im Elfmeterschießen das Debakel der deutschen Mannschaft unfreiwillig mit ein. All das, den Frust aus Verein und Nationalteam, will Woltemade jetzt in Norditalien hinter sich lassen. Immerhin: Während Newcastle nach einem enttäuschenden zwölften Platz in der Vorsaison international gar nicht vertreten ist, spielt Turin in der Europa League – und bietet Woltemade eine zusätzliche Bühne, um auf sich aufmerksam zu machen. Los geht’s für ihn mit einem Kracherduell in der Liga am Sonntag gegen die AC Mailand (ab 20.45 Uhr im t-online-Liveticker). Dort könnte der Deutsche direkt im Kader stehen. Es soll der erste Schritt sein, um seiner Karriere wieder Schwung zu verleihen. Klar ist: Viel Anlaufzeit darf er sich nicht erlauben. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass er auch in Turin nicht länger als ein Jahr bleibt, ist groß. Eine Kaufoption besitzen die Italiener nicht.